Der Mann hinter dem Mythos: Wer ist Sucharit Bhakdi?

Der Mann hinter dem Mythos: Wer ist Sucharit Bhakdi?

Für die einen ist er eine Lichtgestalt, für die anderen ein Scharlatan. Aber wer ist Sucharit Bhakdi wirklich? Eine Begegnung mit dem Mann, der fast im Alleingang einer ganzen Berufsgruppe gegenübersteht. Eine Stunde, in der Bhakdi sich öffnet wie vielleicht nie zuvor. Teil 1 der Serie.

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von Stefan Millius am 25.8.2021, 04:00 Uhr
Sucharit Bhakdi am Flughafen St.Gallen-Altenrhein. (Bild: Madleina Manetsch)
Sucharit Bhakdi am Flughafen St.Gallen-Altenrhein. (Bild: Madleina Manetsch)
Flughafen St.Gallen-Altenrhein, kurz vor 12 Uhr mittags. Soeben ist ein Privatflugzeug aus Kiel gelandet. Sucharit Bhakdi (75) und seine Frau Karina Reiss mitsamt ihrem kleinen Sohn haben diese Option nicht etwa gewählt, weil sie bequemer ist. Linienflüge sind für Bhakdi und seine Familie nicht mehr möglich. Denn die Coronaauflagen, denen er sich unterwerfen müsste, sind für ihn indiskutabel. Dietrich Mateschitz, Mitinhaber von Red Bull, hat die Kosten für die Reise übernommen. Corona schafft besondere Konstellationen.

Begegnung in der «Kantine»

Was sich Flughafen nennt, ist eigentlich mehr ein Flugplatz. Passagiere steigen aus dem Flugzeug aus und gehen zu Fuss wenige Meter zum «Arrival»-Bereich, der aus einem einzigen Schalter und etwas Wartefläche besteht. Direkt daneben das Restaurant «Wings», eher eine Kantine für die Angestellten des Flughafens und die Mitarbeiter der benachbarten Industriebetriebe.
Ohne Gesichtsmaske begibt sich Bhakdi ins Restaurant des Ankunftsterminals. Niemand hindert ihn daran, keiner spricht ihn darauf an. Er setzt sich, die Bedienung will die Bestellung aufnehmen. Er wendet sich hilfesuchend an mich. «Muss ich etwas trinken? Im Moment will ich nichts.» Ich schüttle den Kopf, die Bedienung verschwindet wortlos.

Bücher und (gesperrte) Videos

Bhakdi ist in kürzester Zeit zur global bedeutenden Figur geworden. Für die einen im guten, für die anderen im schlechten Sinn. Der Mediziner, langjähriger Professor und Leiter eines Instituts für Mikrobiologie, ist der Gegenentwurf der globalen Coronapolitik. Seit dem Beginn der Schlagzeilen rund um das Virus hält er unverrückbar daran fest, dass die von Politik und Medien verbreitete hohe Gefährdung der Bevölkerung nicht den Tatsachen entspreche und dass die Massnahmen dagegen unverhältnismässig und schädlich seien. In populärwissenschaftlichen Büchern und unzähligen Videos, viele davon in den gängigen sozialen Medien gesperrt, hat der aus Thailand stammende Arzt seine Überzeugung verbreitet.
Ob er richtig liegt oder falsch: Das habe ich heute nicht festzustellen. Es läge auch ausserhalb meiner Reichweite. Sicher ist: Der klein gewachsene Mann hat eine starke Aura, er zieht die Blicke der Leute auf sich, nicht durch Lautstärke und Hektik, sondern mit dem puren Gegenteil: Es ist eine schon fast beängstigende Ruhe, die er ausstrahlt. «Ich bin Buddhist», wird er später auf eine entsprechende Frage lächend antworten.
«Herr Bhakdi, wie geht es Ihnen?»
Bhakdi blickt um sich, nimmt den schmucklosen Raum, der an eine Betriebskantine erinnert, in sich auf. Er nimmt sich Zeit für die Antwort. Für diese und alle späteren.

«Es geht mir, wie soll ich sagen… mittelgut. Aufgrund der Situation natürlich. Schon beim Anflug haben meine Frau und ich nur eines gedacht: Da vorne ist die Schweiz. Da wollen wir hin. Einfach dorthin. In dieses Land.»

Es gehe dabei nicht nur um die Ferien, die er mit seiner Familie hier geplant hat, sagt Bhakdi.
«Die Schweiz ist ein besonderes Land. Wir haben die Hoffnung, dass die Schweizer diese ganze missliche Situation richten können. Im restlichen Europa haben wir diese Hoffnung nicht. Ich meine, nehmen Sie Deutschland. Da herrscht Angst, richtig viel Angst. In meiner Heimat, in Schleswig-Holstein, beginnen sie diese Woche damit, zehntausend Kinder zu impfen. Es gibt keinen Widerstand dagegen. Dafür sind die Deutschen zu hörig, zu ignorant und leider zu einem grossen Teil zu dumm. Und irgendwie haben wir die Hoffnung, dass es in der Schweiz anders sein könnte.»

