Der Weg ist das Spiel

Der Weg ist das Spiel

«Das kommt schon gut!»: Vom Schulweg. Von einem unerschütterlichen Optimisten. Von einer schönen Zeit. Und vom Filet im Teig.

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von Dominique Feusi am 23.8.2021, 09:05 Uhr
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Können Sie sich erinnern, dass wir als Kinder noch zur Schule gegangen sind? Im Sinne von GEHEN. Wir wurden weder hingefahren noch abgeholt, sondern sind einfach auf unseren zwei Beinen hingegangen. Elterliche Begleitung? Wie peinlich! Wobei die Gefahr nicht wirklich bestand, denn unseren Eltern ist es schlicht nicht in den Sinn gekommen, uns zur Schule zu bringen.

Steile Lernkurve

Der Schulweg war die unbeaufsichtigte Ouvertüre zum Pausenplatz und später wiederum das Finale des Schulalltags. Auf dem Schulweg wurde alles untereinander ausgemacht, man bekam die Schule des Lebens beigebracht. Quasi Schuld und Sühne auf der kleinen Bühne. Der Turnsack wurde hoch in die Bäume geschleudert. Und es wurde Rache für den Turnsack, der hoch in den Bäumen hing, genommen. Und meine Mutter fragte: «Wo ist dein Turnzeug schon wieder hingekommen?»
Ich lerne, dass ich für meinen frechen Latz auf dem Pausenplatz auf dem Nachhauseweg büssen muss. Dass wenn ich dem grossen Meier in der Pause sage: «Du bist so dumm, wie du aussiehst!», ich auf dem Heimweg selber dumm dastehe. Weil der grosse Meier wirklich sehr gross ist. Und ich die Quittung kriege und in hohem Bogen in die Büsche fliege.

Der Duft des Vertrauens

Als ich meinen Eltern damit in den Ohren liege, sagt meine Mutter, die Frau Lehrerin: «Das müsst ihr untereinander regeln.» Und mein Vater fragt: «Du hast sicher einen frechen Latz gehabt?» Ich schimpfe, dass mich in diesem Haus niemand versteht und ich nun fortgehe. Doch keinerlei Mitleid. Mein Vater sagt nur: «Es gibt Filet im Teig!» Man riecht es schon. Dennoch stapfe ich davon. Ein kleiner Knollen Wut. Doch pünktlich zum Znacht bin ich zurück. Meine Mutter kocht wirklich sehr gut.
Beim Filet im Teig streiten sich mein Vater und ich stets um den Anschnitt. Mein Grossvater sagt: «Ihr Chläus, das ist ja nur Teig!» Und meine Mutter lacht: «Warum der Streit, es hat ja zwei, schneiden wirs von hinten an!» Aber hinten ist eben nicht der Anschnitt. Es geht ums Prinzip. Und das schmeckt schampar gut.
Nach dem Tod meiner Mutter versucht sich mein Vater an einem Filet im Teig. Es gelingt ihm erstaunlich gut. «Ich habe ihr so gerne beim Kochen zugesehen», sagt er. Wir streiten uns ein bisschen um den Anschnitt. Aber es schmeckt nicht ohne Publikum.
Seit dem Tod meines Vaters habe ich kein Filet im Teig mehr angerührt.

Permanent betreut

Zurück zum Schulweg: Die Kinder vom Nachbarhaus werden von ihrer Mutter mit dem Elektro-Lastenvelo zur Schule gebracht. Und sonst überallhin. Etwa 30 Mal am Tag. Warum ich das weiss? Weil die Nachbarin das schreit. Und zwar so laut, dass es allen im Quartier in den Ohren dröhnt: «WIR GEHEN JETZT!» «ICH KOMME ZURÜCK!» «WIR GEHEN WIEDER!» «ICH BIN JETZT DA!» «ICH FAHRE JETZT AB!» Ja, bitte schön, auf Nimmerwiedersehen!
Mich amüsiert der Gedanke, dass meine Mutter mich als Kind überall hinbringt. Dagegen hätten wir uns beide gesträubt. Denn obwohl ich sehr verwöhnt bin, lassen mir meine Eltern grosse Freiräume. Bringen mir bei, Dinge selbst zu regeln. Das entpuppt sich später im Leben als veritabler Segen. Denn eine enge emotionale Bindung und permanente Betreuung sind nicht dasselbe.

Der unerschütterliche Optimist

Vor allem haben meine Eltern enormes Vertrauen in mich. Und in die Welt. Mein Vater, der Architekt, ist ein unerschütterlicher Optimist und reisst mit seiner positiven Art sein ganzes Umfeld mit. «Das kommt schon gut!», lacht er stets. Und man glaubt ihm und die Sorgen sind weg.
Er hatte fast immer recht. Doch ein, zwei Mal kommt es dann leider nicht gut, sondern richtig schlecht. Aber davor kam ein erfolgreiches Leben. Ein produktives, lustiges, ausgefülltes, optimistisches, ja, ein in vollen Zügen gelebtes Leben. Mit einem beschissenen Schluss. Aber so ist das eben.
Ich denke, mit dem Schulweg ist es ähnlich wie mit dem Leben. Optimismus ist ein toller Begleiter. «Das kommt schon gut!» Und es ist schön, unterwegs zu sein, denn zu sehen gibt es da draussen so viel.
Der Weg ist das Spiel.

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