Der Mann für den «Helden in der Krise»: Bersets Strippenzieher Peter Lauener

Der Mann für den «Helden in der Krise»: Bersets Strippenzieher Peter Lauener

Ausserhalb des Bundeshauses weicht er kaum von Bersets Seite, gleichzeitig ist er brillanter Stratege und gewiefter Taktiker.

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von Dominik Feusi am 23.9.2021, 10:55 Uhr
Der Schatten Alain Bersets: Peter Lauener (rechts, Bild: Keystone).
Der Schatten Alain Bersets: Peter Lauener (rechts, Bild: Keystone).
Er ist Bundesrat Alain Bersets Mann für alle Fälle: Peter Lauener. Sein offizieller Titel ist zwar «Leiter Kommunikation». Doch er ist mehr als das. Er ist Bersets Schatten.
Donnerstag, 16. September 2021. Am Morgen hat die «Weltwoche» auf der Grundlage von Akten detailliert über eine im November 2020 bekanntgewordene Liebschaft von Bundesrat Alain Berset berichtet. Und darüber, dass sein Umfeld inklusive Bundesratsfahrzeug und Chauffeuse zur Lösung des Problems eingesetzt wurde.

Die Lage ist ernst

Peter Lauener meldet sich am Telefon. Er hat konkrete Fragen bekommen, die er aber alle nicht beantwortet. Die Geschichte seines Chefs sei abgeschlossen, mit einem Strafbefehl erledigt. Die Frau habe falsche, unwahre Anschuldigungen erhoben. Lauener antwortet ruhig, gefasst, verweist für alles andere auf Alain Bersets Anwalt. Der wird die Antworten höchstwahrscheinlich Punkt für Punkt mit Lauener besprechen. Dass er persönlich anruft, statt per Mail zu antworten, zeigt aber: Die Lage ist ernst.
Peter Lauener, Sohn eines Tierarztes, stammt aus Frutigen. An der Uni Bern studiert er ab 1990 Neuere Deutsche Literaturwissenschaften. Nebenbei arbeitet er als Radiomoderator. Nach dem Studium steigt er bei der Schweizerischen Depeschenagentur ein. Parallel doktoriert er über den österreichischen Schriftsteller Leo Perutz.
Statt zur SVP wie seine Vorfahren geht er zur SP. Damit beginnt der berufliche Aufstieg. SP-Ständerat und Eisenbähnler Ernst «Aschi» Leuenberger holt ihn zum Schweizerischen Eisenbahnerverband. Darauf leitet er vier Jahre lang die Kampagnen der SP als stellvertretender Generalsekretär, zwei Jahre arbeitet er als Leiter Kommunikation beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund, bevor ihn Alain Berset kurz nach seinem Amtsantritt in sein Vorzimmer holt.

Der Mann auf der Torlinie

Peter Lauener selber beschreibt seine Aufgabe gegenüber der Lokalzeitung «Frutigländer» so: «Im Fussballjargon gesprochen hole ich hinten die Bälle, versuche das Spiel aufzubauen und eine optimale Abschlusssituation herbeizuführen, aber der Chef ist es dann, der aufs Tor schiesst.» Manchmal geht es jedoch darum, Tore zu verhindern. In der Erpressungsaffäre seines Chefs ist er der letzte Mann auf der Torlinie. Nervös macht ihn das nicht, zumindest hört man ihm das am Telefon nicht an.

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Peter Lauener weicht nicht von Alain Bersets Seite. (Bild: Keystone Alessandro della Valle)
Seit bald zehn Jahren folgt Lauener seinem Chef auf Schritt und Tritt. Sowohl im Departement wie in der SP weiss man: Wenn Lauener anruft, ist Berset dran. Und er ist ebenso geschätzt wie gefürchtet. «Eine Strategie austüfteln und diese dann konsequent durchziehen», das mache er mit Lust und Leidenschaft, lässt er den «Frutigländer» über sich schreiben. Es ist eine Leidenschaft, die, wenn nötig, Leiden schafft.

