Der gute Mensch vom WWF

Der gute Mensch vom WWF

Wer nie Fleisch isst, nur zu Fuss mobil ist, gleichwohl kaum Schuhe, geschweige denn Kleider oder Möbel kauft, auch eine faule Zwiebel nicht wegwirft und mit sechs anderen auf 30 Quadratmetern lebt, ist eventuell ein guter Mensch, meint der WWF.

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von Claudia Wirz am 3.5.2021, 05:18 Uhr
Fliegen und Autofahren sind schlecht fürs Klima. Aber auch Schuhe sind nicht ohne, meint der WWF.
Fliegen und Autofahren sind schlecht fürs Klima. Aber auch Schuhe sind nicht ohne, meint der WWF.
«Gratulation! Das ist vorbildlich. Sie können stolz sein!» Der WWF geizt wahrhaft nicht mit Lob, wenn es Anlass dazu gibt. Diesen Anlass muss man sich allerdings erarbeiten. Beim WWF herrscht eine Art Umwelt-Meritokratie; Lob muss man sich verdienen, durch Bekenntnisse, Umkehr und Askese. Doch wie genau kommt man zu diesem grünen Seelenbalsam?

38 Fragen

Zuerst einmal, indem man sich durch die 38 fast inquisitorischen Verhaltensfragen des WWF-Klimarechners klickt. Es sind sehr persönliche Fragen zum individuellen Sündenregister; trotzdem bleiben sie schemenhaft unspezifisch. Zum Beispiel muss man angeben, wie oft man pro Woche Joghurt isst – nicht etwa wie viel, sondern wie oft –, wie oft Spiegeleier oder sonstige Eierspeisen auf den Teller kommen oder wie häufig man gar – horribile dictu – Fleisch zu sich nimmt, zum Beispiel in Form von Spaghetti Bolognese. Ja, so eine Bolognese ist eben nicht nur ein Gericht, das, wie man hört, viele Leute mögen; sie ist auch eine moralische Grösse. Grundsätzlich gilt bei all diesen Fragen: Je seltener, desto besser. Also lieber einmal ein halbes Kilo Joghurt, statt zwei mal einen 180gr-Becher. Am besten aber wohl gar kein Joghurt.
Dann bleiben also Obst, Gemüse und andere Ackerfrüchte, wenn man beim WWF zu den Klassenbesten zählen möchte. Doch welches Obst und welches Gemüse ist wahrhaftig gut und in welcher Form und Häufigkeit? Erstaunlicherweise spielt die Frage der Häufigkeit in der Abteilung Veganes plötzlich keine Rolle, als bräuchte es zum Anbau dieser Produkte keine Ressourcen. Hauptsache, Obst und Gemüse sind «regional» und «saisonal» und nicht etwa irgendetwas Zweifelhaftes aus dem Ausland. «Regional» und «saisonal» ist im WWF-Klimarechner grundsätzlich über jeden Zweifel erhaben.
Das ist interessant, ist doch die schweizerische Agrarproduktion grundsätzlich energieintensiv. Es war kein Geringerer als der WWF höchstselbst, der berechnet hat, dass sonnengereifte Tomaten aus Spanien zehnmal weniger Kohlendioxyd verursachen als Treibhaustomaten aus der Schweiz. Auch beim Zucker, der im Schweizer Klima nur mit viel Maschinen- und Hilfsmitteleinsatz gelingt, schneidet das paraguayanische Konkurrenzprodukt klimatechnisch besser ab. Ist das nun alles plötzlich ungültig? Erste Zweifel kommen auf.

Was Spass macht, ist verboten

Und die Zweifel verdichten sich, je weiter man im Fragenkatalog vorankommt. Zunehmend stellen sich Zweifel an der Praktikabilität der wohlfeilen WWF-Rezepte zur Rettung des Klimas ein. Unsere Mobilität, erfährt man, ist besonders schädlich, und richtig gut ist eigentlich nur derjenige, der ausschliesslich zu Fuss unterwegs ist. Aber Achtung: Auch Fussgänger schaden der Umwelt, zum Beispiel, weil sie Schuhe brauchen. Mit dem Kauf von Kleidern und Schuhen verhält es sich gemäss WWF genauso wie mit dem Joghurt, dem Fleisch und – wie man später erfährt – mit Fitness-Abos, Möbeln, Haustieren, Hobbies, Kino- und Restaurantbesuchen sowie dem Konsum von Zeitschriften: Richtig gut im Sinne von moralisch ist eigentlich nur eines: der möglichst weitgehende Verzicht.
Wenn wir die Mobilität drosseln, sind wir zwangsläufig mehr zu Hause. Doch auch hier schädigen wir die Umwelt. Mildern kann man laut dem WWF diese Sünde nur mit geeigneten Massnahmen. Etwa, indem man zu siebt auf nicht mehr als 30 Quadratmetern lebt – Möbel haben dann sowieso kaum mehr Platz – im Winter nie auf über 17 Grad heizt, die wenigen Kleider nur bei 30 Grad wäscht und an der Wäscheleine trocknet, sofern man dafür Platz findet. Wenn man dann auch noch aktiv den Foodwaste bekämpft und selbst eine schimmlige Zwiebel isst, statt wegschmeisst, dann hat man grösste Chancen, beim WWF als «vorbildlich» zu gelten.
Ob das tatsächlich so vorbildlich ist? Lebensmittelvergiftungen aufgrund des Konsums von verdorbener Ware können klimaschädliche ärztliche Behandlungen auslösen. Ausserdem schädigt Konsumverzicht die Wirtschaft. Das wiederum erhöht die Arbeitslosigkeit und mindert den Wohlstand. Und das würde sich dereinst auch auf den WWF auswirken, etwa in Form schrumpfender Spenden. Und vielleicht würde der WWF dann merken, dass sich Verzicht nur dann mit Leichtigkeit predigen lässt, wenn der eigene Bauch voll ist. Richtig ernst nehmen dürften der WWF und seine Mitarbeiter den eigenen Klimarechner also eigentlich nicht. Und so ist die ganze Spielerei wohl nicht viel mehr als einfach nur sinnlos verpuffte Energie.
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