Der Schwindel mit der Holzverbrennung – Teil 2

Der Schwindel mit der Holzverbrennung – Teil 2

Wer von einer Ölheizung auf eine Holzheizung umsteigt, vergrössert den CO2-Ausstoss während Jahrzehnten deutlich. Dennoch fördern die EU-Länder und die Schweiz die Verfeuerung von Holz mit viel Geld. Alle Proteste von Wissenschaftlern gegen die Subventionen haben daran nichts geändert.

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von Alex Reichmuth am 18.5.2021, 17:00 Uhr
Die EU-Länder und die Schweiz fördern die Verfeuerung von Holz mit viel Geld. Bild: Shutterstock
Die EU-Länder und die Schweiz fördern die Verfeuerung von Holz mit viel Geld. Bild: Shutterstock
Im Januar 2018 unterzeichneten 796 Wissenschaftler einen Appell an das EU-Parlament. Sie warnten darin, dass die Förderung von Holz als angeblich nachhaltiger Energieträger den CO2-Ausstoss für lange Zeit vergrössert statt verringert – zumindest dann, wenn das Holz extra zum Verfeuern geschlagen wird und nicht Rückstände von Bauholz und Abfälle von Holzfällungen verwendet werden. «Wir ermahnen die europäischen Gesetzgeber, die aktuelle Richtlinie so zu ändern, dass die [für Verfeuerungen] geeignete Biomasse aus dem Wald auf passend definierte Rückstände und Abfälle begrenzt wird. Denn es steht buchstäblich das Schicksal vieler Wälder dieser Erde und des Klimas auf dem Spiel.»
Der Appell mutet auf den ersten Blick seltsam an. Denn Holz gilt landläufig als klimaneutraler Brennstoff. Es wird ja bei der Verbrennung nur soviel CO2 freigesetzt, wie vorher während des Wachstums der Bäume aus der Atmosphäre gebunden wurde. Entsprechend heben die Befürworter des CO2-Gesetzes, das im Juni zur Abstimmung kommt, Holz als klimafreundliche Alternative zu fossilen Brennstoffen hervor.

Es dauert viele Jahrzehnte, bis das bei der Verbrennung von Holz ausgestossene Kohlendioxid durch nachwachsende Bäume wieder gebunden wird.


Doch die CO2-Neutralität gilt nur, wenn man die Zeit ausser Acht lässt. In Wirklichkeit dauert es viele Jahrzehnte, bis das bei der Verbrennung von Holz ausgestossene Kohlendioxid durch nachwachsende Bäume wieder gebunden wird. Zudem ist Holz pro erzeugte Energie deutlich CO2-intensiver als fossile Brennstoffe. Wie Forscher berechnet haben, ist der CO2-Ausstoss von Holz etwa die Hälfte grösser als von Kohle, etwa doppelt so hoch wie von Öl und rund dreimal so hoch wie von Gas. (siehe Teil 1 der Recherche: Der Schwindel mit der Holzverbrennung)

Viel mehr CO2-Ausstoss für lange Zeit

Wer von einer Ölheizung zu einer Holzheizung umsteigt, bläst somit für lange Zeit sogar mehr CO2 in die Luft, als wenn er bei der Ölheizung geblieben wäre. Es dauert sehr lange, bis wegen dem nachwachsenden Holz nur schon wieder Parität bezüglich Kohlendioxid-Ausstoss zwischen Öl- und Holzheizung herrscht. Eine Studie der kanadischen Forstverwaltung von 2015 hat berechnet, wie lange das dauert: Verfeuert man 45-jährige Bäume, so muss man mindestens 82 Jahre warten, bis zwischen Holzheizung und Ölheizung Parität bezüglich CO2 besteht. Verwendet man 75-jährige Bäume, dauert es sogar über 100 Jahre, bis sich diese Parität einstellt.

Wer mit Holz heizt, belastet das Klima während vieler Jahrzehnte mit zusätzlichem Treibhausgas.