Als Kind in der Schweiz

Wen Bhakdi die Schweiz beschreibt, ist das keine plötzlich aufflammende oder für den Journalisten erfundene Liebe, sie hat ihre Wurzeln.
«Vor 70 Jahren war ich schon hier, und es waren wahnsinnig glückliche Jahre. Gerade jetzt denke ich oft daran. Meine Mutter, eine tolle Frau, war Ärztin, mein Vater Botschafter. Wir hatten ein gutes Leben. Aber meine Eltern waren immer bescheiden. Geld und Ruhm spielten nie eine Rolle. Obwohl sie allen Grund gehabt hätten, danach zu streben.»
Bhakdis Eltern lernten sich zu Beginn des 2. Weltkriegs kennen. Der Vater war damals Sekretär der thailändischen Botschaft in Washington, gewissermassen der zweite Mann dort. Nach dem Krieg heirateten die beiden. Die Zeit vor seiner Geburt beschäftigt den Mediziner sichtlich.
«1942 wurde Thailand von Japan überrannt und ist mit einer Kriegserklärung dem Krieg beigetreten. Ich weiss nicht, ob Ihnen dieser Teil der Geschichte bekannt ist.»
Ich suche fieberhaft meine gymnasiale Bildung nach ihren Reststücken ab. Thailand im 2. Weltkrieg? Da herrscht eine grosse Lücke. Aber ich nicke mechanisch, und Bhakdi beachtet es nicht weiter. Er lebt gerade in der Erinnerung.

«Thailand hat den Allierten damals den Krieg erklärt. Aber die Kriegserklärung kam dort nie an.»

Da sitzt der Mann, der im Alleingang dem Grossteil der Wissenschaft den Krieg erklärt hat und spricht plötzlich über einen ganz anderen Krieg, der 80 Jahre her ist. Aber es scheint wichtig zu sein, um ihn und seine heutigen Beweggründe zu verstehen.
«Die Kriegserklärung war ein Brief. Der Botschafter und mein Vater haben diesen Brief am nächsten Tag den zuständigen Stellen überreicht, sie sagten: ’Es ist unsere Pflicht, Ihnen diesen Brief zu überreichen’. Aber der Inhalt im Briefumschlag fehlte. Der Brief war einfach nicht da. Mein Vater war danach an der Gründung der ‘Free Thais’, der Widerstandsbewegung der Thailänder in den USA, beteiligt. Viele Thais in Amerika, die meisten davon Studenten, haben sich danach dieser Bewegung angeschlossen. Und meine Mutter war damals die erste Frau, die in den USA Medizin studiert hat.»

Die Mutter als prägende Figur

Es ist ein unvermittelter Übergang. Bhakdi schildert geopolitische Vorgänge, doch sie führen ihn zurück zu seiner Mutter. Es ist ihm anzuspüren, wie sehr er sich danach sehnt, darüber zu sprechen – und wie schwer es ihm gleichzeitig fällt.
«Meine Mutter gehörte in der Schule zu den drei besten Absolventen ihres Jahrgangs, damit war der Weg für sie frei für das Königsstipendium. Sie konnte sagen, was sie studieren wollte, alles war bezahlt. Sie wurde schliesslich an der John-Hopkins-Universität Ärztin. Nach dem Krieg waren meine Eltern in ihrer Heimat Helden. Mein Vater als Mitbegründer der ‘Free Thais’, meine Mutter als erste Ärztin aus dem Ausland. Das war die Wende in unserem Leben. Ich bin 1946 geboren, wenig später wurden meine Eltern in die Schweiz gesandt als Botschafter. Dort habe ich vier Jahre meines Lebens verbracht, 1948 bis 1952.»
Da sitzt dieser Mann, inzwischen 75 Jahre alt, und erinnert sich an seine früheste Kindheit in der Schweiz. Je mehr er über seine Mutter spricht, desto schwerer wird es für ihn. Bhakdis Augen werden feucht, immer öfter wendet er sich ab, blickt irgendwo in den Raum, wischt sich die Tränen weg. Die Erinnerungen nehmen ihn mit. Schliesslich fährt er fort.
«In diesen Jahren, die sehr prägend sind für ein Kind, habe ich von meinen Eltern erfahren, wie ein zivilisiertes Volk, ein aufgeklärtes, ein mutiges Volk wie es die Schweizer sind, funktioniert. Wilhelm Tell. Winkelried. Das sind alles Dinge, die ich hier, bei Euch, mit fünf Jahren kennengelernt habe. Die Schweizer, das war für mich, wie soll ich es sagen, DAS Volk überhaupt. Ihr wart immer selbständig, Ihr wart immer mutig.»
Danach führte der Weg von Sucharit Bhakdi und seiner Familie zunächst zurück nach Thailand, dann für mehrere Jahre nach Ägypten. Es war der Anfang einer langen Reise.
In Teil 2 am Donnerstag:Wieso Bhakdi Arzt wurde – und wie er zu seiner Mission kam

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