Deutschlands Offshore-Windkraft: Nichts geht mehr

Deutschlands Offshore-Windkraft: Nichts geht mehr

Eigentlich will Deutschland die erneuerbaren Energien massiv ausbauen, um seine Klimaziele zu erreichen. Doch bei der Windkraft auf dem Meer herrscht Flaute: Dieses Jahr wird keine einzige neue Windanlage gebaut.

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von Alex Reichmuth am 24.8.2021, 04:00 Uhr
Keine neuen Offshore-Windkraftanlagen in Deutschland in diesem Jahr. Bild: Shutterstock
Keine neuen Offshore-Windkraftanlagen in Deutschland in diesem Jahr. Bild: Shutterstock
Einen «nationalen Kraftakt» kündigte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier im Juli an, um die Ausbauziele in Sachen erneuerbare Energie in Deutschland bis 2030 zu erreichen. Bis dann soll der Ökostrom einen Anteil von 65 Prozent bei der Stromversorgung ausmachen. Heute sind es 45 Prozent. «Ich rechne damit, dass wir den Ausbau der erneuerbaren Energien noch einmal um bis zu ein Drittel steigern müssen», rechnete der CDU-Politiker vor.
Bis jetzt ist man im nördlichen Nachbarland allerdings nicht auf Kurs. Vor allem bei der Windkraft stockt es. Der Ausbau kommt seit drei Jahren kaum mehr vom Fleck. 2019 wurden Windanlagen mit einer installierten Leistung von 1078 Megawatt aufgestellt, was etwa der Leistung des AKW Gösgen entspricht. 2017 waren es aber noch 5334 Megawatt gewesen. Auch im letzten Jahr betrug der Zubau nur 1431 Megawatt. Schuld am schleppenden Ausbau sind aufwändige Planungs- und Genehmigungsverfahren, strenge Mindestabständen zu Siedlungen und detaillierte Auflagen in Sachen Lärm und Vogelschutz (lesen Sie mehr hier und hier).

Ein Zuwachs von 5000 Megawatt pro Jahr nötig

2021 läuft es zwar wieder etwas besser: Im ersten Halbjahr wurden Windräder mit einer Leistung von 971 Megawatt neu gebaut, 62 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch das ist noch immer viel zu wenig. Heute sind in Deutschland Windanlagen mit total 56’000 Megawatt am Netz. Wenn das Land wie beabsichtigt bis 2045 klimaneutral werden will, müssen aber bereits 2030 Windräder mit insgesamt 80’000 Megawatt an Land und mit 20’000 Megawatt im Meer drehen. Dazu ist ein Zuwachs von rund 5000 Megawatt pro Jahr nötig.

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Peter Altmaier (CDU), Wirtschaftsminister Deutschland

Besonders schlecht läuft es bei der Offshore-Windkraft – also bei den Anlagen, die vor der Küste auf dem Meer gebaut werden. Hier beträgt der Zubau dieses Jahr – das steht aufgrund der Planung bereits fest: null Anlagen, null Megawatt. Schon 2020 lag der Ausbau auf dem Meer nur bei 15 Prozent des Niveaus von 2017. Auch in den nächsten Jahren wird nur ein magerer Zuwachs an Offshore-Windanlagen erwartet.

Ungünstige politische Planung ist schuld

Dabei war Deutschland einmal Pionier bei der Windkraft auf dem Meer. Die Offshore-Industrie war eine wirtschaftliche Hoffnungsträgerin. Bis heute wurde eine Kapazität von 7800 Megawatt erbaut.
An der Flaute ist in erster Linie ungünstige politische Planung schuld. 2014 hat die Bundesregierung die Ausbauziele von Windstrom im Meer deutlich hinuntergesetzt, weil sie fürchtete, hohe Strompreise könnten die Bürger verärgern. Das führte dazu, dass viele Projekte zurückgestellt wurden. Zudem konnte das Stromnetz an Land, an das die Offshore-Windparks angeschlossen werden, nur schleppend ausgebaut werden – vor allem wegen dem Widerstand der Bevölkerung gegen neue Stromleitungen.
Mittlerweile hat die Regierung die Ziele zwar wieder hinaufgeschraubt – auf 20’000 Megawatt für 2030 und 40’000 Megawatt für 2040. Aber inzwischen ist viel Knowhow weg. Einige grosse Windkraftbauer sind ins Ausland abgewandert und haben sich dort Aufträge gesichert, während viele kleine Windkraftbauer pleite gegangen sind.

