Der SKA-Moment

Der SKA-Moment

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von Beni Frenkel am 15.4.2021, 19:06 Uhr
Stäbchen mit Wertpotential Bild: Bundesrat / Youtube
Stäbchen mit Wertpotential Bild: Bundesrat / Youtube
  • Satire
  • Schweiz

Die Schweiz deckt sich mit Nasen-Stäbchen zu. Wer sie als Erinnerung aufbewahrt, kann mit einer hohen Rendite rechnen.

Ich wohne am äussersten Ende von Zürich Wollishofen. Noch ein paar Meter und man befindet sich in Adliswil. Die Polizei kommt häufig bei uns vorbei. Manchmal gehen mehrere Mütter aufeinander los, in den meisten Fällen verhauen Jugendliche nach Zufallsprinzip .
Der Ambulanzwagen ist in neun von zehn Fällen schneller als das Polizeiauto. Wenn die Sanitäter und Polizisten orientierungslos herumrennen, ist das natürlich immer grosses Kino. Ich gucke dann aus dem Fenster und trinke ein Bier. Ich könnte nicht auf dem Land leben. Viel zu langweilig.
Auch sonst, wenn niemand niedergestochen wird, stehe ich vor dem Fenster und gucke raus. Meine Lieblingsperson ist ein alter Mann. Er geht am Stock und schreit die Kinder an. Auf seinem Kopf trägt er eine alte SKA-Mütze. Sie hat einen Wert von etwa 60 Franken. Wer das nicht glaubt, darf die Angabe auf den gängigen Auktionsportalen überprüfen.
Die SKA-Mütze ist also sechs Mal so wertvoll wie eine CS-Aktie. Wer cool und trendy sein will, trägt eine SKA-Mütze. Auch im Sommer. Ich habe lange darüber nachgedacht, warum eine 30 Jahre alte Skimütze so teuer ist. Ich denke, dass dafür zwei Bedingungen erfüllt werden müssen.
Erstens benötigt ein Artikel eine grosse Auflage und zweitens muss er uns emotional an gute oder bewegende Zeiten erinnern. Das gilt zum Beispiel für Swissair- oder Saurer-Artikel.
Als der Bundesrat im Frühling 2020 den ersten Lockdown verordnete, wusste ich: «Das ist ein historischer SKA-Moment.» Als sich niemand nach draussen wagte, schlich ich herum und riss alle Poster und Warnungen herunter. Diese Zeitdokumente werden in naher Zukunft sehr wertvoll sein. Mein schönstes Exemplar habe ich in einem Pub abgerissen. Es klebte auf der Toilette und warnte vor Ansteckungen auf dem Pissoir.
Eine ähnlich Wertentwicklung erfuhren übrigens die Plakate zur Mobilmachung im Zweiten Weltkrieg. Die Aufrufe zur Verdunkelung? Unbezahlbar.
Letzte Woche habe ich mit der Kollektion der COVID-19-Selbsttests begonnen. Ich werde diese Stäbchen niemals in die Nase reinstecken. Erstens bekomme ich da Nasenbluten und zweitens wirkt das wertmindernd.
Ich werde die Dinger gut aufbewahren und später verkaufen. Ich bitte Sie aber, mir nicht nachzuahmen. Je weniger auf dem Markt, desto höher der Preis.
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