Der liebe oder der böse Wolf?

Der liebe oder der böse Wolf?

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von Serkan Abrecht am 27.3.2021, 13:16 Uhr
Die einen fürchten ihn, die anderen lieben ihn: Der Wolf ist in der Schweiz und erregt die Gemüter. Bild: Shutterstock
Die einen fürchten ihn, die anderen lieben ihn: Der Wolf ist in der Schweiz und erregt die Gemüter. Bild: Shutterstock
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Er reisst, streunt herum und er bewegt die ganze Schweiz: der Wolf. Soll er reguliert werden? Soll er überhaupt getötet werden? Ein Tier spaltet das Land und Bergler überlegen, ob sie sich bewaffnen sollen.

Agnes Sax, pensionierte Mitarbeiterin der Post, ging mit ihrem Mann, der Tochter und dem Schwiegersohn an einem Samstag im Februar Skifahren. Es war kurz vor Mittag in Obersaxen (GR). Die Gruppe war den Hang hinunter gefahren und kam auf eine Alp, auf der sie kurz hielt. Die Männer fuhren voraus. Dann folgte die Tochter, als plötzlich von links aus dem Tiefschnee ein Wolf kam. Und gleich noch ein zweiter. «Der sprang mir vor den Ski. Ich dachte zuerst, es seien Hunde und habe nach dem Halter geschaut. Dann habe ich realisiert, dass es Wölfe sind. Sie sind meiner Tochter gefolgt. Ich habe geschrien und geschrien. Ich hatte Angst um meine Tochter.» Nach etwa 200 Metern sind die Wölfe dann zurück in den Tiefschnee gerannt. «Unten angekommen, waren wir völlig schockiert.» So beschreibt Frau Agnes Sax ihr Zusammentreffen mit den Wölfen. Etwas Angst ist geblieben. «Alleine in den Wald zu gehen, würde ich mich nicht getrauen, wenn ich weiss, dass der Wolf in der Nähe ist.»
Szenenwechsel. Bundesbern. Martin Candinas (CVP) kommt mit eilendem Schritt aus dem Nationalratssaal in die Wandelhalle. Noch bevor er sich gesetzt hat, fragt er: «Habe ich gestern ein bisschen übertrieben? War es zu viel?» Mit «gestern» ist sein Auftritt im «Echo der Zeit» gemeint. Candinas sagte, dass es Leute in Graubünden gebe, die sich wegen des Wolfs nicht mehr nach draussen getrauen. «Ich hab natürlich gemeint, dass sie sich Abends nicht alleine nach draussen trauen wegen des Wolfs», präzisiert der Bündner Nationalrat. Doch der Spott war ihm bereits gewiss. In den sozialen Medien machten sich die Leute über ihn lustig. Er würde masslos übertreiben. «Ja, meine Mailbox hat sich in den letzten 24 Stunden gut gefüllt. Aber es ist tatsächlich so, dass es diese Leute gibt. Leute, die sich vor dem Wolf fürchten.»
Anlass für diese Debatte ist eine Motion, die am Nachmittag im Nationalrat behandelt wird. Es geht um den vereinfachten Abschuss des Wolfes. Candinas ist dafür. Die Motion wird angenommen. Einzig die Grünen sind geschlossen dagegen. Der Motionstext ist sehr schwammig formuliert und spricht auch nicht von einer «Regulierung» des Wolfbestands, wie ihn bürgerliche Politiker aus den Bergkantonen fordern. Auch Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP) weiss, dass es so nicht weitergehen kann. «Nichtstun ist keine Option», sagt sie im Parlament. Über 100 Wölfe gibt es mittlerweile in der Schweiz, wie ihr Departement schätzt. Die Hälfte davon lebt im Kanton Graubünden. Hat man dort deshalb Grund, sich zu fürchten? Sind Spott und Häme angebracht? Übertreiben die Skifahrerin von Obersaxen und Nationalrat Candinas?

