Der geerdete Himmelstürmer

Der geerdete Himmelstürmer

Oscar Schwenk hat Pilatus zu einer der besten Industriefirmen der Schweiz gemacht. Seine Flugzeuge erobern die Welt. Woher diese Energie, woher dieses sichere Gespür? Eine Würdigung.

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von Markus Somm am 16.6.2021, 09:18 Uhr
Oscar Schwenk ist 1978 in die Pilatus-Werke eingetreten, mehr als vierzig Jahre später tritt er als Verwaltungsratspräsident zurück. Sein Nachfolger ist Hansueli Loosli.
Oscar Schwenk ist 1978 in die Pilatus-Werke eingetreten, mehr als vierzig Jahre später tritt er als Verwaltungsratspräsident zurück. Sein Nachfolger ist Hansueli Loosli.
Ich und mein Kollege hatten uns gut vorbereitet, unser Anliegen überlegt, alle Zahlen studiert, und so war ich mit einem gewissen Selbstvertrauen ins Sitzungszimmer bei den Pilatus-Werken getreten, wo wir Oscar Schwenk treffen sollten, den Chef, von dem ich schon so viel gehört hatte – und den ich bewunderte, weil er sich politisch ab und zu hinstellte und Dinge sagte, die nicht allen gefielen. Und er sagte es jeweils so hart und verbindlich zugleich, dass er wie ein Berg wirkte. Unten sassen die Mäuse und piepsten im Protest. Inzwischen hatten wir uns hingesetzt, wir stellten unsere Sache vor, und Schwenk überzog uns mit einem Bombenteppich von Fragen. Fragen wäre ja noch gegangen. Aber er bohrte so kritisch nach, dass ich manchmal den Eindruck erhielt, es wäre jetzt wohl besser, wir gingen, da wir ihm ja offensichtlich nicht nur die Zeit stahlen, sondern auch die Laune verdarben. «Ja, haben Sie darüber nachgedacht?» «Und wen soll das interessieren?» «Sie kommen mir vor, wie einer, der nicht weiss, was er will.»
Ich zitiere frei aus der Erinnerung, vielleicht täusche ich mich im Wortlaut, aber der Generalbass des Gesprächs stimmt. Was ich sicher noch weiss: Nach gut einer halben Stunde des Verhörs, der kontrafaktischen Befragung, des virtuellen Spiessrutenlaufens, bei dem uns der Mitarbeiter von Schwenk, der daneben sass, mit wachsendem Mitleid beobachtete – sagte Schwenk kurz und bündig: «OK, wir machen das.» Es war ein Erdbeben. Es war eine Genugtuung, gewiss, aber auch eine Lehrstunde in fortgeschrittenem Management by Advocatus Diaboli. Ich war beeindruckt.
Oscar Schwenk zu würdigen, zumal in der Innerschweiz, aber eigentlich überall in der Schweiz, hiesse Wasser in den Rhein tragen, Eulen nach Athen – oder was auch immer eine überflüssige Übung beschreibt. Denn Schwenk, der in diesen Tagen als Verwaltungsratspräsident der Pilatus Flugzeugwerke in Stans zurücktritt, hinterlässt ein Opus, das für sich selbst spricht. Pilatus baut ein paar der wohl besten Flugzeuge der Welt, die sich prächtig verkaufen, die technologisch verblüffen, die aber auch wunderschön anzusehen sind, wovon ich mich überzeugen konnte, als uns nach dem Gespräch auch die Montagehalle gezeigt wurde. Sie war so sauber gefegt, dass man am liebsten die Schuhe ausgezogen hätte aus Rücksicht auf den strahlenden Belag.

Verwöhnt und matt

Für Pilatus war Oscar Schwenk wie ein zweiter Gründer: Nachdem Pilatus einst in den 1930er Jahren vom legendären Emil Georg Bührle ins Leben gerufen worden war, hat Schwenk die Firma in den frühen 1990er Jahren neu erfunden – längst war man etwas ins Trudeln, oder besser: ins Bummeln geraten. Pilatus baute Trainingsflugzeuge, die zwar hoch anerkannt, aber auf die Dauer irgendwie auch langweilig und ehrgeizlos in den Lüften tuckerten.
Schwenk und sein Team dagegen, er war damals Produktionsleiter, arbeiteten an etwas Grösserem, etwas Aufregenderem, das der Firma wieder Schub verleihen sollte: am PC-12, einem einmotorigen Propellerflugzeug für Geschäftskunden. Noch hatte Pilatus in dieser Hinsicht kaum Erfahrung. Es war ein Risiko – und das Geld fehlte, zumal der Bührle-Konzern, zu dem Pilatus damals noch gehörte, andere Pläne verfolgte. Also brach die Firmenleitung das Projekt ab. Wenn sich Schwenk auch mit Händen und Füssen dagegen gewehrt hatte, weil er überzeugt war, dass die Firma sonst nicht überlebte – er war nur auf taube Ohren gestossen. Enttäuscht, wohl auch verärgert kündigte er seine Stelle. Er verliess die Firma und zog in den Jura, um hier einen Betrieb mit Angus-Rindern hochzuziehen. Die Landwirtschaft hatte ihn immer angezogen. Von Flugzeugen wollte er nichts mehr wissen.

