Die «Impfinseln» ziehen bei der Impfwoche nicht wirklich mit

Die «Impfinseln» ziehen bei der Impfwoche nicht wirklich mit

Der Impfgraben löst den Röstigraben ab. Vor allem in der Inner- und Ostschweiz ist die Impfquote tief und das Potenzial für die Aufholjagd entsprechend gross. Aber genau dort machen die Kantone nur halbherzig mit bei der Impfwoche, dem letzten Aufbäumen des Bundes. Denn es ist vergebene Liebesmüh.

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von Stefan Millius am 9.11.2021, 05:00 Uhr
Schlange vor einem Testzelt in Appenzell. (Bild: sm)
Schlange vor einem Testzelt in Appenzell. (Bild: sm)
Markus Schmidli ist Realist. Der stellvertretende Kantonsarzt von Appenzell Innerrhoden liess bereits vor einiger Zeit verlauten, es gebe in seinem Kanton nicht mehr viel Potenzial für weitere Impfungen; wer eine solche wolle, habe es bereits getan, der Rest sei kaum zu erreichen. Obschon das Potenzial zahlenmässig gross wäre: Innerrhoden ist das Schlusslicht bezüglich Impfquote. In bester Gesellschaft mit anderen ländlichen Kantonen wie Uri oder Nidwalden.

Mehr Walk-in und ein bisschen Beratung

Wenn das Ziel eine Steigerung der Zahl Geimpfter ist, müsste rein taktisch gesehen also in diesen Regionen die Offensive gezündet werden. Doch die Umsetzung der Impfwoche liegt bei den Kantonen selbst. Und die versuchen zwar auch in den erwähnten Regionen, den Schein zu wahren, aber es ist unschwer zu erkennen, dass sie zu viel Aufwand für vergeblich halten.
Was geschieht in Appenzell Innerrhoden konkret? Das «Walk-in-Angebot» für Leute, die sich spontan impfen lassen möchten, wurde etwas ausgebaut, zudem gibt es ein Beratungstelefon, bei dem man sich wenige Stunden pro Tag bei einem Arzt melden kann, wenn Fragen offen sind. Worin diese bestehen sollen, nachdem die Impfung von den Behörden und der Regierung seit Monaten auf allen Kanälen als absolut nötig und absolut sicher angepriesen wird, ist eine andere Frage. Auf einen Impfbus, der die entlegensten Streusiedlungen heimsucht, verzichtet der Kanton. Ebenso auf Events. Also kein kostenloser Kabarettabend mit Simon Enzler oder ein «Meet and greet» mit TV-Mann Marco Fritsche oder dergleichen.

Ein «Impftaxi» als Zückerchen

Ebenso sieht es in Appenzell Ausserrhoden aus, das ebenfalls noch unter 60 Prozent vollständig Geimpften liegt. Ein Flyer führt die Möglichkeiten für Impfungen ohne Anmeldung auf, die ein wenig ausgebaut wurden, ausserdem wartet zu bestimmten Zeiten ein «Impftaxi» am Bahnhof Herisau. Als wäre es der beschwerliche Weg zum Arzt oder ins Impfzentrum, der die Quote tief hält. Der Ausserrhoder Gesundheitsdirektor Ives Noel Balmer gab kurz vor Startschuss in einem Interview mit der «Appenzeller Zeitung» zu, dass er wenig Hoffnung hat. Er sagt dort: «Ich mache mir nichts vor. Wir werden nie zu den Impf-Spitzenreitern unter den Kantonen gehören, auch nach dieser Aktionswoche nicht.»
In der Urschweiz bietet sich ein ähnliches Bild. Nidwalden hat im Alten Zeughaus in Oberdorf ein Impfzentrum eingerichtet, zudem kursiert ein Impfbus. Halligalli sucht man vergebens. Auch der Kanton Schwyz setzt auf die Impfung auf Rädern. Die Gemeinde Alpthal verweigerte dem Impfbus allerdings auf symbolträchtige Weise den Stopp im Dorf; das mache keinen Sinn, wer sich impfen lassen wolle, habe das getan oder könne das jederzeit im nahe gelegenen Einsiedeln tun, befand der Gemeinderat.
Der Kanton Uri schickt ebenfalls einen Bus auf die Reise und beschränkt sich ansonsten auf das niederschwellige Impfangebot ohne vorhergehende Registrierung. Auch hier scheint man zu glauben, die Leute seien bisher nur zu faul gewesen, ein Formular auszufüllen; fällt diese Hürde, strömen sie dann sicher auch zur Impfung.

Ein «lustiger» Cartoon soll die Stimmung anheizen

St.Gallen, ebenfalls eher mit tiefen Impfzahlen, versucht sein Glück mit «Impfnächten», bei denen man sich bis Mitternacht die Spritze geben lassen kann. Auf das Angebot wurden alle Haushalte im Kanton mit einem Flyer aufmerksam gemacht. Der zeigt eine Spritze mit dem St. Galler Wappen, die auf einer Rennstrecke Richtung Zielflagge rennt. Es wirkt ein bisschen, als hätte sich der Lehrling eines Grafikbüros nach Feierabend austoben dürfen.
Kurz und gut: Die gross angekündigte und ziemlich teure Impfwoche wird dort, wo sie Anklang finden müsste, um an den Zahlen etwas zu ändern, nur halbherzig umgesetzt. Die Kantone in der Ost- und Innerschweiz, die ihre Bevölkerung besser kennen als der Bundesrat und das BAG, tun das absolut Nötigste, um zu vermitteln, dass sie nicht untätig sind. Man will den Bundesrat ja nicht enttäuschen. Besonders motiviert scheinen sie aber nicht zu sein, weil sie wohl wissen, dass die Anstrengungen vergeblich wären. Bern ist weit weg von Herisau, Appenzell oder Stans und hat wohl auch wenig Ahnung von den lokalen Verhältnissen dort.

Lieber testen als impfen

Gerade in Appenzell Innerrhoden, einem traditionell impfkritischen Terrain, konnte man in den letzten Wochen zudem laufend live mitverfolgen, wie tief die Bereitschaft ist. Jedes Wochenende bildet sich eine Schlange vor einem Testzelt beim Bahnhof. Dort holt sich vor allem die junge Bevölkerung das Zertifikat auf Zeit, um dann wenige Meter daneben im Pub gemütlich einen zu heben. Dass sich diese Leute nun von ausgedehnten Impfzeiten überzeugen lassen, ist zweifelhaft.
Was zeigt, dass die Rechnung nicht aufgegangen ist. Inzwischen muss man sich bekanntlich auf eigene Kosten testen, und davon hat sich der Bundesrat einen Schub versprochen. Doch der Griff ins Portemonnaie scheint kein Antrieb für die Impfung im notorisch obrigkeitskritischen Innerrhoden zu sein. Daran wird auch die telefonische Seelsorge durch Hausärzte wenig ändern.

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Stefan MilliusHeute, 17:00comments

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