Der Macchiavellist im Auftrag des Chefs

Lauener kann, immer im Auftrag seines Chefs, Gunst und Einfluss gewähren – oder Anliegen und Personen kalt abservieren. Lang ist die Liste jener, die Letzteres oder beides mit ihm erlebt haben. Darunter auch Journalisten. Er ist hundertprozentig loyal zu Alain Berset. Und wer es nicht ist, der hat schon verloren. Im Departement hat man Angst vor ihm, versucht vorauszusehen, was Lauener wohl von einem Vorschlag hält, um nicht unter die Räder zu kommen.
Seine Gegner beschreiben ihn als brillanten Strategen und gewieften Taktiker. Lauener kümmert sich um jedes Detail, um seinen Chef vor Ungemach zu bewahren. Er hat stets nicht nur die kommunikativen Botschaften, sondern auch die Inhalte und den Zeitplan im Blick. Und er gibt sich nicht mit der erstbesten Analyse zufrieden.

Die Zertifikats-Strategie

Wie Lauener funktioniert, lässt sich gut an der Einführung der Zertifikatspflicht ablesen, die Alain Berset trotz sinkender Corona-Zahlen im Bundesrat durchgeboxt hat. Besteht da nicht die Gefahr, dass diese die Gegner der Corona-Massnahmen mobilisiert, wenn Ende November das zweite Mal über das Covid-Gesetz abgestimmt wird?
Die Überlegungen im Berset-Lager sehen offenbar anders aus: Mit dem Zertifikat erlebt eine Mehrheit der Stimmberechtigten, dass man wieder ohne Maske im Restaurant essen und an Veranstaltungen gehen darf. Die Massnahmenkritiker haben sich derweil radikalisiert und von der seriösen Debatte verabschiedet, die Medien hat man sowieso im Griff.
Und sollten die Zahlen weiterhin sinken, kann Alain Berset die Zertifikatspflicht im Abstimmungskampf immer noch zurücknehmen, und sich als fürsorglicher Gesundheitsminister, aber auch als Staatsmann mit Augenmass profilieren. Ein solcher Zug nähme den Massnahmenkritikern allenfalls vorhandenen Wind aus den Segeln und würde sogar eine allfällige Abstimmungsniederlage entdramatisieren.

Vom «Sozialistenhügel»

Lauener hat Frutigen längst hinter sich gelassen. Er wohnt in der Stadt Bern, früher standesgemäss in der Altstadt, jetzt noch standesgemässer auf dem «Sozialistenhügel» der Neubausiedlung mit edlen Wohnungen im «Schönberg Ost», dem höchstgelegenen Quartier der Stadt. Den Namen «Sozialistenhügel» erhielt die Siedlung, weil sich der frühere SP-Stadtpräsident auf dem höchstgelegenen Baufeld die oberste Wohnung sicherte. Lauener lebt da mit seiner Frau Marieke Kruit, Berner SP-Gemeinderätin, ehemalige Journalistin und ausgebildete Psychotherapeutin.
Wird die Erpressungsaffäre Alain Berset den Kopf kosten? Lauener weiss: Wenn nicht noch mehr Frauengeschichten öffentlich werden, dann wird er damit durchkommen. Wieder. Alain Berset kann dann weitermachen, Lauener auch. Sein Schicksal ist das seines Chefs.
Lauener ist krisenresistent, auch in schwierigen Situationen. Und als ob er es gewusst hätte: Der Titel seiner Dissertation von 2004 lautet «Die Krise des Helden. Die Ich-Störung im Erzählwerk von Leo Perutz».

Wir porträrieren in loser Reihenfolge die Strippenzieher der Bundesräte. Bisher erschienen:
Strippenzieherin Brigitte Hauser-Süess: Auf der Seite der Guten

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