Der Muezzin ruft schon in halb Europa

Der Muezzin ruft schon in halb Europa

Als Köln vor kurzem ankündigte, den Ruf des Muezzins zuzulassen, hat das zu grossen Diskussionen geführt. Doch der islamische Vorbeter ist bereits in vielen deutschen Städten zu hören. Auch in den Niederlanden, in Belgien, Schweden und Grossbritannien ruft der Muezzin per Lautsprecher zum Gebet.

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von Alex Reichmuth am 20.12.2021, 05:00 Uhr
Karikatur: Clemens Ottawa
Karikatur: Clemens Ottawa
«Allahu akbar» – Allah ist der Grösste. So wird es wohl bald von den Moscheen Kölns tönen. Im Oktober hat Oberbürgermeisterin Henriette Reker die grundsätzliche Erlaubnis zum Ruf des islamischen Vorbeters per Lautsprecher gegeben, auf zwei Jahre befristet. Reker begründete die Bewilligung mit den «berechtigten religiösen Interessen» der über 120’000 Muslime in der Stadt mit 1,1 Millionen Einwohnern.
Die Ankündigung löste eine heftige Debatte, ja einen Sturm der Entrüstung in ganz Deutschland aus. Der Ruf des Muezzins sei Ausdruck eines gefährlichen muslimischen Machtanspruchs, wurde gewarnt. Diesem gelte es Einhalt zu gebieten.

Muezzin-Rufe schon in den 1990er-Jahren

Inzwischen hat eine erste Kölner Moscheegemeinde einen konkreten Antrag für den Muezzin-Ruf gestellt. Sechs weitere Gemeinden haben bislang Interesse bekundet. Wird in der Stadt am Rhein also ein Tabu gebrochen, wie es seitens der Kritiker heisst?

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Henriette Reker, Oberbürgermeisterin von Köln. Bild: Keystone

Mitnichten. Dass der Ruf des Muezzins in Deutschland ertönt, ist überhaupt nicht neu. Schon seit den 1990er-Jahren ist der islamische Vorbeter in einigen Städten zu hören – so in Dortmund, Hamm, Siegen (alle Nordrhein-Westfalen) und Oldenburg (Niedersachsen).
1996 sollte der Vorbeter auch in Duisburg (Nordrhein-Westfalen) zu hören sein. Aufgebrachte Anwohner und der evangelische Pfarrer Dietrich Reuter wehrten sich aber mit Händen und Füssen dagegen. Das führte deutschlandweit zu Diskussionen und Warnungen. Es hiess, das Land, über dem der Ruf des Muezzins ertöne, werde «ideell den Gesetzen Mohammeds unterstellt». Dagegen war auch die CDU Duisburg. Sie argumentierte, «die Toleranzgrenze der deutschen Bevölkerung» werde überschritten. Es blieb dann still rund um die Moscheen der Stadt.

Erlaubnis für den muslimischen Vorbeter wegen Corona

So richtig laut wurde es in Deutschland aber im Frühling letzten Jahres. Zahlreiche Städte liessen den Muezzin-Ruf zu – für die Dauer des Fastenmonats Ramadan. Die Erlaubnis stand im Zeichen der Corona-Pandemie. Wegen des Versammlungsverbots könnten die Moscheen nur mit dem öffentlichen Gebetsruf in Kontakt mit den Gläubigen bleiben, sagten die Städte. Die Erlaubnis wurde von vielen als Zeichen der Toleranz und der Empathie bezeichnet.

Die Gläubigen in Berlin Neukölln folgten dem Muezzin-Ruf in Scharen und versammelten sich bei der Moschee. Die Polizei vertrieb sie – wegen Verstosses gegen die Corona-Auflagen.


Zugelassen wurde der islamische Vorbeter per Lautsprecher unter anderem in Bremen, München, Osnabrück, Frankfurt, Wuppertal, Krefeld, Gelsenkirchen, Hannover, Duisburg, Garbsen, Braunschweig, Goslar, Kiel, Neumünster, Rendsburg, Düren, Östringen, Raunheim, Lünen und Hamburg. Nur wenige Städte lehnten den Muezzin-Ruf ab, so etwa Bremerhaven und Mannheim.

