Der Weltuntergang findet nicht statt. Zum neuesten Klimabericht

Der Weltuntergang findet nicht statt. Zum neuesten Klimabericht

Wer es fertigbringt, den neuesten Bericht des Klimarates zu lesen, stellt überrascht fest: Alles halb so wild. Die Medien haben masslos übertrieben.

image
von Markus Somm am 14.8.2021, 03:44 Uhr
Düstere Aussichten? Eisbär bei der Betrachtung seiner Eisscholle.
Düstere Aussichten? Eisbär bei der Betrachtung seiner Eisscholle.
Der Klimabericht, den das Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC, diese Woche veröffentlicht hat, zählt gegen 4000 Seiten. Wer also jeden Tag etwa hundert Seiten des jämmerlich formulierten, von technischen Begriffen strotzenden, schwer verständlichen Textes liest, muss dafür vierzig Tage aufwenden. Wenn er sich am Wochenende freinimmt, verbringt er also gut und gern acht Wochen, um nachzuvollziehen, was Hunderte von Wissenschaftlern herausgefunden haben, wenn er denn überhaupt in der Lage ist, den Text zu begreifen. Niemand hilft ihm – obwohl er als Steuerzahler für diesen Bericht bezahlt hat.
Dabei spreche ich hier nicht einmal von den offensichtlichen Schwierigkeiten, sondern solche stellten sich ein, kaum hatte das IPCC sein neuestes Werk der Öffentlichkeit übergeben: Als ich mir am Montag – längst waren fast sämtliche Medien in Panik geraten –selbst ein Bild verschaffen wollte und ich mich auf die Homepage des IPCC begab mit der Absicht, den Bericht zu studieren – oder besser wenigstens mit der Lektüre anzufangen, scheiterte ich schon auf der Homepage. Wo ist der Bericht? Und welcher Bericht wurde heute überhaupt publiziert? Tatsächlich wurde ich auf diverse IPCC-Publikationen aufmerksam gemacht, die noch gar nicht erschienen waren, so dass sicher eine halbe Stunde verging, bis ich schon nur herausbekam, wo der Text zu finden war, von dem die halbe Welt nun sprach. Gewiss, es mag an mir gelegen haben, einem digitalen Idioten, sicher gab es digitale Eingeborene, die sich schnurstracks durch den Dschungel des IPCC gekämpft hatten, ohne sich von Krokodilen und Schlangen ablenken zu lassen, doch als sie dann endlich am Ziel waren, musste es ihnen ergangen sein wie mir: das vermeintliche Ziel lag weiter weg als erwartet, die Silbermine am Amazonas war verschüttet: Als ich nämlich den «Full Report» entdeckt hatte und ich darauf klickte, um ihn herunterzuladen, stiess ich nicht etwa auf ein Inhaltsverzeichnis, wie sich das seit Gutenberg bei Drucksachen eingebürgert hatte, sondern zuerst auf das «Summary for Policymakers» (41 Seiten), dann auf das «Technical Summary» (150 Seiten), das vermutlich zu den sperrigsten Teilen dieses sperrigen Berichts gehört, und es dauerte wieder eine geraume Zeit, bis ich merkte, dass der eigentliche Report nach etwa 300 Seiten mit dem ersten Kapitel einsetzte (250 Seiten). Hier tauchte auch zum ersten Mal das Inhaltsverzeichnis auf.
Mit anderen Worten, das ist kein Bericht, dessen Autoren sich danach sehnen gelesen zu werden. Auch die UNO scheint keinerlei Interesse daran zu haben – vielmehr kam es mir vor, als wollte man den Besucher der Homepage um jeden Preis dazu verleiten, bloss die Pressemitteilung zu lesen, ja noch besser: sich nur das kurze Video anzuschauen, wo in melancholischen Worten das jüngste Gericht beschworen wurde. Wenn Ihr nicht sofort handelt, so schien man uns mitteilen zu wollen, verglüht unser Planet! Morgen oder übermorgen. Jedenfalls bleibt uns nicht einmal die Zeit, den IPCC-Bericht zu lesen.

Wo bleibt der demokratische Respekt?

