Der Pfauen: Die Nostalgiker schlagen das Rad

Der Pfauen: Die Nostalgiker schlagen das Rad

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von Beni Frenkel am 20.5.2021, 14:30 Uhr
Persönlich-Verleger Matthias Ackeret will den Pfauensaal retten. Bild: Alberto Venzago
Persönlich-Verleger Matthias Ackeret will den Pfauensaal retten. Bild: Alberto Venzago
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Der Pfauensaal des Schauspielhauses soll abgerissen werden. Gegen die Pläne des Zürcher Stadtrats formiert sich Widerstand. Von ganz links bis ganz rechts.

Der Verleger Matthias Ackeret ist der Kopf der Widerständler. Gegen den von der Stadt Zürich geplanten Neubau des Schauspielhauses wehrt er sich. Auf seiner initiierten Plattform rettendenpfauen.ch sammeln sich die Mitstreiter, die den historisch wertvollen Pfauensaal vor der Abrissbirne schützen wollen. Während des zweiten Weltkrieges war das Zürcher Schauspielhaus ein Hort des Widerstandes und bot vielen Künstlern aus dem deutschsprachigen Raum Exil. Prominente Unterstützer sind unter anderem Martin Walser und Jean Ziegler.
Nebelspalter: Mit «Willkommen in Disneyland», beschrieben sie den geplanten Neubau in Ihrer Kolumne auf dem Portal «persönlich.com.» Der Heimatschutz spricht sogar von «kulturloser Barbarei». Herr Ackeret, warum so emotional?
Matthias Ackeret: Das hat sicher auch mit meinen Kindheitserinnerungen zu tun. Als 12-Jähriger nahm mich mein Vater zu einer Wilhelm-Tell-Aufführung im Pfauen mit Mathias Habich in der Hauptrolle. «Das hier ist ein ganz wichtiger Widerstandsort.», sagte er mir nach der Aufführung. Hier traten jüdische Flüchtlinge aus Nazideutschland auf, später fanden hier Premieren der Weltstücke von Berthold Brecht, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt statt. Das habe ich nie vergessen – und ich glaube, dass es vielen Zürcherinnen und Züchern gleich geht. Später – in Ibiza übrigens – habe ich das grossartige Buch «Die stürmischen Jahre» von Eveline Hasler gelesen, das die Geschichte des Pfauens und das traurige Schicksal des mutigen Intendanten Ferdinand Rieser in den dreissiger Jahren äusserst plastisch beschreibt. Das machte mir enormen Eindruck.
Dieser Ort, von dem Sie reden, gibt es so schon länger nicht mehr. 1978 wurde der Pfauen total erneuert. Warum ist eine Totalsanierung in Ihren Augen besser als ein Neubau am gleichen Ort?
Wurde er wirklich total erneuert? Wer Fotos vergleicht, die von vor und nach 1978 datieren, erkennt: Da ist immer noch der gleiche Pfauen. Entscheidend ist doch, dass man die DNA des Saals nicht zerstört. Da nützen auch schöne Worte wie «Lieu de mémoire» nichts: Was weg ist, ist weg. Und apropos «Erinnerungsort». Wieso will man ausgerechnet etwas zerstören, woran – und das sagen die Befürworter des Abrisses – man sich später immer noch erinnern soll? Da wäre es doch einfacher, man lässt es stehen.
Das Gebäude mag das gleiche sein, die Zuschauerinnen und Zuschauer haben sich geändert. Die Auslastung liegt bei 67 Prozent, bei der modernen Schiffbau-Halle über 80 Prozent. Bei aller Nostalgie: Die Zuschauer von Heute erwarten von einem Besuch mehr als vor 40 Jahren.
Die tiefe Auslastung ist ein Thema, das stimmt. Das hat aber nichts mit der heutigen Architektur zu tun. Entscheidend ist doch, ob die Stücke, die aufgeführt werden, attraktiv umgesetzt werden oder nichts. Bei Frisch, Dürrenmatt oder auch Marthaler oder Hürlimann -um jüngere zu nennen -, war das Theater immer voll. Übrigens wurde der Pfauen erst vor wenigen Jahren zum «Theater des Jahres» gekürt, so schlecht können die Verhältnisse nicht sein, wie die Gegenseite immer propagiert.
Fakt ist aber, dass Sie in den hintersten Reihen fast nichts hören und eng aufeinandersitzen. Mässig Interessierte kommen dann halt seltener ins Theater.
Aber deswegen muss man nicht den Pfauen zerstören. Die Stadt Zürich hatte vier Varianten vor sich liegen. Nur eine will den historischen Zuschauersaal aufheben, und genau der soll jetzt umgesetzt werden! Wir stellen uns nicht der Moderne entgegen. Bei einer sanften Sanierung würde der Saal zwar erneuert, bliebe aber trotzdem als eines der wenigen Zürcher Kulturdenkmale historischen Ausmasses erhalten. Was wir Zürcherinnen und Zürcher häufig vergessen: Der Pfauen gilt international gesehen als eines der wenigen Widerstandsnester gegen Hitlerdeutschland. Und was dazu kommt: neben dem Grossmünster ist es praktisch das einzige historische Denkmal von internationaler Bedeutung, das Zürich zu bieten hat. Warum will man es demolieren? Als nächstes baut man das Grossmünster ab, weil die Kirchstühle zu hart sind...
In Ihrem Aktionskomitee rettetdenpfauen.ch stossen Sie sich an den projizierten Kosten, 115 Millionen Franken. Was Sie Ihren Lesern verschweigen: Die anderen drei Varianten sind noch teurer.
Gutachten sind wie Umfragen. Wichtig ist dabei, wer hat sie in Auftrag gegeben? Tatsache ist doch: Der Zürcher Stadtrat und die Schauspielhaus AG wollen den legendären Saal zerstören. Und jetzt gibt es Widerstand, das ist doch normal.
Unterstellen Sie der Stadt ein Täuschungsmanöver?
Nein, gar nicht. Und es geht auch gar nicht um mich. Schauen Sie sich die lange Liste von Kulturschaffenden an, die unsere Aktion unterstützen. Da gibt es viele Künstler, die von der Stadt abhängig sind und sich trotzdem gegen den Neubau aussprechen. Aber auch Unternehmer und Architekten. Daneben gibt es auch noch der Heimatschutz, der als erster opponierte, und – ganz wichtig – die Architekten der ETH, die sich gegen dieses Projekt aussprechen. Ich werde häufig gefragt, ob ich enttäuscht sei von Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP). Ich antworte dann immer: «Nein, aber überrascht.» Überrascht vor allem deswegen, weil man in unserer Stadt mit diesem einzigartigen kulturellen Erbe so leichtfertig umgeht. Und Frau Mauch ist wahrscheinlich überrascht, dass so viele Mitglieder des Gemeinderats gegen diese Pläne opponieren, sogar aus ihrem Lager: Grüne und – geschlossen – die Mitglieder der AL. Wie es innerhalb der SP aussieht, weiss ich nicht. Mit dem ehemaligen SP-Gemeinderat Bruno Kammerer haben wir einen sehr pointierten Linken in unserem Komitee, der unser Vorhaben unterstützt. Aber auch Werber Peter Lesch und Ex-Condor-Chef Martin Fueter, beide Gründungsmitglieder unserer Gruppierungen, verstehen die Pläne der Stadt nicht, zumal wir mit dem Schiffbau bereits ein sehr modernes Theater haben.
Würden Sie bei einer Niederlage das Referendum ergreifen?
Ja.
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