Der Tanz um Helvetia statt ums goldene Kalb

Der Tanz um Helvetia statt ums goldene Kalb

Der Berner Helvetiaplatz war Austragungsort einer aussergewöhnlichen Tanzperformance. Unterlegt ist diese im Video mit einem gendergerechten Rap. Doch das ist nur der Auftakt: Am 1. August soll die ganze Schweiz tanzen. Also, natürlich nur der weibliche Teil der Schweiz.

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von Stefan Millius am 29.7.2021, 13:00 Uhr
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Es ist alles sehr, sehr kompliziert und verschachtelt. Und sobald das der Fall ist, kommt in aller Regel der Bund und bezahlt Geld dafür.
Aber wir versuchen, es aufzuschlüsseln. Die Organisation «alliance F» und die Siftung «Mercator Schweiz» haben 2021, immerhin das Jubiläumsjahr des Stimm- und Wahlrechts für Frauen in der Schweiz, zum Anlass genommen, aktiv zu werden mit diversen Projekten. Zusammengefasst sind diese unter dem Begriff «Jubilanno 21». Diesen Projekten seien punkto Kreativität «keine Grenzen gesetzt».
Bedauerlicherweise nehmen die Veranstalter diese Aussage wortwörtlich. Es gibt wirklich keine Grenzen, davon kann man sich direkt überzeugen. Nicht mal eine Schmerzgrenze.
Satte 300'000 Franken
Es gibt in diesem Rahmen eine Reihe von kleinen Projekten, aber auch zwei bis vier «grössere Leuchtturmprojekte». Das müssten also die sein, die die Aufmerksamkeit einer breiteren Masse finden. Alles in allem stehen für das ganze Paket 300'000 Franken zur Verfügung. Geld ist aber selten das Problem für Projekte dieser Art. «Alliance F» ist eines der liebsten Kinder der Hüter der Bundeskasse. Projekte, die von dort eingereicht werden, werden in aller Regel mitfinanziert. Beispielsweise ein Archiv zur Geschichte der Frauenbewegung in der Schweiz. Archive machen sich gut in Jahresberichten von Organisationen, auch wenn sie selten jemand konkret beansprucht.
Bis 1999 hiess «Alliance F» etwas bodenständiger «Bund Schweizerischer Frauenvereine». Bekannt ist sie vor allem durch die Organisation der Kundgebung für Eveline Widmer-Schlumpf 2008, an der 120'000 Personen teilnahmen. In den Jahren danach wurde der Verband immer politischer und weibelt vor Bundesrats- und Parlamentswahlen regelmässig für Stimmen zugunsten von Kandidatinnen.
Aber zurück zu «Jubilanno 21». Mit dem schönen Pott von 300'000 Franken wurde dazu aufgerufen, Ideen einzureichen, die danach umgesetzt werden können. Einer der erwähnten «Leuchttürme» ist «Helvetia tanzt». Am besten lässt man die Schöpfer der Idee gleich selbst sprechen. Was steckt dahinter? Die Gendersterne sind natürlich im Original übernommen:

«Am 1. August 2021 tanzen in allen Landesteilen der Schweiz Mädchen* und Frauen* die gleiche Choreografie und sprechen/singen den gleichen Rap. Durch diese künstlerische Aktion, sollen umwerfend standhafte Frauenkörper* ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden und zeitgleich ein männlich dominiertes Musik-Genre lautstark umgedeutet werden.

Umwerfend standhafte Frauenkörper*: Das macht neugierig. Wie sieht das konkret aus? Einen Vorgeschmack liefert ein vorproduziertes Video, in dem die «professionellen und erfahrenen Kunstschaffenden aus Bern» schon mal zeigen können, wie man Frauen tanzend würdigen kann. Als kleiner Tipp: Wer beruflich mit Tanz zu tun hat, sollte sich das vielleicht ersparen. Denn hier gilt eher der ursprüngliche olympische Gedanke: Dabei sein ist alles.
Aber wie gesagt: Das ist nur ein Vorbote der geballten Kreativität, so richtig rund geht es dann am 1. August «zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang». Diese umwerfende Choreografie soll dann quer durch die ganze Schweiz «zu mitreissender Musik» getanzt werden. Begleitet von einem Text, der schwer durchdacht ist, so schwer, dass ihn niemand, der nicht vorbelastet ist, nachvollziehen kann.
«Gender Data Gap», man hört vor allem diese Worte. Ihre Bedeutung erschliesst sich vermutlich erst nach mehreren hundert Stunden Workshop in einer feministischen Kursreihe. Einen Rap-Battle würde man damit jedenfalls kaum gewinnen. Aber das sind ja meistens auch Männerveranstaltungen.
Aber kein Problem, auf der Webseite wird eine Erklärung für den «Gender Data Gap» nachgeliefert. Es geht um ganz alltägliche Probleme. Die Autorin des Textes thematisiert, «dass Daten über Männer den Grossteil unseres Wissens ausmachen. Ihre Erkenntnisse zeigen, dass unsere Welt eine ist, in der Schutzmasken und Sicherheitsgurte für Frauen* zu gross sind, Klaviertasten sich mit kleinen Händen schwieriger bedienen lassen und Herzinfarkte bei Frauen* schlechter behandelt werden.»
Es gibt keine Schutzmasken für Frauen!
Unsere Welt ist also eine einzige grosse Datenlücke, die ein ganzes Geschlecht einfach ausgelassen wird. Und erstmals überhaupt erfahren wir, dass die Schutzmasken, Anti-Corona-Massnahme Nummer 1, für Frauen gar nicht passend hergestellt sind. Weil sie offensichtlich einen völlig anderen Gesichtsaufbau haben als Männer. Das erklärt wenigstens, warum sich trotz Maske immer noch Leute anstecken.
Und wir lernen, dass Frauen, die die Musikwelt erobern wollen, benachteiligt sind, weil diese elenden Klaviere nur für Männer gebaut wurden und jede Taste einen Kilometer entfernt von der nächsten liegt. Frauenhände können eigentlich gar keine Klaviertastatur bedienen. Man sollte das dringend allen international bekannten Pianistinnen sagen: Was sie tun, ist technisch gar nicht möglich. Quasi wie die Hummel, die technisch gesehen gar nicht fliegen kann, aber es dennoch tut, weil sie es nicht weiss (was inzwischen widerlegt ist).
Vermutlich muss man diesen theoretischen Unterbau zuerst begreifen, um das Video in seiner ganzen Ästhetik vollends geniessen zu können. Und Geld vom Bund erhält man meist ohnehin nur, wenn es der Normalsterbliche nicht versteht. Die Chancen auf Unterstützung mit Steuergeldern wachsen übrigens auch, wenn man für die Produktion eine Firma namens «fisting*sisters» einsetzt. Für katholische Leser: Fisting ist eine sexuelle Spielart aus der Kategorie «brachial», eher eine Geschmacksache und etwas ruppig, aber durchaus im Zeitgeist. Herrlich unkorrekt ist das, aber immerhin auf der richtigen Seite, und das schreit geradezu nach staatlicher Unterstützung.
Jedenfalls freuen wir uns auf den 1. August. Coronabedingt wird es ja eher weniger traditionelle Feiern geben. Aber immerhin ist dank «Helvetia tanzt» dennoch für Unterhaltung gesorgt. Auch wenn sie für manche unfreiwillig sein mag.

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