Der schlimmste Fallout aus Fukushima war die Hysterie

Der schlimmste Fallout aus Fukushima war die Hysterie

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von Andreas Aste am 28.4.2021, 06:40 Uhr
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Am 11. März 2011 verloren in Japan 18'500 Menschen wegen einem Tsunami, der durch ein kolossales Erdbeben ausgelöst worden war, ihr Leben. Der Tsunami verursachte auch eine schwere Havarie im Kernkraftwerk Fukushima. Die Sunday Times bringt nun neue Erkenntnisse zur Atomkatastrophe.

Eine 14 Meter hohe Tsunamiwelle beschädigte vier Reaktorblöcke des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi so schwer, dass es zu Kernschmelzen, Explosionen und der Freisetzung von Radioaktivität kam. Der Kolumnist Dominic Lawson hat das Katastrophengebiet ein Jahr nach diesen Ereignissen bereist und beginnt seinen Bericht in der Sunday Times vom 14. März 2021 mit der Schilderung seiner damaligen bedrückenden Beobachtungen in einer von Flutwellen verwüsteten Region.
Was Lawson heute jedoch überrascht, ist die geringe mediale Wahrnehmung des kürzlich publizierten Berichts der UNSCEAR (United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation), gemäss welchem die bei den Reaktorunglücken freigesetzte Strahlung keine nachweisbaren nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung hatte. Auch in Zukunft seien gemäss Experten keine Gesundheitsschäden zu erwarten, nicht einmal für ungeborenes Leben, welches als besonders strahlenempfindlich gilt.
Lawson fragt sich, was Bundeskanzlerin Merkel zu diesem Bericht wohl gesagt hätte. Durch die Grünen herausgefordert, entschied sich die Kanzlerin aus politischem Kalkül drei Tage nach der Katastrophe überhastet zum Kernenergieausstieg. Der strategisch nachvollziehbare Entscheid der ehemaligen Kernenergiebefürworterin Merkel war aus Sicht der CO2-Reduktion ein Schock, und über die künftige Abhängigkeit Deutschlands von Energieimporten – Stichwort russisches Importgas - wird noch viel diskutiert werden.
Leider findet eine sachliche Diskussion der damaligen Ereignisse nicht statt. So hat es sich im Nachhinein herausgestellt, dass die Evakuation der Bevölkerung aus den radioaktiv belasteten Regionen mehr Schaden angerichtet hat, als es die Strahlung selbst je hätte bewirken können. Die teils unnötigen Evakuationen führten bei den Betroffenen in nachvollziehbarer Weise zu Depressionen und Herzkrankheiten mit entsprechenden tödlichen Folgen. In Tschernobyl wurden zehntausende Frauen durch übertriebene Strahlenpanik unnötigerweise zu Abtreibungen verleitet, um die Geburt vermeintlicher "Monster" zu verhindern. Die Medien tragen fortwährend dazu bei, den Mythos der todbringenden, vermeintlich ansteckenden Horror-Atomstrahlung zu zementieren.
Was man wissen sollte: Die radioaktive Belastung eines Menschen kann durch die Dosiseinheit "Millisievert" (mSv) quantifiziert werden. Bis zu Strahlendosen von 100mSv war es bislang nicht möglich, einen gesicherten Zusammenhang der Strahlung mit gesundheitlichen Spätfolgen nachzuweisen. Eine Dosis von 5000mSv ist für die meisten Menschen tödlich. Pro Jahr erhält eine durchschnittliche Person in der Schweiz eine Dosis von etwa 5mSV durch die sowieso vorhandene, grösstenteils natürliche Strahlenbelastung. Kernkraftwerksarbeiter dürfen pro Jahr mit 20mSV belastet werden, bislang ohne beobachtbare gesundheitliche Folgen.
Beispiele: In Tschernobyl wurde ab einer zusätzlichen Personendosis von etwa 5mSv pro Jahr evakuiert oder umgesiedelt; in Fukushima war man noch vorsichtiger. Wird ein Gebiet durch einen Reaktorunfall so belastet, dass die Belastung im ersten Jahr 20mSv beträgt, so ist gemäss Erfahrungen aus Tschernobyl bei einem lebenslänglichen Aufenthalt in diesem Gebiet mit zusätzlichen 60mSv zu rechnen. Solchen Dosen können aber auch in alpinen Gebieten lebende Personen ausgesetzt sein, wo der Granit oft uranhaltig ist. In vielen dicht besiedelten Gebieten wie dem indischen Kerala werden diese Dosen sogar weit übertroffen, ohne nachweisbare nachteilige Folgen für die Einwohner.
Lawson moniert die auf Unwissenheit und reiner Ideologie basierende Anti-Atomhaltung junger Klimaaktivisten und seiner eigenen Generation und erwähnt als Lichtblick Zion Lights, eine frühere Sprecherin der Bewegung Extinction Rebellion, die nach Studium der Fakten zur überzeugten Kernenergiebefürworterin wurde. Und während die Kernenergie in weiten Teilen Europas bekämpft oder totgeschwiegen wird, investieren viele Staaten grosse Anstrengungen in ihre Entwicklung. Länder wie China, so Lawson, haben im Gegensatz zu uns ihre Lehren aus Fukushima gezogen. Die schlimmsten Folgen der Kernenergie entfalten sich aber erst aus den durch die Anti-Atom-Aktivisten geschürten Ängste und deren Konsequenzen.
 
Andreas Aste ist habilitierter Physiker und beschäftigt sich seit der Tsunami-Katastrophe in Tohoku hauptzeitlich mit Nukleartechnik.

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