Der wiehernde Amtsschimmel im Berner Staatsarchiv

Der wiehernde Amtsschimmel im Berner Staatsarchiv

Nummernschilder scheinen erhaltungswürdiges Archivgut. Mitarbeiter schauen aus dem Fenster, um Parksünder sofort zu verzeigen. Ist das modern? Eine Weihnachtsglosse.

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von Beat Brechbühl am 21.12.2021, 13:30 Uhr
Sofort gibts den Strafzettel, weil tüchtige Beamten stets auf der Hut sind. Foto: Keystone
Sofort gibts den Strafzettel, weil tüchtige Beamten stets auf der Hut sind. Foto: Keystone
Das Staatsarchiv des Kantons Bern sammelt, erschliesst und betreut das für die Geschichte des Kantons Bern «erhaltungswürdige Archivgut» und stellt «als moderner Dienstleistungsbetrieb» seine Bestände der Forschung und einer interessierten Öffentlichkeit zur Einsichtnahme zur Verfügung. So steht es auf der Website, so müsste auch das Selbstverständnis seiner Angestellten sein – sollte man meinen.
Vor kurzem unternahm ich den Praxistest. Nicht absichtlich, sondern vielmehr aufgrund anderer höherer Gewalt: Die Stadtregierung von Bern empfindet private Parkplätze bekanntlich seit jeher als ein völlig überflüssiges Grundübel unserer Gesellschaft, das es möglichst einzuschränken gilt. Und so kommt es, dass ich für meine jeweils im Herbstsemester, am Donnerstagnachmittag stattfindende zweistündige Entrepreneurship-Vorlesung an der Universität Bern praktisch nie einen Parkplatz für mein Auto vorfinde.

Ein richterliches Verbot für alle Fälle

Natürlich, ich könnte ohne weiteres zu Fuss, per ÖV oder mit dem Fahrrad an die Uni gelangen, doch als freiberuflicher Anwalt muss ich mein Einkommen – horribile dictu – auf dem freien Markt verdienen, womit Zeit eine ebenso knapp bemessene Ressource wie besagte Parkplätze ist. Die Abhilfe dieses Problems, die geneigte Leserin ahnt es, liegt schräg gegenüber der Universität, vor dem ehrwürdigen Staatsarchiv, das über zwei Parkplätze verfügt. Sie stehen um diese Zeit zwar meistens leer, aber wie es sich für ein modernes Staatsinstitut gehört, wurde für alle Fälle ein richterliches Verbot erlassen, damit der Staat seinen ihn und seine Parkplätze finanzierenden Untertanen vorschreiben kann, wann sie zu welchem Zweck parkieren dürfen.
Während solche Verbote zum alltäglichen Strassenbild gehören, hat das nun Folgende glücklicherweise (noch?) Seltenheitswert: Die umgehende Verzeigung des Fehlbaren durch das Staatsarchiv – ohne jede Vorwarnung an die Staatsanwaltschaft – führte zu einer Busse von 40 Franken. Das mit der Gnade vor Recht war einmal…
Doch damit nicht genug: Der arbeitende Staat muss alimentiert werden, womit weitere 100 Franken an Gebühren anfallen, die, bei schuldhaftem Nichtbezahlen, mit einer Freiheitsstrafe von einem Tag geahndet würden, was zweifelsohne angemessen ist. Der kantonale Polizeidirektor muss sich jedoch keine Sorgen machen: Ich werde das Platzproblem in Berner Gefängnissen nicht verstärken – und die angekündigte Busse nach Rechnungserhalt bezahlen. Ganz ohne Murren, natürlich.

Big Brother is watching you...

Etwas mehr Sorgenfalten sollten sich jedoch beim Berner Staatsschreiber, dem obersten Dienstherr des Staatsarchivs, einstellen. Und zwar über die personelle (Über-)Dotierung seiner Behörde, was mir durch ein nicht unterzeichnetes Schreiben unter dem Scheibenwischer vor Augen geführt wurde: In ebenso strengem wie tadelndem Beamtendeutsch wurde mir mitgeteilt, dass mein Parkverhalten zu zweimaliger vorwarnungsloser Verzeigung geführt habe, man diesmal Gnade vor Recht walten lasse (also doch noch), ich bei einem allfällig nächsten Mal jedoch erneut die harte Hand der blinden Justitia oder korrekter wohl der spähenden Archivare spüren würde. Die zeitliche Bezugsgrösse fehlte, ich liefere sie hiermit gern nach. Das dritte Mal in diesem Jahr, das heisst innerhalb von knapp zwölf Monaten also.
Mein persönliches Fazit als Steuerzahler und Kantonsbürger: Big (Archive) Brother is watching you. Das Staatsarchiv ist offensichtlich personell dermassen überdotiert, dass die Herren und Damen Archivare Zeit finden, ständig aus dem Fenster zu schauen, um allfällige Parksünder auf frischer Tat zu ertappen und umgehend in die Computertasten zu hauen, um eine Anzeige und einen Tadelbrief zu verfassen.
Dabei legen sie den Begriff des «erhaltungswürdigen Archivguts» eher weit aus und subsumieren das Sammeln aktueller Nummernschildern darunter – während sie vom modernen Dienstleistungsbetrieb, den sie ebenfalls auf der eigenen Website für sich in Anspruch nehmen, eher weniger befleckt zu sein scheinen.

Zur Person

Dr. Beat Brechbühl (1969), Wirtschaftsanwalt und Unternehmer, engagiert sich seit Jahrzehnten für Selbstbestimmung und gegen behördliche Bevormundung, unter anderem als Mitgründer des Swiss Venture Clubs (SVC), als Initiant des «5vor12 – Preises» für smarte De-Regulierung und als Vizepräsident der Bonny Stiftung für die Freiheit.

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