Deutsche raus! Ein Rückblick

Deutsche raus! Ein Rückblick

Vor 150 Jahren verprügelten Schweizer die Deutschen in Zürich. Man sprach vom «Tonhalle-Krawall». War es ein Einzelfall oder hatte es Methode?

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von Markus Somm am 18.3.2021, 16:35 Uhr
Im Januar 1871 wurde im Spiegelsaal von Versailles bei Paris das deutsche Kaiserreich ausgerufen. Wenige Monate später wollten auch die Deutschen von Zürich den Sieg über Frankreich und die Wiedererstehung des Reiches feiern. (Bild: Anton von Werner: Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches, 1885, Bismarck-Museum Friedrichsruh).
Im Januar 1871 wurde im Spiegelsaal von Versailles bei Paris das deutsche Kaiserreich ausgerufen. Wenige Monate später wollten auch die Deutschen von Zürich den Sieg über Frankreich und die Wiedererstehung des Reiches feiern. (Bild: Anton von Werner: Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches, 1885, Bismarck-Museum Friedrichsruh).
Vielleicht hatte der deutsche Professor Johannes Wislicenus ja eine versöhnliche Rede halten wollen, patriotisch zwar, aber durchaus freundlich gegenüber den schweizerischen Gästen, als die ersten Steine in die Tonhalle flogen. Glas klirrte, Frauen schrien, Männer wussten nicht mehr ein noch aus, einige, besonders, wenn sie über eine militärische Ausbildung verfügten, griffen zu den Waffen, oder besser: zu Stuhlbeinen, zu Bierflaschen, ja, sie rissen gar die Holzlatten aus der Saaldekoration, um sich gegen die Angreifer zu wehren. Wenige waren das nicht.
An die tausend Leute, so schätzte hinterher die Polizei, waren aufs Bellevue in Zürich geströmt, wo die alte Tonhalle damals stand, um gegen eine an sich gut gemeinte, etwas nationalistische Feier zu protestieren. Wir schreiben das Jahr 1871. Preussen und seine Verbündeten hatten eben Frankreich, die formidabelste Militärmacht des Kontinents, in einem kurzen Krieg geschlagen, und die Deutschen von Zürich wollten diesen Sieg auch in ihrer Wahlheimat feiern. Wer konnte dagegen etwas einwenden? Waren sie, die Deutschen, nicht hochgeachtete Professoren an der Universität oder der ETH, hatten sie nicht Unternehmen in der Schweiz gegründet, Handwerksbetriebe aufgebaut, Schulen geleitet und Häuser entworfen? Eine ausländische Elite zwar, aber eine gute.
Es gehört wahrscheinlich zu den Konstanten dieser kuriosen Beziehung zwischen Deutschen und Schweizern, dass die Deutschen, wenn sie einmal hier leben, sich selten bewusst sind, wie viele Schweizer sie eigentlich nicht mögen, selbst wenn sie ihnen das Gegenteil sagen. Der sogenannte Tonhalle-Krawall, der an jenem Abend des 9. März 1871 ausbrechen sollte, erlebten die meisten Deutschen daher als Schock. Nie hätten sie das erwartet. Das lag an ihnen selbst – aber auch an den Schweizern, die dafür berühmt-berüchtigt sind, dass sie höflich und herzlich bleiben, ohne sich in die Seele blicken zu lassen. Die «direkte Ansage», wie sie die Deutschen vorziehen, selbst wenn sie verletzt, ist nicht Sache der Schweizer. Gewiss, nicht aller, aber vieler.
Schon nachdem die deutschen Organisatoren ihr Fest angekündigt hatten, standen die Zeichen an der Wand. Es murrte unter den Einheimischen, es knurrte, man machte die Faust im Sack. Hinterher sprach der Landbote, seinerzeit ein führendes Blatt im Kanton Zürich, von einer «förmlichen Taktlosigkeit, ja einer Provokation», die den Deutschen vorzuwerfen sei; immerhin hielten sich zu diesem Zeitpunkt noch Tausende von internierten französischen Soldaten und Offizieren in der Schweiz auf, die vor den Deutschen geflohen waren, allein im Kanton Zürich waren es über zehntausend.
Wer deshalb vor einem Sicherheitsrisiko warnte, hatte nicht unrecht, und trotzdem war es vorgeschoben. In Tat und Wahrheit ging es um Politik: Die meisten Deutschschweizer hatten während des Krieges mit den Franzosen sympathisiert, die man trotz allem für politisch nahestehender hielt. Waren sie nicht ab und zu Republikaner gewesen – wie die Schweizer selbst, und deutete nicht alles darauf hin, dass Frankreich bald wieder eine Republik sein könnte? Kaiser Napoleon III., ein unfähiger, aber selbstbewusster Herrscher, hatte eben abgedankt. Sicher vermochte man den Preussen dagegen gar nichts abzugewinnen. Sie genossen einen miserablen Ruf: zu autoritär, zu anti-demokratisch, zu hochdeutsch.
