Deutsche Farbenlehre: Schwarzfahrer gibts nicht mehr

Deutsche Farbenlehre: Schwarzfahrer gibts nicht mehr

Die Verkehrsbetriebe in deutschen Grossstädte verzichten künftig auf diesen Ausdruck – er könne schwarze Menschen ohne Fahrschein beleidigen, finden (vornehmlich weisse) Anti-Rassisten. Blinde Passagiere werden vorderhand noch transportiert.

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von Gottlieb F. Höpli am 16.7.2021, 09:00 Uhr
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Da könnte einem schwarz vor den Augen werden: Die Berliner Verkehrsbetriebe, aber auch Münchner und andere deutsche öV-Betreiber wollen den Begriff «Schwarzfahrer» aus ihrem Repertoire streichen. Schwarze Menschen, vor allem aber – wie wir mal vermuten – weisse Anti-Rassismus-Aktivisten wollen ersteren die Schmach ersparen, als Schwarzfahrer diskriminiert zu werden. Wobei wir uns fragen, ob es denn wirklich so viele schwarze Mitmenschen gibt, die den öffentlichen Verkehr benutzen, ohne dafür zu bezahlen? Wäre dies nicht auch schon wieder eine diskriminierende Unterstellung?
Wenn man sich um das Wohl und vor allem um die identitäre Seelen-Reinheit seiner Mitmenschen so intensiv Sorgen macht, kann dies natürlich erst ein Anfang sein. Die vielen schwarzen Seelen in der Literatur und im Theater, der Schwarzwald, der schwarze Mann der Kinderspiele: Sie müssen alle vom Erdboden verschwinden. Beziehungsweise aus unseren Köpfen. Denn hier spielt sich der Kampf um eine bessere, eine nichtschwarze Zukunft ab. Am besten schafft man das Wort «schwarz» gleich ganz ab und stellt dessen Gebrauch unter Strafe.
Das ist natürlich, wie alles Gute, nicht so leicht zu bewerkstelligen. Klar: Schwarzarbeit gehört abgeschafft und kommt sicher bald gar nicht mehr vor – dafür sind unsere Gewerkschaftsbosse besorgt. Aber wie steht es mit der schwarzen Trauerkleidung? Dem schwarzen Kaffee? Den schwarzen Listen, die ja auch von Roten und Grünen geführt werden? Und mit dem Schwarz auf der Zielscheibe der Schützen? Wird das jetzt grau, grün oder rot gefärbt? Damit hätten die Erfinder dann wohl eher nicht ins Schwarze getroffen, wie man einst sagte. Bevor man wusste, dass die schwarze Seele vorab weisser Mitbürgerinnen bei derlei Redewendungen zusammenzuckt.
Aber vielleicht ist es ja auch kein Zufall, dass ausgerechnet jetzt über die diskriminierende Verwendung der Farbe Schwarz debattiert wird. Schliesslich finden diesen Herbst die Bundestagswahlen statt. Und da werden die regierenden Christlichdemokraten und -sozialen bekanntlich «Schwarze» genannt. Wird die Farbe Schwarz aus der Sprache getilgt, verschwinden CDU und CSU von der Bildfläche. In einem schwarzen Loch gewissermassen (wenn der Ausdruck noch erlaubt ist).
Nicht auszudenken, der sprachliche Angriff hätte einer anderen Farbe gegolten. Zum Beispiel der Farbe Grün. Aber das kann auch nur einer schwarzen Seele einfallen. Obwohl… Obwohl sich ja um die grüne Kanzlerkandidatin Gerüchte über schwarzes, also nicht gemeldetes oder nicht rechtmässig bezogenes Geld ranken. Aber das kann auch nur einer schwarzen Seele einfallen, die Frau Baerbock nicht grün ist.
Ein Gerücht ist auch nur, dass die erwähnten grossstädtischen, also rot-grün dirigierten Verkehrsbetriebe keine blinden Passagiere mehr befördern. Das heisst, solche ohne Fahrschein. Weil sich dadurch die wirklich Blinden im Land diskriminiert fühlen könnten. Wir stellen hiermit klar: Blinde Passagiere, mit oder ohne Blindenhund, werden in Deutschlands öffentlichen Verkehrsmitteln nach wie vor transportiert. Ob die Behörden alles tun, um ihnen die Benützung des öV leichter zu machen, entzieht sich allerdings unserer Kenntnis. Man ist dort zurzeit mehr mit dem Problem beschäftigt, für das Schwarzfahren neue nichtdiskriminierende Fachausdrücke zu erfinden.

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