3500 Arbeitsplätze in Bremerhaven verloren

In Bremerhaven an der Nordsee, das besonders unter der Windkraft-Flaute leidet, seien schon 3500 Arbeitsplätze bei Offshore-Zulieferern verloren gegangen. Das sagte Heike Winkler vom WAB, dem Branchenverband für Offshore-Windkraft, gegenüber der deutschen ARD-«Tagesschau» . Wenn die Aufträge wieder anzögen, müssten darum wohl Bestandteile aus dem Ausland importiert werden. «Was traurig ist, weil wir mit den vielen kompetenten Unternehmen eine Zuliefererindustrie aufbauen konnten, um die uns viele Länder beneidet haben», so Winkler.

Die Lücke beim Bau von Offshore-Windparks sei eine Folge politischer Entscheidungen, deren Auswirkungen für die Windindustrie in Deutschland nun sichtbar würden, sagen die Branchenverbände.


In einer Pressemitteilung wiesen die Branchenverbände, darunter der Bundesverband Windenergie und die Stiftung Offshore-Windenergie, darauf hin, dass die Ausbaulücke nicht Ausdruck mangelnden Interesses von Investoren oder fehlender Kraft der Industrie sei. Vielmehr sei diese Lücke eine Folge politischer Entscheidungen, deren Auswirkungen für die Offshore-Windindustrie in Deutschland nun sichtbar würden.

«Der Fadenriss ist da»

Die Branche fordert, dass Projekte auf dem Meer vorgezogen werden; dass versucht wird, Fachkräfte zu halten; und dass der Netzausbau beschleunigt wird. Es gelte, verlässliche und attraktive Investitionsbedingungen zu schaffen.
Den Bau von Offshore-Windkraft könne man «nicht einfach an- und abknipsen», betonte Heike Winkler vom WAB. «Der Fadenriss ist da». Bis die ganze Produktions- und Lieferkette wieder angeschoben ist, «dauert es vier bis fünf Jahre», sagte Kristoffer Mordhorst von Windkraftbauer Siemens Gamesa gegenüber der «Tagesschau».
Erst ab Mitte der 2020er-Jahre und vor allem gegen Ende der laufenden Dekade erwartet die Branche wieder einen starken Zubau bei der Offshore-Windkraft. Doch schon droht neues Ungemach. Dieses kommt von der Fischerei. Sie will beim Bau von Windparks auf dem Meer stärker mitreden.

Keine Offshore-Windparks in Frankreich wegen Fischern

«Fischer und Aquakulturproduzenten sollten ein echtes Mitspracherecht haben, wenn es darum geht, wo diese Windräder gebaut werden», forderte Peter van Dalen, niederländischer Abgeordneter im Europäischen Parlament, in einem Bericht. Neue Windanlagen sollten erst gebaut werden, wenn per Folgenabschätzung geklärt wurde, «welche Auswirkungen auf die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Umwelt, das Klima und die Artenvielfalt zu erwarten sind».

Kommen die Forderungen der Fischerei durch, dürfte der Bau von Offshore-Windanlagen noch komplizierter werden, als er heute schon ist.


Kommen die Forderungen durch, dürfte der Bau von Offshore-Windanlagen noch komplizierter werden, als er heute schon ist. Dennoch tun Branche und Politik gut daran, die Fischer ernst zu nehmen. Denn das abschreckende Beispiel ist Frankreich: Dort konnte bis heute kein einziger Offshore-Windpark gebaut werden, vor allem wegen dem Widerstand von Fischern und Küsten-Gemeinden.

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