Was Herr und Frau Mohr meinen - müssen sie nun ihren Namen auch ändern?

Was Herr und Frau Mohr meinen - müssen sie nun ihren Namen auch ändern?

image
von Martin A. Senn am 13.4.2021, 10:13 Uhr
Das Haus zum Mohrenkopf in Zürich wurde auf den Index der rassistischen Gebäudenamen gesetzt. (Bild: wikimedia.org)
Das Haus zum Mohrenkopf in Zürich wurde auf den Index der rassistischen Gebäudenamen gesetzt. (Bild: wikimedia.org)
  • Schweiz
  • Politcal Correctness
  • Gesellschaft

Zürichs Stadtregierung will Benennungen mit dem Wort «Mohr» ausmerzen. Was bedeutet das für die Leute, die Mohr heissen? Es sind Hunderte.

«Ja, in unserem Familienwappen hat es einen Mohren, es ist einer der drei Weisen», sagt Till Mohr, ein pensionierter evangelischer Pfarrer aus Teufen in Appenzell Ausserrhoden. Und: «Es ist doch wunderbar, dass die Weihnachtsgeschichte so anfängt: mit drei so unterschiedlichen Menschen aus drei unterschiedlichen Kulturen, die von oben so geführt werden, dass sie Christus finden und seine arme Familie reich beschenken. Das ist ein Segen».
Kein Segen ist der «Mohr» für die Zürcher Stadtregierung, sondern schlicht ein rassistischer Begriff. Häuserbezeichnungen und Inschriften, in denen das Wort vorkommt, will sie aus der Stadt entfernen lassen.
Was bedeutet das für die Hunderten von Menschen in der Schweiz, die Mohr heissen? Auf tel.search.ch findet man immerhin 759 Telefonanschlüsse unter diesem Nachnamen. Wann wird ihr Name ausgemerzt im Dienst der linken Identitätspolitik, der kritischen Rassentheorie, der BLM-Bewegung oder, wie die Zürcher Stadtregierung phrasiert, der Bekämpfung des «anti-Schwarzen Rassismus und des Kolonialrassismus»?

Mohrenkopf-Sympathiewelle

Noch sind die Mohrs im Land nicht beunruhigt, jedenfalls die, mit denen der Nebelspalter geredet hat. Dass sie die nächsten Opfer des politisch korrekten Kreuzzugs werden, können sie sich nicht vorstellen. Zu «absurd», zu «lächerlich» und zu «spitzfindig» finden sie das ganze «Theater». Und apropos Theater: dann müsste man ja auch Othello, den Mohr von Venedig, abschaffen, so ganz nach Schiller: «Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen!».
Selbst wenn: «Meinen Namen werde ich sicher nicht ändern», sagt Anita Mohr vom Blumengeschäft «Flowers & Mohr» in Winterthur. «Gegen so etwas muss man sich wehren.» Ähnlich tönt’s im «Café Restaurant Mohr» in Trimbach SO: «Das ist ein alter Familienname, keine Diskriminierung, da gibt’s nichts zu diskutieren».

«Wer dieser extrem einseitigen Geschichtsversion widerspricht, dem wird moralisch das Recht abgesprochen, sich zu äussern.»

Sandra Kostner, Migrationsforscherin
Gelassen reagiert der Mann, der den Sturm bereits über sich ergehen lassen musste: Robert Dubler, der mittlerweile landesweit bekannte Mohrenkopf-Hersteller aus Waltenschwil AG. Die Nachfrage nach seinen Leckereien explodierte regelrecht, nachdem im letzten Sommer die Grossverteiler der Wokeness-Sekte nachgegeben hatten und den Mohrenkopf auf den Index der geächteten Lebensmittelbezeichnungen setzten. Die Sympathiewelle für den Aargauer Confiseur und seine 15 Angestellten schlug alle Rekorde. Und auch heute noch, sagt Dubler, dürfe er nicht zu lange im Verkaufsraum bleiben oder Telefonbestellungen entgegennehmen, weil er es auf Dauer nicht aushalte, nur gelobt zu werden. «Ich mache, was ich am liebsten mache, das ist doch Glück genug», sagt er. Und: «Was es den armen Kakaopflückern dort unten helfen soll, wenn wir hier bei uns nicht mehr Mohrenkopf sagen, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass wir bis heute keinen fairen Preis für die Kakaobohnen haben. Aber lieber lässt man einen Namen weg, und für das Gewissen hat man ja Max Havelaar».

Moral statt Argumente

Doch auf eine Debatte über solche Argumente lassen sich die politisch korrekten Identitätslinken erst gar nicht ein. Der dürftige Bericht des Zürcher Stadtrats für die Abschaffung alter historischer, angeblich rassistischer Gebäudenamen ist symptomatisch. Nur: Wieso sollten meist wohlhabende Zürcher Bürgerfamilien in Häusern gewohnt haben, deren Namen negativ besetzt waren, fragt der Stadthistoriker Martin Illi im Tagesanzeiger. Vertiefte Abklärungen zur Herkunft des Worts Mohr und inwiefern es eine rassistische Herabsetzung enthält, interessieren die «Läuterungsentrepreneure», wie sie die deutsche Migrationsforscherin Sandra Kostner nennt, allerdings nicht. Sie folgen auch hierzulande zunehmend der aus den USA importierten Doktrin, wonach das «alles bestimmende Merkmal des Lebens die Hautfarbe ist, das sie entweder zu Opfern oder zu Schuldigen macht», sagte Kostner unlängst in der Welt. Und: «Wer dieser extrem einseitigen Geschichtsversion widerspricht, dem wird moralisch das Recht abgesprochen, sich zu äussern.» Es sei denn natürlich, man lässt sich das Maul nicht verbieten wie die Mohrs, mit denen wir gesprochen haben.
Ähnliche Themen