Der Mensch ist gut, nur die Arbeit ist schlecht

Der Mensch ist gut, nur die Arbeit ist schlecht

Wieder einmal wird uns erklärt, dass Arbeit etwas Schlechtes und alles Andere besser sei. Ökonomieprofessor Thomas Straubhaar plädiert deshalb dafür, Letzteres mit einem bedingungslosen Grundeinkommen zu entlöhnen.

image
von Gottlieb F. Höpli am 17.9.2021, 10:00 Uhr
Würden wir mit einem bedingungslosen Grundeinkommen nur noch faul zuhause herumsitzen? (Bild: Shutterstock)
Würden wir mit einem bedingungslosen Grundeinkommen nur noch faul zuhause herumsitzen? (Bild: Shutterstock)
Was gibt es Verlockenderes, als am Morgen nicht zur Arbeit gehen zu müssen und stattdessen daran zu denken, wie und womit man sich heute verwirklichen könnte! Idealisten denken dabei an freiwillige Tätigkeit im Asylzentrum oder an eine Weiterbildungsinstitution. Am Ende des selbstbestimmten Tuns steht die Vision einer glücklichen Gesellschaft, in der sich jeder selbst ohne Zwang zum Wohle aller verwirklicht. Realisten mit etwas mehr Lebenserfahrung denken dabei eher an ein Hobby oder den Gang ins Kaffeehaus oder gleich in den nächsten Pub. Und Ökonomieprofessoren wie Thomas Straubhaar erinnern sich dabei wieder einmal der (nicht neuen) Theorie, dass uns demnächst die Arbeit ausgehen werde und dass den Menschen deshalb ein bedingungsloses Grundeinkommen zugesichert werden soll.
Dass die Vision der Idealisten in Umfragen oft traumhafte Zustimmungswerte erreicht, ist kein Wunder. Wenn allerdings gefragt wird, ob alle Anderen diesen Idealen wirklich nachleben würden, steigt die Skepsis. Und wenn in einer Volksabstimmung danach gefragt wird, ob das Experiment eines bedingungslosen Grundeinkommens wirklich gewagt werden soll, dann ist die Antwort klar: im Juni 2016 lehnten 78 Prozent ein solches Begehren in einer Volksabstimmung ab.
Die Annahme, dass uns die Arbeit ausgehen wird, war schon oft das Fundament von Gesellschaftstheorien (von Keynes bis Hannah Arendt), die sich bisher allesamt als falsch erwiesen haben. Gewerkschaften agitieren zwar mit diesem Argument, um die Lebensarbeitszeit stetig weiter zu verkürzen. Doch die These hat sich auch in der Corona-Pandemie, die Professor Straubhaar als neuen Beweis anführt, nicht bewahrheitet. Ja, es gibt immer wieder Wirtschaftszweige, die schwächeln und untergehen: Der Bergbau, der Bau von Verbrennungsmotoren, in der Schweiz etwa die Schwer- oder die Textilindustrie. Doch auf den Industriebrachen sind Dienstleistungsbetriebe mit einem Mehrfachen an Arbeitsplätzen entstanden. Und unsere alternde Wohlstandsgesellschaft, die sich immer weniger gern in Heimen kasernieren lässt, verlangt nach immer mehr, nach immer differenzierteren Dienstleistungen.
Die Frage der Finanzierung des Grundeinkommens überlasse ich hier den Ökonomen. Um zu erkennen, dass es sich um eine verfehlte Idee handelt, braucht es nicht einmal den Nachweis, dass es unmöglich wäre, sie zu finanzieren. Denn die Verhaltensökonomie weiss schon längst, dass Arbeit zufriedener macht als Arbeitslosigkeit, auch dann, wenn letztere durch staatliche Unterstützung vor existenzieller Not bewahrt bleibt. Aber wenn die Wertschätzung der Arbeit in der konkreten Form des Lohnes ausbleibt, verliert Arbeit an Wert. Das ist kein Ansporn zu mehr Kreativität – im Gegenteil. Nur wenn es beispielsweise gelingt, stupide Arbeitsformen – die gibt es! – kreativ zu verbessern, stellt sich Zufriedenheit ein.
Dass sich Menschen, die am Morgen nicht mehr zur Arbeit gehen, zur «grossen Solidargemeinschaft» zusammenschliessen, wie Straubhaar und andere Anhänger des Grundeinkommens glauben, ist eine Illusion. Dass mehr Freizeit mehr Teilhabe am sozialen Leben mit sich bringe, ebenso. Als die Schweiz den 1. August zum nationalen Feiertag erhob, kam es nicht etwa zu steigenden Teilnehmerzahlen an den Feiern, sondern zu einer Abnahme. Das gilt gewiss nicht nur für unseren Nationalfeiertag: Wenn der Mensch die Wahl hat, etwas für die Gemeinschaft zu tun oder es zu lassen, dann findet er die Wahl zwar gut. Das heisst aber nicht, dass er es dann auch tut. Er kann das bedingungslose Grundeinkommen, das seine Existenz garantiert, auch so interpretieren, wie es der grosse Ökonom John Maynard Keynes beim Namen nannte: das Recht auf Faulheit.

Mehr von diesem Autor

image

In meinem Städtchen läuft etwas schief

Gottlieb F. Höpli15.10.2021comments

Ähnliche Themen

image

Hohe Energiepreise: Die Krux mit dem Klimaschutz

Alex ReichmuthHeute, 07:00comments