Somms Memo

Deutschland bringt afrikanische Kunst nach Afrika zurück – und übergibt sie den Nachfahren der ehemaligen afrikanischen Sklavenhändler.

image 15. Mai 2023 um 10:00
Annalena Baerbock, deutsche Aussenministerin, liefert in Nigeria Raubkunst aus Berlin ab.
Annalena Baerbock, deutsche Aussenministerin, liefert in Nigeria Raubkunst aus Berlin ab.
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Die Fakten: Deutschland hat kürzlich einen Teil ihrer «Benin-Bronzen», alte afrikanische Kunstwerke, an Nigeria zurückgegeben. In der Schweiz wird Ähnliches geprüft. Warum das wichtig ist: Wer meint, er könne den Kolonialismus ungeschehen machen, irrt. Am Ende belohnt er Sklavenhalter und bestraft die Nachfahren der Sklaven. Im Dezember 2022 flog die deutsche Aussenministerin Annalena Baerbock (Grüne) mit zahlreichen Mitarbeitern in die nigerianische Hauptstadt Abuja, um 20 sogenannte Benin-Bronzen an den rechtmässigen Besitzer zurückzugeben – das nigerianische Volk
  • Bei den Benin-Bronzen handelt es sich um afrikanische Kunstwerke, die seit dem 16. Jahrhundert im alten «Königreich von Benin» entstanden waren; sie wurden in der Regel im Königspalast aufgestellt, wo sie der Dekoration dienten, zuweilen wurden sie auch bei Zeremonien und religiösen Ritualen eingesetzt
  • Es sind Skulpturen und Reliefs, meistens aus Bronze oder Messing gefertigt, manchmal aus Elfenbein, Holz oder Korallen, sie verkörpern meistens Köpfe oder Tiere, sie sind wunderschön, wenn nicht magisch – und beeinflussten auch europäische Künstler der Moderne
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1897 drangen britische Truppen in das Königreich ein und annektierten es. Den «Oba», wie der König genannt wurde, schickten sie ins Exil, sein Reich wurde Teil der britischen Kolonie Nigeria. Was es bis heute geblieben ist, auch nachdem Nigeria 1960 die Unabhängigkeit errungen hat. Das Königreich ist nicht mit dem modernen Staat Benin zu verwechseln, einem Nachbarn von Nigeria. Als Kriegsbeute brachten die Soldaten 1897 Tausende dieser Kunstwerke nach London zurück, wo diese bald an internationale Kunsthändler und vorab westliche Museen verkauft wurden. Mehr als 1000 Benin-Bronzen gelangten so nach Deutschland, vorwiegend nach Berlin, aber auch in der Schweiz tauchten sie auf. Insgesamt gibt es über 100 dieser Kunstobjekte aus dem alten Königreich von Benin in unserem Land, wie die «Benin Initiative Schweiz» feststellte, ein Forschungsprojekt, das acht betroffene schweizerische Museen ins Leben gerufen haben. Es wird vom Bundesamt für Kultur finanziert. Noch ist in der Schweiz nicht entschieden, was mit dieser Kunst geschieht, ob sie je restituiert wird, ist offen, sozusagen vorbeugend will man allerdings die Provenienzforschung zu diesem Thema vorantreiben, um, wie die «Benin Initiative Schweiz» schreibt:
  • «mit Nigeria über die Zukunft der Objekte in Dialog zu treten. Die Auseinandersetzung mit der in die Werke eingeschriebenen Kolonialgeschichte wird als Chance angesehen, im engen Austausch mit den nigerianischen Akteurinnen und Akteuren neue Formen der Erinnerung zu finden und die Aufarbeitung dieser problematischen Geschichte gemeinsam anzugehen»

Wo die Schweizer noch den Dialog zum Dialog im Sinne des Dialogs vorbereiten, haben die Deutschen bereits ruckzuck Fakten geschaffen. Wenn die Vergangenheit bewältigt werden soll, dann aber deutsch und gründlich:
  • Ziel ist es nicht bloss, die 20 Skulpturen nach Nigeria zurückzuführen, was Baerbock inzwischen getan hat, sondern am Ende sollen möglichst viele dieser geraubten Schätze wieder in Afrika zu sehen sein
  • Zu diesem Zweck hat die Bundesrepublik sich bereit erklärt, vier Millionen Euro an ein noch zu bauendes Museum in Nigeria beizusteuern

Dabei mag die Entschlussfreude wesentlich durch die Tatsache beschleunigt worden sein, dass die Deutschen neuerdings auf das Wohlwollen der Nigerianer angewiesen sind. Seit man in Berlin russisches Gas boykottiert und dadurch in empfindliche Versorgungsschwierigkeiten geraten ist, kommen allerlei Lieferanten zum Zug, die man früher eher blasiert und Menschenrechtsmotiviert übergangen hätte: So auch das öl– und erdgasreiche Nigeria. Wenn der Teufel in der Not Fliegen frisst, dann verbrennt das Land der Energiewende auch Öl und Gas, um «das Klima zu schützen» oder eben nicht:
  • Bereits im Dezember hat Nigeria eine erste Schiffsladung von Flüssiggas nach Deutschland verfrachtet
  • Weitere sollen folgen, wozu man eine bilaterale «Energiepartnerschaft» unterzeichnet hat. Ebenso ist eine Wasserstoffpipeline von Westafrika nach Europa vorgesehen
  • Zudem hat der deutsche Elektrokonzern Siemens den Auftrag erhalten, das Land zu elektrifizieren, wobei der Strom weitgehend aus Gaskraftwerken stammt. Zurzeit setzt die nigerianische Stromproduktion zu 81 Prozent auf Gas. Den Rest steuern Wasserkraftwerke bei