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Vorsicht, Wolf auf der Fahrbahn: Das Tier auf der Skipiste bei Obersaxen. Bild: ZVG

Damoklesschwert Wolf

Ein Anruf nach Safien (GR). Christa Buchli ist Hirtin. Ihre drei Töchter auch. «Eine ganze Familie Älpler», sagt Buchli und lacht. Zudem ist sie Präsidentin des Bündner ÄlplerInnen Vereins. Sie will nicht über den Wolf schimpfen, möchte ihn nicht zur Bestie machen. «Der Wolf ist da. Er hat eine Existenzberechtigung.» Kürzlich hat sie ihn vor ihrer Alp angetroffen. Den Wolf. Buchli war ab dem schönen und grossen Tier schwer beeindruckt. «Aber er ist unerzogen und hat die Scheu verloren.» Der Wolf werde für die Hirten, so sagt sie, zu einem Problem. Besonders gefährlich sei der Wolf für die Mutterkühe. «Mutterkühe haben einen natürlichen Instinkt, weshalb sich sehr auf ihre Kälber achten. Die Wolfspräsenz weckt ihr Abwehrverhalten und bringt Stress und Unruhe. Deshalb können Mutterkühe beispielsweise auch für Wanderer gefährlicher werden», sagt Hirtin Buchli. Der Wolf raubt den Hirten den Schlaf.
Denn auf der Alp Nera, auf der Schafalp Alp Tomül oder auf der Mutterkuhalp in Surselva sind die Wölfe ständig da. «Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Sollen wir uns zur Selbstverteidigung bewaffnen, wenn wir im Nebel oder Nachts unterwegs sind? Kann es zu heiklen Situationen kommen? Sollen wir Pfefferspray kaufen? Es ist wirklich schwierig geworden mit dem Wolf», sagt Buchli. Nach dem Gespräch sendet Buchli eine WhatsApp-Nachricht: «Heute Morgen. 10 Uhr in Thalkirch. Der Wolf hat keine Scheu mehr vor dem Menschen.» Zu sehen ist ein Bild, das einen Wolf im Schnee zeigt. Gleich ausserhalb des Dorfs im Safiental.

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Der Wolf zeigt keine Scheu: Eine Aufnahme gleich ausserhalb von Thalkirch. Bild: ZVG

Aber darüber nachdenken, ob man sich mit Pfefferspray bewaffnen soll? Sind die Bergler so verzweifelt? «Ja», sagt Annette Vieli, Bäuerin aus Vals (GR). «Der Wolf ist das Damoklesschwert, das über unserem Betrieb hängt.» Wenn auch das Bild ein wenig schief wirken mag, so scheint der Wolf die Leute zu verängstigen. «Jeden Tag muss ich mir überlegen: 'Sind die Tiere richtig geschützt? Reicht der Zaun? Brauch ich einen neuen? Kann ich meinen Stall wolfssicher bauen? Was kostet mich das?'» Die momentane Situation sei gravierend. Bäuerin Vieli betreibt mit ihrer Familie einen grossen Hof im Valsertal. Kühe, Schafe, Geissen, Katzen, Hunde, alles da. «Der Wolf macht uns den Alltag schwer und er macht Angst. Sodass ich mir überlegen muss, ob ich einen Waffenerwerbsschein und dazu eine Waffentragbewilligung zur Selbstverteidigung einhole. Nur damit ich nachts einigermassen sicher zum zwei Kilometer entfernten Geissenstall gehen kann.»

