Deutsche Forscher kritisieren PCR-Tests: Was bringt der «Goldstandard» überhaupt?

Deutsche Forscher kritisieren PCR-Tests: Was bringt der «Goldstandard» überhaupt?

Die PCR-Tests sind massgebender Faktor für den Inzidenzwert – basierend auf diesem werden Lockdowns verhängt. Forscher der Universität Duisburg-Essen kommen nun zum Schluss: Bei der Pandemiebekämpfung bringen sie wenig.

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von Sebastian Briellmann am 22.6.2021, 09:26 Uhr
PCR-Tests sind nicht entscheidend für Pandemiebekämpfung. Foto: Shutterstock
PCR-Tests sind nicht entscheidend für Pandemiebekämpfung. Foto: Shutterstock
Je besser sich die täglichen Fallzahlen präsentieren, je tiefer sie also sind, desto lauter wird die Kritik daran, wie sie vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) überhaupt erhoben werden. Das sorgt für mächtig Unmut gegenüber Gesundheitsminister Alain Berset. (Lesen Sie hier: Politik fordert Standards für PCR-Tests)
Besonders unter Beschuss: der PCR-Test. Bemängelt wird vor allem, dass bei zahlreichen Wiederholungen, sogenannten Zyklen, Bruchstücke von Viren gefunden werden – aber nicht festgestellt werden kann, ob sie andere Personen krank machen oder nicht. Studien belegen, dass nach 35 Zyklen neun von zehn Personen gar nicht mehr ansteckend sind.
Das Problem: Das BAG sagt, man wisse nicht, wie viele Zyklen durchgeführt werden. Letzte Woche sagte die Aargauer Nationalrätin Ruth Humbel Näf (Mitte), Präsidentin der Gesundheitskommission, deshalb dem Nebelspalter: «Das BAG sagt, weil man die Werte nicht habe, könne man sie nicht liefern. Das tönt für mich nach einer Ausrede.»


Nun wird diese Kritik am PCR-Test und dessen Bedeutung erneut von Experten unterlegt: Forscher der Universität Duisburg-Essen (UDE) weisen im renommierten Journal of Infection darauf hin, die Aussagekraft schon bei 25 oder mehr Tests nicht mehr ansteckend seien, weil die Viruslast zu gering sei. Damit wird es noch grundsätzlicher: Was bringen dieses Tests überhaupt?
Die Forscher kommen gar zum Schluss, dass die Tests «alleine eine zu geringe Aussagekraft haben, um damit Massnahmen zur Pandemiebekämpfung zu begründen». Für ihr Resultat haben die UDE-Forscher zusammen mit der Universität Münster 190’000 Test-Ergebnisse von über 160’000 Personen ausgewertet.
Der PCR-Test, so die Autoren, gelte beim Nachweis einer Corona-Infektion als «Goldstandard» für die Ermittlung des sogenannten Inzidenzwerts. Auf diesen stützten sich nicht nur Deutschland, sondern auch die Schweiz, wenn es um schärfere Massnahmen (zum Beispiel einen Lockdown) ging.
Der Erstautor der Studie, Andreas Strang, sagt: «Ein positiver Test allein ist nach unser Studie kein hinreichender Beweis dafür, dass Getestete das Coronavirus auf Mitmenschen auch übertragen können.» Die am Ende täglich errechnete Zahl von positiv Getesteten sollte daher nicht als Grundlage für Pandemiebekämpfungsmassnahmen, wie Quarantäne, Isolation oder Lockdown benutzt werden. Viel geeigneter, schlussfolgern die Autoren, wären zum Beispiel «verlässliche Angaben zur Intensivbetten-Belegung sowie zur Mortalität, also zu der jeweiligen Zahl der Todesfälle in Zusammenhang mit Corona».

Epidemiologe Marcel Tanner: «PCR-Tests sind keine Pandemiebekämpfungsmassnahmen»
Der renommierte Basler Epidemiologe Marcel Tanner sagt auf Anfrage: «Grundsätzlich liegen die deutschen Forscher richtig. Wie schon seit über einem Jahr diskutiert: Die Zyklen sind entscheidend – aber diese wurden für die jeweiligen Tests standardisiert, damit Infektionen nachgewiesen werden. Aber PCR-Tests sind keine Pandemiebekämpfungsmassnahmen. Sie sind (weiterhin) Hilfsmittel, die uns zeigen, wo wie Übertragungen stattfinden und können dafür für Bekämpfungsmassnahmen je nach Strategie eingesetzt werden.»
Bei den Strategien und Massnahmen könne man jetzt auch auf den Antigen-Schnelltest setzen – «ist dieser positiv, dann ist man infektiös und man bleibt beispielsweise einer Veranstaltung fern. Ganz simpel.« Dass an diesem kritisiert werde, er sei zu wenig sensitiv, sei für diesen gezielten Ansatz falsch. Es gehe hier nur darum, dass man sich sicher fühlen könne – «und die Menschen Perspektiven sehen».

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