Angesichts der Tatsache, dass dieser Bericht als Grundlage der weltweiten Klimapolitik dient, würde man als Bürger eines nach wie vor demokratischen Landes erwarten, dass sich das IPCC um etwas mehr Kundenfreundlichkeit und Transparenz bemühte. Mithilfe solch schwer durchdringlicher Wortmeldungen kann gar keine Politik gemacht werden, die auf Dauer mehrheitsfähig ist. Das sind Einschüchterungsberichte, wo so viele unbegreifliche Antworten gegeben werden, dass niemand mehr sich traut, je eine Frage zu stellen.
Die Wissenschaftler des IPCC wurden von den Regierungen eingesetzt – unabhängig sind sie nicht, so dass wir wohl warten müssen, bis unabhängige Wissenschaftler überprüfen, was eigentlich der Stand der Wissenschaft ist. Einige Dinge wurden allerdings schon diese Woche bekannt – und sie sind wesentlich.
Erstens, – man würde es nicht glauben, wenn man die üblichen Medien konsumiert hat – ist das ein Bericht, der Zuversicht verströmen sollte. There are good news: Die Wissenschaftler des IPCC haben nämlich ihre düsteren Prognosen, wie sie sie im letzten, dem fünften Assessment Report (AR5) ausgesprochen hatten, zurückgenommen. Dem schlimmsten Szenario, das auch für die Zukunft sehr hohe CO2-Emissionen annahm und einen entsprechenden Temperaturanstieg erwartete, messen sie inzwischen selbst nur noch eine «tiefe» Wahrscheinlichkeit zu. Stattdessen gehen die Forscher in den Prognosen, die sie jetzt für am plausibelsten halten, von einer Erwärmung um 2,5 Grad Celsius bis 2100 aus – gegenüber dem späten 19. Jahrhundert. Wenn man bedenkt, dass sich das Klima seither vermutlich um 1,1 Grad Celsius aufgeheizt hat, dann steht uns also noch eine weitere Steigerung um etwa 1,5 Grad Celsius bevor.
Das ist unangenehm, das erfordert etliche Anpassungen, aber es ist sicher nicht das Ende der Welt.
Selbst der AR5 hielt vor sieben Jahren fest, dass eine Erwärmung um 1,5 Grad bloss einen geringen ökonomischen Schaden verursachen dürfte. Mag sein, dass die ausserordentlichen Wetterverhältnisse häufiger auftreten, doch solange wir unseren Wohlstand weiter vermehren – und davon geht auch das IPCC aus – sollte es uns ein Leichtes sein, uns damit zu arrangieren. Wenn das Meer steigt, kann man Dämme bauen, wie das die Holländer seit Jahrhunderten tun. Wenn die Flüsse das Land überschwemmen, ist es möglich, sich vorzusehen und an höheren Lagen zu bauen, wenn es heisser wird, sind wir in der Lage, das auszuhalten, sei es durch Klimaanlagen, sei es durch intelligenteres Bauen: der technologischen Fantasie des Menschen waren noch nie Grenzen gesetzt. Warum nun plötzlich?
Und was man auch nicht vergessen darf: Die Welt ist in den vergangenen hundert Jahren immer reicher und sicherer und lebenswerter geworden – obwohl sich das Klima um 1,1 Grad erwärmt hat.
Zweitens, hat das IPCC auch die sogenannte Klimasensitivität korrigiert: dieser Wert gibt an, wie stark sich die Temperatur an der Erdoberfläche erhöht, wenn sich die Konzentration des Co2 in der Atmosphäre verdoppeln würde. Bisher rechnete das IPCC damit, dass sich in einem solchen Fall die Erde um 1,5 bis 4,5 Grad erwärmte. Nun geht sie von 2,5 bis 4 Grad aus, sollte sich die Konzentration von Co2 um 100 Prozent steigern. Wenn auch 4 Grad nach wie vor dramatisch genug klingt, ist es wichtig, diese Erkenntnis einzuordnen: Diese Bandbreite beschreibt nicht unbedingt eine wahrscheinliche Entwicklung, sondern zeigt bloss an, wie empfindlich das Klima auf eine weitere Zunahme von Co2 reagiert. Gemäss neuestem Forschungsstand offenbar weniger empfindlich als bisher angenommen.
Historisch betrachtet hat die Konzentration von Co2 in der Atmosphäre seit Beginn der Industriellen Revolution im späten 18. Jahrhundert um etwa 50 Prozent zugenommen. Von 100 Prozent, also einer Verdoppelung, kann nicht die Rede sein.

Die Wissenschaft lebt vom Widerspruch

In den kommenden Wochen dürften manche kritischen und unabhängigen Wissenschaftler sich die Zeit nehmen, den Bericht noch genauer zu studieren – und sicher werden sich noch weitere Relativierungen ergeben. Das ist kein Unglück. Die Wissenschaft lebt vom Widerspruch – auch wenn manch ein IPCC-Klimaforscher sich dessen nicht mehr so bewusst zu sein scheint.
Das Elend an diesen IPCC-Berichten ist nicht, dass sie es gibt. Im Gegenteil, es handelt sich hier um ein äusserst wertvolles, oft eindrückliches, immer nötiges, meistens auch zuverlässiges Unterfangen. Das Elend liegt darin, dass die Wissenschaftler ihre Ergebnisse so unverständlich und obskur vortragen, als ob sie keinen Wert darauflegten, richtig verstanden zu werden. Das Elend sind die Vereinfacher: Die Politiker und Journalisten, die Aktivisten und Untergangspropheten, oft auch die Wissenschaftler selbst, die den Inhalt der Berichte meistens verzerrt wiedergeben, ja häufig zugespitzt, wenn nicht falsch, immer aber viel zu hysterisch.
1,5 Grad Celsius wird es bis 2100 wohl wärmer werden – damit kann man leben. Bis dann sollten wir auch in der Lage sein, unsere Energiebedürfnisse intelligenter zu stillen als durch das Verbrennen von fossilen Brennstoffen. Wir haben Alternativen, wir finden Alternativen. Nicht heute, aber übermorgen.
Der Weltuntergang findet nicht statt.


Damit Sie nicht so lange suchen müssen, hier der Link zum sechsten Assessment Report:
https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/#SPM

Mehr von diesem Autor

image

«Das ist die Seele von Europa!», rief Ursula von der Leyen - und niemand hörte hin

image

Die Folgen von 9/11: «Liberale Errungenschaften in Frage gestellt» «Zensur auf Social Media ist heute fast schlimmer»

Ähnliche Themen

image

Die Forscher verstehen das frühere Klima noch kaum. Klimageschichte, Teil I