Sensibilisieren, nicht regulieren

Die Aussagen der Betroffenen sind nicht repräsentativ, aber tatsächlich war das letzte Jahr besonders schwierig für die Schweizer Bauern und Hirten. Nicht nur im Kanton Graubünden. 900 belegte Risse durch Grossraubtiere meldet das Bundesamt für Umwelt für das Jahr 2020. Das ist die höchste Zahl seit man 1995 begann, die Entschädigungen wegen Grossraubtierrissen zu verzeichnen. Zum Vergleich: damals wurden 126 Tiere gerissen. 2019 waren es 495 Tiere, 2018 wurden 612 Risse gemeldet. Am stärksten betroffen sind Schafe und Geissen. Der Wolf kam Mitte der 1990er Jahre aus den italienischen Alpen in die Schweiz. In Italien wurde er fast ausgerottet, bis man ihn letztlich unter Schutz stellte und er sich wieder vermehren und weitere Rudel bilden konnte. Diese wanderten dann über die Alpengrenze in die Schweiz ein. Das Problem der betroffenen Bergkantone: Das Gesetz, das den Abschuss des Wolfes regelt, stammt aus den 1980er Jahren - also bevor sich der Wolf in der Schweiz wieder angesiedelt hat. Dieses Gesetz schreibt vor, dass ein Wolf nur geschossen werden darf, wenn er innerhalb von vier Monaten mehr als 35 Nutztiere gerissen hat. Beispiel: Reisst er von April bis Juli 34 Schafe und erst im August zwei Kälber, darf er nicht abgeschossen werden. Eine Revision dieses Gesetzes wurde 2020 vom Souverän an der Urne abgelehnt.
Anruf bei Grünen-Nationalrat Bastien Girod (ZH). Seine Fraktion hat am Vortag gegen die Wolfsmotion gestimmt. «Es ging den Befürwortern zu stark um eine Regulierung des Wolfbestands. Meiner Meinung nach sollte man aber sensibilisieren, anstatt zu regulieren. Es braucht mehr Verständnis für den Wolf. Die momentane Debatte erinnert mich eher an die Kindermärchen vom grossen, bösen Wolf.» Girod sagt, es sei doch ein Erfolg, dass man den Wolf wieder in der Schweiz habe ansiedeln können. «Es ist immer schön, wenn eine Tierart zurückkehrt.»
Dass die Leute in den Bergen Angst haben und verunsichert sind, kann Girod verstehen. Spott sei da nicht angebracht. «Ich glaube, man muss jede Angst ernst nehmen, aber die Frage ist, wie wir darauf reagieren. Aus der Angst heraus entstehen selten gute Lösungen. Wenn man international schaut, ist die Anzahl tödlicher Angriffe von Wölfen auf Menschen selten. Die Wespe ist da gefährlicher.» Auch sei unsere Beziehung zu Grossraubtieren heuchlerisch. «Wir empören uns ständig, wenn Menschen in Afrika oder Asien einen Löwen oder Tiger, mit denen sie ja auch zusammenleben, schiessen, aber hier fordern wir beim ersten Riss gleich den Abschuss des Wolfs.» Dass es jedoch eine Revision des aktuellen Gesetzes braucht, sieht auch er. «Wir bieten Hand für eine parlamentarische Initiative.» Gerade letztes Wochenende wurde ein Wolf in Bäretswil in Girods Heimatkanton gesichtet. Hat Nationalrat Girod schon einmal einen Wolf gesehen? «Nein», sagt er und lacht. Wie würde er wohl reagieren, wenn er einem über den Weg laufen würde? «Ich glaube es wäre eine Mischung zwischen Respekt und Freude, weil es ja ein schönes Naturerlebnis ist.»

Wolfsromantik

Gemischte Gefühle trifft es wohl bestens Sie reichen bei den Leuten von Zuneigung über Ablehnung bis zu richtiggehendem Hass. Der Wolf lässt die Emotionen hochkochen. Ein Beispiel aus dem Kanton Bern: Nachdem sie über 35 Nutztiere gerissen hatte, hat der Kanton Bern vor wenigen Wochen die Wölfin mit Namen F78 zum Abschuss freigegeben. Ein Wildhüter erlegte sie in der Region Gürbetal-Gantrisch. Die Reaktionen darauf folgten umgehend. Die «Berner Zeitung» wurde mit Leserbriefen überflutet. «Das Gejammer der urbanen Wolfsvergötterer verstehe ich nicht. Wölfe gehören in die Weiten Sibiriens, nicht in die enge Schweiz», schreibt Matthias Hauswirth aus Thun.. Oder: «Typisch für die äusserst aggressive Spezies Mensch. Was nicht ins Konzept passt, wird abgeknallt», von Leser Thomas Müller. Kurz und knapp schreibt Rene Spring: «So herzlos und unnötig. Schämt euch!» Auch die Redaktion der «Berner Zeitung» schien betroffen zu sein. Die Lokal-Journalistin Sheila Matti schrieb gar einen Abschiedsbrief. Darin steht: «Wir wissen zu wenig über dich, tun zu wenig, um unsere Tiere vor dir zu schützen. Du nahmst dir nur, was du fandest. Es wäre unsere Aufgabe gewesen, es für dich unerreichbar zu machen. Nur so hätten wir zusammen leben können. All dies interessierte dich nicht. Es sind Gedanken, die sich nur Menschen machen. Wir sind es, die Buch führten über deine Risse. Wir stellen Regeln und Tabellen auf, um dein Verhalten zu analysieren und zu verstehen. Du hast einfach nur gelebt.»
Dass der Wolf die Menschen berührt, weiss auch Martin Candinas. Er möchte den Wolf nicht ausrotten. Spürt keinen Groll gegen das Tier. Aber: «Wir regulieren fast alle Wildtiere. Wir regulieren in Graubünden auch unser Wappentier, den Steinbock. Also weshalb können wir nicht auch den Wolf regulieren? Wir müssen doch frühzeitig regulieren können, im Idealfall bevor der Schaden da ist und nicht erst wenn drei Dutzend Schafe gerissen wurden. In Graubünden haben wir bereits heute zu viele Wölfe. Das ist Fakt, das schleckt keine Geiss weg.» Solange die Geiss noch lebt.
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