Von Menschenrechten, um die es im westafrikanischen Staat nicht allzu bestens bestellt ist, war jetzt keine Rede mehr. Stattdessen entschuldigen sich die Deutschen für die angeblichen Menschenrechtsverletzungen ihrer Vorfahren.
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Als Baerbock die Benin-Bronzen in Abuja übergab, machte sie ein tragisches Gesicht, als hätte sie die Kunst seinerzeit persönlich dem Oba aus der Hand gerissen und sagte:
  • «Es war falsch, sie zu nehmen, und es war falsch, sie zu behalten»
  • «Dies ist eine Geschichte des europäischen Kolonialismus. Es ist eine Geschichte, in der unser Land eine dunkle Rolle spielte und in verschiedenen Teilen Afrikas grosses Leid verursachte»

Sicher. Gäbe es in der Geschichte nur so eindeutig die Bösen (Westen, Baerbocks Vorfahren) und die Guten (Afrikaner). Wenn sich dies an einem Beispiel veranschaulichen lässt, dann vielleicht gerade am Fall des Königreichs von Benin:
  • Dieses Königreich war im Mittelalter entstanden und zählte über Jahrhunderte zu den mächtigsten in Westafrika, man expandierte kräftig, man unterwarf seine Nachbarn, und wenn ein Krieg abgeschlossen war, wurden die Besiegten, ob Kinder, Frauen oder Männer, allesamt versklavt
  • Das afrikanische Königreich war ein afrikanischer Sklavenstaat – lange bevor auch nur ein einziger Europäer dort aufgetaucht war
  • Als dann die Portugiesen im 15. Jahrhundert nach dem Seeweg nach Indien suchten, stiessen sie auch auf das Königreich von Benin. Bald kauften sie hier alles, was im Westen gefragt war: Elfenbein, Pfeffer, Gold – und Sklaven. Später stiegen auch Holländer, Engländer und Franzosen in dieses brutale Geschäft ein
  • Afrikaner jagten und fingen andere Afrikaner ein, Europäer kauften sie als Sklaven und verschifften sie nach Amerika. DNA-Untersuchungen von amerikanischen Schwarzen beweisen, dass vieler ihrer Ahnen ursprünglich aus Westafrika stammten
  • Dieser hochrentable Sklavenhandel machte die Könige von Benin (und deren Untertanen) reich – und militärisch immer schlagkräftiger, was wiederum noch mehr Sklaven einbrachte. Wenn sich dieser «wirtschaftliche» Erfolg im Land niederschlug, dann im hochentwickelten, beeindruckenden Kunsthandwerk, das sich jetzt herausbildete. Dabei setzten die einheimischen Künstler zu einem grossen Teil auf Messing und Bronze, das man von den Europäern erhalten hatte – als Gegenleistung für Sklaven
  • Die Obas, die Könige, galten als gottesähnlich, sie verfügten über absolute Macht, sie herrschten über Leben und Tod
  • Im buchstäblichen Sinne: Um sich verehren zu lassen, verlangten sie regelmässig nach Menschenopfern. Manchmal wurden ihnen zu Ehren an einem Tag 23 Frauen und Männer, manchmal auch Kinder geköpft oder erdrosselt. Die meisten waren Sklaven
  • Und manchmal liessen die Könige bei dieser besonderen Gelegenheit ihre schönen Benin-Bronzen aufstellen, wenn einer dieser unglücklichen Menschen wie ein Opferlamm geschlachtet wurde. Wenn also Blut an diesen Bronzen klebt, dann das Blut der afrikanischen Menschenopfer

Erst die Briten schafften übrigens diesen makabren Brauch ab, als sie 1897 die Macht übernahmen. Den Sklavenhandel hatten sie schon vorher bekämpft und beseitigt. Schuld und Sühne? Nachdem Baerbock ihre Skulpturen in Nigeria abgeliefert hatte und mit erleichtertem Gewissen nach Berlin zurückgekehrt war, gab es ein böses Erwachen. Jedenfalls stellte sich heraus, dass die Skulpturen wohl nie im geplanten Museum ausgestellt würden. Stattdessen übergab sie der nigerianische Staatspräsident dem aktuellen Oba, den es immer noch gibt, offiziell als «Berater der Regierung», tatsächlich wird ihm nach wie vor gehorcht, als wäre 1897 nie vorgefallen. Das zeigte sich bei der Übergabe, als seine Untertanen vor ihm knieten und ihn mit Lobpreisungen feierten. Ewuare II., der derzeit herrschende Oba, dessen Vorfahren die Bronzen einst mit dem Blut und Schweiss von Sklaven bezahlt hatten, sieht sich nun wieder im Besitz seines Eigentums. Er hält die Benin-Bronzen für sein Privateigentum. Was genau wurde hier wiedergutgemacht? Der Oba hat übrigens an der University of Wales Ökonomie studiert und an der amerikanischen Rutgers University in New Jersey einen Master of Public Administration erworben. Insgesamt sollen alle Benin-Bronzen, Tausende von Objekten, einen Wert von rund 30 Milliarden Dollar haben. Ich wünsche Ihnen einen guten Wochenbeginn Markus Somm

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