Der unsichtbare Mitarbeiter

Seine Mitarbeiter vergassen ihn nicht. Noch den PC-12. Heimlich, ohne dass dies in der Firmenleitung jemand wusste, fuhren sie in den Abendstunden und an den Wochenenden in den Jura, um Schwenk umzustimmen. Lass uns nicht allein! Sie stürmten, sie bettelten, sie überzeugten ihn, und bald arbeitete man wieder gemeinsam am PC-12. Eine Verschwörung zur Rettung von Pilatus. Zu diesem Zweck kam Schwenk im Geheimen jede Woche nach Stans, in der Regel nachts, wenn niemand ausser seinen Mitverschwörern da war. Sozusagen als blinder Mitarbeiter. Nicht einmal einen Badge besass er. Hätte man ihn, den ehemaligen Produktionsleiter, bei der illegalen Arbeit erwischt, nicht auszudenken, was aus ihm geworden wäre – und vor allem, was aus Pilatus geworden wäre.
Denn irgendwann hatte man die Entwicklung des PC-12 so weit vorangetrieben, dass es Zeit war, die Firmenleitung einzuweihen. Offenbar machte Eindruck, was man vorzuweisen hatte, jedenfalls wollte Pilatus jetzt Schwenk unbedingt zurück: Seine Ideen, seine Hartnäckigkeit, sein unerschütterlicher Glaube an das Produkt. Schwenk überlegte es sich – und stellte Bedingungen. Wenn einer aus Erfahrung klug geworden war, dann Schwenk, den man hatte gehen lassen, weil er sich nicht gefügt hatte. Er käme zurück, teilte Schwenk der Pilatus-Führung mit, wenn er erstens sein Team selbst zusammenstellen könnte – und zweitens wollte er nur bleiben, solange es darum ging, den PC-12 fertigzustellen.
Er blieb rund dreissig weitere Jahre. Der PC-12 erwies sich als gewaltiger Erfolg und katapultierte die Firma in bisher kaum erreichte Höhen. Noch heute produziert, zählt der PC-12 inzwischen zu den am besten verkauften einmotorigen Geschäftsreiseflugzeugen der Welt. Insgesamt hat Pilatus 1800 Stück abgesetzt. Seither sind zahlreiche technische Durchbrüche hinzugekommen, aber am Anfang stand der PC-12.
Hätte Schwenk und sein Team in diesen endlosen Nächten im Jura und Stans den Glauben an dieses Flugzeug je verloren: Vielleicht gäbe es Pilatus heute nicht mehr. Mit einer bemerkenswerten Mischung von Härte und Gespür hat er Pilatus ein zweites Leben verschafft. Schwenk, der sture Träumer. Schwenk, der Unermüdliche.

Rückkehr auf den Hof

Woher all diese Energie? Ich erkundige mich bei Res Schmid, Regierungsrat des Kantons Nidwalden, einem Freund von Schwenk. Er entgegnet: «Es ist die Verwurzelung. Schwenk ist geerdet». Ohne Frage. Schwenk, der ehemalige Landwirt, hat sich längst wieder einen Bauernhof zugelegt, auf dem er selbst zur Hand geht, als «Hobby», wie man hört, was die Sache nebensächlicher erscheinen lässt, als sie wohl ist. Jeden Morgen arbeitet Schwenk auf dem Hof, so erzählt mir Schmid, um dann um 6 Uhr früh im Büro von Pilatus zu erscheinen. Auch Wald besitzt er in rauen Mengen, 50 ha, so sehr ist er der Erde verbunden.
Was etwas Ironisches hat. Der gleiche Mann baut Flugzeuge, die die Erde möglichst rasch hinter sich lassen, um den Himmel zu erobern.
Pilatus ist heute eine Perle der schweizerischen Industrie. Oscar Schwenk hat sich um dieses Land verdient gemacht. Natürlich hätte er den Ruhestand ebenfalls verdient, doch so wie ich ihn einschätze, wird es in den kommenden dreissig Jahren wieder nichts daraus.
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