Die «Rundschau» wird reingewaschen

Die «Rundschau» wird reingewaschen

20 Zuschauer reichten Beschwerde ein gegen einen Beitrag der «Rundschau» von SRF über «Corona-Ärzte». Auf 14 Seiten stellt die SRG-Ombudsstelle den TV-Leuten nun ein makelloses Zeugnis aus. Der Bericht der Beschwerdeinstanz klingt aber alles andere als «unabhängig».

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von Stefan Millius am 29.3.2021, 14:30 Uhr
Screenshot aus dem Rundschau-Beitrag vom 10. Februar 2021.
Screenshot aus dem Rundschau-Beitrag vom 10. Februar 2021.
Die «Rundschau» von SRF stach in ein Wespennest. Die Sendung vom 10. Februar 2021 berichtete von Ärzten, die sich gegen die aktuellen Coronamassnahmen stemmen und beispielsweise in ihrer Praxis auf die Maske verzichten.
Der Beitrag wurde in den sozialen Medien harsch kritisiert. Der generelle Tenor: Unablässig erfuhren die Gebührenzahler, was die «Rundschau»-Redaktion selbst denkt, es wimmelte im Beitrag von subjektiven Bemerkungen.

Gesammelte Entgegnung

Knapp 20 Beanstandungen gegen den «Rundschau»-Beitrag gingen laut der Ombudsstelle der SRG unter Esther Girsberger und Kurt Schöbi ein. Weil sich die Kritik darin weitgehend deckte, wurden die Beschwerden nicht individuell, sondern mit einem Sammelbericht beantwortet. Er geht auf 14 Seiten auf sechs «Hauptkritikpunkte» ein und liegt dem «Nebelspalter» vor; die Ombudsstelle hat ihn selbst noch nicht öffentlich publiziert.
Den Hauptteil des Berichts bildet die Stellungnahme der Redaktion. Die Leistung der Ombudsstelle erschöpft sich in einem jeweiligen wohlwollenden Fazit. Die Abschlussbilanz ist noch klarer: Der Beitrag sei «ohne Zweifel überaus kritisch» gewesen – aber nicht zu beanstanden.

«Anerkannte Fachmeinung»

Gleich zu Beginn des Berichts ordnen die SRF-Leute den Begriff «Wissenschaft» so eindeutig ein, dass sich eigentlich jede Debatte erübrigt. Zwar entwickle sich Wissenschaft «dank laufender Forschung stetig weiter.» Aber es gebe zentrale Erkenntnisse, die «anerkannt und belegt» seien:

«Wer diese Erkenntnisse bestreitet, stellt sich quer zu den anerkannten Fachmeinungen».

Redaktion «Rundschau»
Die Beanstander hatten sich in vielen Fällen sogar die Mühe gemacht, Links zu Gegenstudien aufzuführen. Nur geschah mit diesen Informationen nichts. Man könne solche Studien nicht «einzeln prüfen und kommentieren», so die «Rundschau»-Leute, man halte sich stattdessen an den «aktuellen, breit anerkannten Forschungsstand».
Wer diesen aktuellen Stand definiert, wenn sich die Wissenschaft ja dauernd bewegt, bleibt offen. Genau so offen wie die Frage, wie man eigentlich SRF-Journalist werden kann, wenn man keine Lust oder Zeit hat, andere Quellen zu prüfen.

Originelle Definition

Ebenfalls kritisiert wurde in den Beschwerden der mehrfach eingesetzte Begriff «Corona-Skeptiker». Er suggeriert, jemand bezweifle, dass es Corona, also das Virus, überhaupt gebe. Das trifft anerkanntermassen auf eine sehr kleine Zahl von Leuten zu. Die Fernsehleute kreieren nun in ihrer Verteidigung kurzerhand eine eigene Definition, die Ombudsstelle übernimmt diese:

Der Begriff «Corona-Skeptiker» an sich ist nicht negativ. Es kann ein Mensch sein, der skeptisch ist gegenüber der Existenz des Corona-Virus, oder aber ein Mensch, der skeptisch ist gegenüber den Massnahmen gegen das Virus.

Ombudsstelle SRG
Wie man darauf kommen kann, ist schleierhaft. Der Begriff «Corona-Skeptiker» enthält das Wort Massnahmen schlicht und ergreifend nicht. Der TV-Zuschauer müsste also im Voraus wissen, dass die «Rundschau» das Wort anders definiert.

Persönliche Bemerkungen

Der gesamte Beitrag war durchsetzt von persönlichen Meinungsäusserungen des Reporters und des Off-Sprechers. Immer wieder auch in einem ungläubigen oder abwertenden Tonfall. Das habe an den Interviewpartnern gelegen, findet die Redaktion, weil diese «hartnäckig mit allfälligen Widersprüchen, unbelegten Aussagen oder unklaren Äusserungen» operierten. Die Ombudsstelle sucht und findet die Schuld ebenfalls bei den Befragten – und nicht bei den Fragestellern.

«Lügenärzte»

Das Zückerchen zum Schluss: Auf der SRF-Play-Webseite, auf der man Sendungen nachschauen kann, wurde der Beitrag mit dem Titel «Lügenärzte» versehen. Das Wort wurde später entfernt, die Redaktion empfand ihn als «unpassend». In Wahrheit wäre er wohl sogar strafrechtlich relevant.
Aber halb so schlimm, denn der Begriff erschien quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Im Bericht heisst es:

«Die ZuschauerInnen am Fernsehen wurden mit diesem Begriff nie konfrontiert.»

Redaktion «Rundschau»
Tatsächlich fiel das Wort «Lügenärzte» im TV-Beitrag nicht. Aber offenbar glaubt man bei SRF selbst nicht daran, dass «SRF Play» überhaupt Zuschauer hat. Denn diesen wurde der Begriff durchaus eine Zeit lang eingeblendet.
Was aber wiederum nicht die Schuld der Redaktion sei. Eine Produktionsassistentin habe den unglücklichen Titel gesetzt, verteidigt sich die Redaktion. Wir lernen: Bei SRF darf offenbar fast jeder zu einem brisanten Thema unkontrolliert Titel setzen.

Persilschein für fast alles

Fand die Ombudsstelle wenigstens ein einziges Haar in der Suppe? Einmal ist die Rede von einem Satz, der missverstanden werden könne. Ansonsten unterzeichnen Girsberger und Schöbi die Entgegnung der «Rundschau»-Redaktion praktisch blanko. Sogar den Faux-pas mit dem Titel «Lügenärzte» verwedeln die Ombudsleute: Die Redaktion habe den Fehler ja zugegeben, damit sei das erledigt.
Absolution ohne Handlungsbedarf, wenn man brav gebeichtet hat, keine Aufforderung zur Überprüfung interner Abläufe: Das gibt es nur bei der Ombudsstelle der SRG.
Die gesamte Beschwerdeantwort als Download (PDF):
  • Beschwerden Rundschau.pdf

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