Wer also mit Holz heizt oder mit Holz Strom erzeugt, statt mit Kohle, Öl oder Gas, belastet das Klima während vieler Jahrzehnte mit zusätzlichem Treibhausgas. Dennoch blieb der eingangs erwähnte Appell von fast 800 Wissenschaftlern wirkungslos: Die EU stufte im Juni 2018 im Rahmen ihrer Erneuerbare-Energie-Richtlinie trotzdem sämtliche Biomasse aus Wäldern als CO2-neutral ein, was entsprechende Fördergelder für Holz zur Folge hat.
Nach dem Beschluss protestierte auch der European Academies Science Advisory Council (Easac), ein Zusammenschluss nationaler Wissenschaftsakademien der EU-Staaten, von Norwegen und der Schweiz, gegen die Richtlinie. Die Worte des Easac waren klar: Wenn die EU und ihre Mitgliedstaaten weiterhin sämtliche Biomasse aus dem Wald als erneuerbar bezeichneten und ihre Klimawirksamkeit nicht von Fall zu Fall beurteilten, dann werde die EU ihre CO2-Emissionen noch vergrössern. Doch auch dieser Protest verhallte wirkungslos.

Fast 70 Prozent mehr geschlagenes Holz

Denn die Überzeugung, mit der Verbrennung mit Holz dem Klima zu helfen, hält sich hartnäckig. Dank Subventionen für Holzkraftwerke und Holzheizungen werden in Europa immer mehr Bäume direkt zum Verfeuern gefällt. «Mittlerweile werden ein Viertel aller gefällten Bäume in Europa zur Energieerzeugung verbrannt», hält der deutsche Chemiker und Publizist Fritz Vahrenholt fest. Zudem stamme 60 Prozent der erneuerbaren Energien in Europa aus Biomasse (Holz, Biogas, Biosprit), und davon wiederum 60 Prozent aus Holz aus Wäldern, so Vahrenholt weiter. «Das heisst, mehr als ein Drittel der Erneuerbaren Energien Europas stammt aus der Holzverbrennung.«
Im letzten Sommer zeigte eine Studie, die im angesehenen Fachblatt «Nature» publiziert worden war, dass in den Jahren von 2016 bis 2018 in den europäischen Ländern fast 70 Prozent mehr Holz geerntet worden ist als noch in den Jahren von 2011 bis 2015. Die für Baumfällungen genutzte Fläche stieg dabei um fast die Hälfte.
Im letzten Januar behandelte der Europäische Gerichtshof eine Klage von sechs Klägern aus den Ländern Estland, Rumänien, Irland, Frankreich, Slowakei und USA gegen die europäische Richtlinie für Erneuerbare Energien. Sie führten an, die Richtlinie, die die Verfeuerung von Holz als klimaneutral einstufe, führe zu mehr CO2-Emissionen und zur Zerstörung von Wäldern. Die Klage wurde abgewiesen.

Die niederländische Regierung hat angekündigt, die Subventionen für Holzkraftwerke auslaufen lassen zu wollen – unter anderem wegen des erhöhten CO2-Ausstosses von Holz.


Auch in der Schweiz gibt es Förderbeiträge für Holzheizungen, etwa im Rahmen des Programms Energie Zukunft Schweiz, des Programms Pelletheizungen von Myclimate oder von diversen Programmen von Klik, der Stiftung für Klimaschutz und CO2-Kompensation. Zudem sind Holzheizungen, wie erwähnt, von der CO2-Abgabe befreit.
Einen anderen Weg gehen die Niederlande. Bis anhin hat das Land den Einsatz von Holzpellets in ehemaligen Kohlekraftwerken mit Milliardenbeträgen unterstützt. Doch im letzten Oktober kündigte die niederländische Regierung an, die Subventionen auslaufen lassen zu wollen – unter anderem wegen des erhöhten CO2-Ausstosses von Holz (siehe hier). Im Februar segnete das Parlament den Ausstieg ab.
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