Der Krieg der Sternchen – oder die Schweiz im Diskriminierungswahn

Der Krieg der Sternchen – oder die Schweiz im Diskriminierungswahn

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von Evelyn Motschi am 26.4.2021, 13:00 Uhr
Diskriminierungsfallen lauern heute überall. (Bild: Shutterstock)
Diskriminierungsfallen lauern heute überall. (Bild: Shutterstock)
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Triggerwarnung: In diesem Text wird bewusst auf Gendersternchen verzichtet.

«Woher kommst Du?»
Meine Frage scheint auf den ersten Blick nichts Verwerfliches an sich zu haben. Doch schon werden Köpfe gedreht, Augen aufgerissen, Kiefer beinahe ausgerenkt.
«Du hast ihn nach seiner Herkunft gefragt?!»
«Ja und?», antworte ich der Mitstudentin, deren Augen mir aus dem Bildschirm entgegen zu fliegen drohen.
«Das ist diskrimimiminierend!», dröhnt es aus meinen Kopfhörern. Vor Aufregung verschluckt sich die junge Dame beinahe am Wort. Dem Studenten, dessen genaue Herkunft mir noch immer unbekannt ist, scheint das Drama sichtlich unangenehm zu sein. Noch bevor er etwas dazu sagen kann, wird der «Breakout Room», sozusagen der Gruppenraum, durch den Professor aufgelöst. Ich werde wieder zu einem kleinen stummen Kästchen im riesigen Zoom Meeting.

Nicht zum ersten Mal

Es passierte mir nicht zum ersten Mal. Ich bin wohl dazu veranlagt, in die Diskriminierungsfallen der Gesellschaft zu tappen. Das war aber nicht immer so. Die Zahl der Fallen nimmt stetig zu. So wird heutzutage nahezu alles als rassistisch, sexistisch, anti-feministisch und anti-irgendwas ausgelegt. Wer sich nicht ständig damit beschäftigt, sich vielleicht für anderes interessiert, kommt gar nicht mehr mit, worauf man nun auch noch aufpassen sollte.

Weicht man nur im kleinsten Masse von der «Norm» ab, wird einem sogleich die Opferrolle zugeteilt.


An jeder Ecke wimmelt es von Moralaposteln, die sich befriedigt fühlen, wenn sie für Gleichberechtigung und mehr Toleranz predigen. Mohrenkopf darf man nicht mehr ohne Bedenken sagen. Indianerkostüme werden verboten, Frauenquoten dafür eingeführt. Als weisser, heterosexueller Mann ist man sowieso an allem schuld. Es geht sogar so weit, dass sich Schüler für ihr männliches Geschlecht entschuldigen müssen, wie dies kürzlich in Australien der Fall war. Das aufgezwungene «Mänteli» der Überkorrektheit wirkt auf mich wie ein inszeniertes Theaterspiel. Weicht man nur im kleinsten Masse von der «Norm» ab, wird einem sogleich die Opferrolle zugeteilt. Und wer dachte, dass er sich durch Schweigen vor den Strapazen der Schein-Diskriminierung verstecken kann, hat sich geirrt.

Texte verlieren Eleganz

Auch das Schreiben ist nicht mehr das, was es einmal war. Die «geschlechtergerechte» und «inklusive» Sprache wird zum Muss. Doch Texte verlieren an Leichtigkeit und Eleganz, indem sie künstlich aufgeblasen und verkompliziert werden.

Ich bin der ständigen Gefahr ausgesetzt, über einen Gender_Gap zu stolpern, am Binnen-I hängen zu bleiben oder im Sternenmeer zu ertrinken.


Satzzeichen sind da, um die Augen durch den Irrgarten der Buchstaben zu führen. Ein Punkt oder Komma sorgt dafür, dass der Leser kurz innehält. Sobald in einem Artikel zu viele Sterne, Abstände oder Unterstriche auftauchen, wird der Lesefluss total gestört. Ich als Leser bin der ständigen Gefahr ausgesetzt, über einen Gender__Gap zu stolpern, am Binnen-I hängen zu bleiben oder im Sternenmeer zu ertrinken.
Möchte man das «Gendern» umgehen, aber gleichzeitig auch die Konfrontation mit der Diskriminierungspolizei vermeiden, setzt man auf den Mittelweg. Oft ertappe ich mich dabei, das substantivierte Partizip zu verwenden – nur, damit ich Genderzeichen vermeide. In meinem E-Mail steht dann plötzlich «liebe Studierende», was grammatikalisch eigentlich quatsch ist. Denn stecken die Studenten genau in diesem Moment ihre Nasen in die Bücher?

Warum das alles?

Die Sprache würde unser Denken prägen, heisst es und die Schweiz würde dadurch vom Patriarchat befreit. Das Ziel klingt utopisch schön, aber führt das blosse Einsetzen von Zeichen zu einer besseren Gesellschaft? Ich bezweifle es.
«Finde in allem etwas Diskriminierendes» ist zur Trendbewegung des 21. Jahrhunderts geworden. Die Gesellschaft muss sich fragen, wie fest sie sich einschränken und viktimisieren möchte. Tragen Verbote, hebende Zeigefinger und aufgezwungene Genderformalitäten zu einer modernen und fortschrittlichen Schweiz bei? Sollen Emotionalität und Ideologien pragmatische Lösungsansätze in den Hintergrund drängen?
Die Schweiz befindet sich im Krieg der Sternchen und ich schaue dem Spektakel mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu. Hätten wir die Warnung im Hit von Hubert Kah doch bloss früher erkannt. «Ich seh' den Sternenhimmel, oh-oh», sang der schon 1982.
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