Als die Preussen den Krieg für sich entschieden, war der Jubel in der Schweiz daher recht schmallippig geblieben. Niemand freute sich wirklich, zumal in der deutschen Schweiz, während es in der Romandie ironischerweise gerade umgekehrt aussah: Die meisten Welschen hatten den Franzosen die Niederlage von Herzen gegönnt. Im Kanton Zürich wirkte die Lage noch verworrener: Die Liberalen, also die Partei des einstigen Dominatoren Alfred Escher, war vor Kurzem von der Macht vertrieben worden, und zwar von den Demokraten, einer radikalen, sehr direktdemokratischen, stellenweise sozialistischen und auch ziemlich xenophoben Bewegung. Besonders die Deutschen, die zumeist der Elite angehörten, waren bei den Demokraten nicht wohlgelitten. Es schmeckte nach Klassenkampf. Viele Wähler der Demokraten waren Arbeiter oder kleine Handwerker, die sich auch wirtschaftlich von manchem deutschen Einwanderer unter Druck gesetzt sahen: «Warum?» sagten zwei Schweizer, die man nachher vor Gericht gebracht hatte, «Weil sie oft den Schweizern vorgezogen werden, bessere Stellen bekommen, höheren Lohn beziehen, für geringeren Lohn arbeiten.»
Die Steine schlugen immer näher ein, später sollte man von einem «Steinhagel» sprechen, jedenfalls wurde die Situation für die Deutschen in der Tonhalle immer gefährlicher. Bereits war kein Fenster mehr heil, die Türen wurden eingedrückt, die Demonstranten drangen ein. An patriotische Reden war jetzt natürlich nicht mehr zu denken, ebenso wenig an patriotische Lieder: Als sich sogar ein paar französische Offiziere, die im nahen Wirtshaus ihren Kummer im Wein ersäuft hatten, am Aufruhr beteiligten und wild mit ihren Säbeln herumfuchtelten, kapitulierten die deutschen Honoratioren. Rette sich, wer kann. Manche wandten sich zum See und bestiegen Schiffe, um sich so in Sicherheit zu bringen. Wenn sie das nicht schafften, wurden sie auf dem Bellevue verprügelt, schikaniert, verspottet und verlacht, viele fürchteten um ihr Leben. Zu Recht. Denn die Menge bewies eine bemerkenswerte Brutalität, so dass sich die 26 Stadtpolizisten ebenfalls bald zurückzogen, in der Hoffnung, mit dem Leben davonzukommen. Was als Protest gegen eine Siegesfeier begonnen hatte, wuchs bald zu einer der blutigsten Auseinandersetzungen heran, die in der Schweiz, diesem überaus zivilen Land, je vorfielen. Um die Ruhe wiederherzustellen, rief die Zürcher Regierung nach eidgenössischen Truppen, die bald eintrafen. Es dauerte allerdings einige Tage, bis das Militär die illegalen, handgreiflichen Demonstrationen in der Stadt einzudämmen vermochte. Am Ende starben fünf Menschen. Soldaten hatten sie erschossen.
Den Demokraten war das Ganze übrigens sehr peinlich. Betreten wurde beschwiegen, was jeder wusste: Es waren ihre Leute gewesen, die randaliert hatten, und es war ihre Regierung, die sich gezwungen gesehen hatte, Soldaten anzufordern – ausgerechnet vom Bund, wo die Liberalen vorherrschten. Und die Deutschen? Viele zogen weg. Wer blieb, vergass nie mehr, wie unbeliebt er hier offenbar war – trotz manchen Verdiensten um die neue Heimat. Dass die Schweizer versagt hatten, lag auf der Hand, manchen war es genauso unangenehm, und man sprach kaum mehr darüber, selbst die Historiker machten meistens einen weiten Bogen um diesen doch ungewöhnlichen Ausbruch von Gewalt gegen eine Minderheit, wenn auch einer vertrauten und privilegierten.
Und doch traf auch die Deutschen eine gewisse Schuld. Besonders im Rückblick des Nachgeborenen zeigten diese Professoren, Kaufleute und Unternehmer jene merkwürdige Mischung von Unbeholfenheit und nationalistischer Verblendung, welche die deutschen Eliten in den kommenden Jahrzehnten ins Unglück führen sollte. Wer kommt schon auf die Idee, im Ausland eine Siegesfeier zu veranstalten? Bernhard Hammer, der schweizerische Botschafter in Berlin schrieb 1871 über die äusserst erbitterten Reaktionen der Deutschen auf den Zürcher Tonhalle–Krawall: «Das Nationalgefühl der Deutschen ist durch die jüngste Zeitgeschichte in einer Weise gesteigert worden, dass man mit ihm in der Schweiz in der sorgfältigsten Weise wird rechnen müssen.»
Wie hätten die Schweizer das empfunden, wenn 2002 die Amerikaner, die in Zürich lebten, zu einem Fest in der Tonhalle eingeladen hätten, um ihren Sieg über Irak zu feiern? Schweizer, sofern sie sich als «Friends of America» verstanden, waren herzlich willkommen, es gab Barbecue und amerikanische Musik, und aus der Heimat hätte man ein paar Spezialitäten eingeflogen, Peanut Butter und richtiges US-Beef, Coca-Cola und etwas Whiskey. Vielleicht wäre auch ein Vierstern-General eingeflogen worden, direkt aus der Wüste von Mesopotamien, und George W. Bush, der damalige Präsident, hätte per Videoschaltung ein paar patriotische Worte an die Festgemeinde gerichtet. Wäre es womöglich zu einem Krawall gekommen? God bless America.

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