Tumultartige Szenen in Berlin

Zu hören war der Vorbeter im April 2020 auch von einer Moschee im Berliner Quartier Neukölln. Die Gläubigen folgten dem Aufruf in Scharen und versammelten sich bei der Moschee. Die Polizei vertrieb sie – wegen Verstosses gegen die Corona-Auflagen. Es kam zu tumultartigen Szenen. Der Muezzin-Ruf musste daraufhin wieder verstummen.
Eine Erlaubnis gab es dagegen im September 2020 in der Ortschaft Oer-Erkenschwick – durch das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen. Damit wurde ein fünfjähriger Streit um den Gebetsruf entschieden. Anwohner waren gegen eine Genehmigung der Stadt auf die Barrikaden gegangen. «Jeder Gesellschaft muss akzeptieren, dass man mitbekommt, dass andere ihren Glauben ausleben», begründete die vorsitzende Richterin jetzt das Urteil.

Muezzin-Rufe von 40 niederländischen Moscheen

Doch nicht nur in Deutschland ist der Ruf des Vorbeters zu hören, sondern auch in anderen christlich geprägten Staaten Europas. In den Niederlanden ertönte der Muezzin schon 2013 von mindestens 12 Moscheen. 2019 war er zumindest in Amsterdam, Den Haag und Utrecht zu vernehmen.

In Växjö, einer Stadt in Südschweden, ertönt der Ruf des Muezzins seit drei Jahren. Ironischerweise durften dort die Glocken der Kirchen jahrelang nicht läuten – wegen des Lärmschutzes.


Im Frühling 2020 gab es den Gebetsruf bereits an über 40 niederländischen Moscheen – unter anderem nun auch in Rotterdam und Uden. Auch hier galten die entsprechenden Bewilligungen als Zeichen der Solidarität während der Pandemie. Der Ruf des Muezzins soll der muslimischen Gemeinschaft Trost spenden, hiess es.

Islamische Gebetsrufe, aber kein Kirchengeläut

In Schweden ist der muslimische Vorbeter ebenfalls an mehreren Orten zu hören, etwa in Botkyrka und Karlskrona. In Växjö, einer Stadt in Südschweden, ertönt der Ruf des Muezzins seit drei Jahren. Ironischerweise durften dort die Glocken der Kirchen jahrelang nicht läuten – wegen des Lärmschutzes. Der Fall führte darum 2018 zu landesweiten Debatten. Der damalige schwedische Ministerpräsident Stefan Lövfen begrüsste die Zulassung in Växjö aber als «Zeichen gegen die Ausgrenzung».
In Grossbritannien konnte man den muslimischen Gebetsruf im Jahr 2019 in London und Glasgow hören. Im Mai 2020 erlaubte London den Ruf gar für mehrere Dutzend Moscheen, für die Dauer des Ramadans.

Muezzin-Ruf von einer christlichen Kirche aus

In Belgien hört man den Muezzin seit 2018 in der Stadt Mecheln. Besonders brisant: Der Ruf kommt ausgerechnet aus Lautsprechern, die an der christlichen Sint-Rombout-Kathedrale angebracht sind, eine der bedeutendsten Kirchen Belgiens. Es ist vielleicht nur noch eine Frage der Zeit, bis der Ruf des Muezzins auch vom Kölner Dom aus ertönt.

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Schweiz 2009 – Kampf gegen den Bau von Minaretten. Bild: Keystone

In der Schweiz ist es der Ruf des islamischen Vorbeters per Lautsprecher kein Thema. Das Stimmvolk hat 2009 sogar den Bau von Minaretten verboten und eine entsprechende Volksinitiative angenommen. Keiner muslimischen Gemeinde käme es in den Sinn, ein Gesuch um Zulassung des Muezzin-Rufs zu stellen.

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Vom Minarett im deutschen Rheinfelden aus ertönte 2009 kurzzeitig der Muezzin-Ruf. Bild: Keystone

Kurz vor der Abstimmung über das Minarettverbot in der Schweiz montierte die muslimische Gemeinde im deutschen Rheinfelden, gleich an der Schweizer Grenze, Lautsprecher am dortigen Minarett, um den Ruf des Muezzins ertönen zu lassen. Die Lautsprecher mussten kurz darauf wieder entfernt werden. Der Vorfall wurde aber von den Initianten mit Genuss ausgeschlachtet. Er zeige, wohin der Bau von Mineratten führe, argumentierten sie.

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