Der Garten brennt

Der Garten brennt

Die Zeitschrift «Gartenfreund» lässt uns tief in die Seele der Kleingärtner blicken.

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von Beni Frenkel am 24.8.2021, 10:00 Uhr
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Der Schweizer ist ein friedfertiges Lebewesen. Streit geht er grundsätzlich aus dem Weg. Nur in der Waschküche von Mehrfamilienhäusern wird es häufig brenzlig. Da wirft er schon mal die klatschnasse Wäsche des Vorgängers auf den Boden. Schliesslich ist er jetzt er dran.
Der zweite Kriegsschauplatz sind die Familiengärten. Wer eine Pünte (Schrebergarten) hat, zofft sich dreimal im Jahr mit den anderen. Gründe gibt es viele. Zum Beispiel der Löwenzahn, der nicht gerodet wird, die Neophyten, der Mähdrescher am Sonntag und ungepflegte Hauptwege.
Was hinter der Hecke alles abgeht, verrät uns der «Gartenfreund» jeden Monat. Es gibt wohl kein Organ in der Schweiz, in dem so ungefiltert über seine eigenen Mitglieder hergezogen wird. Der Lesegenuss ist natürlich vorzüglich. In der aktuellen Ausgabe erfährt man zum Beispiel, dass in Pieterlen (Nähe Biel) der Gartenfrieden ziemlich schief liegt. Was der «Sektorchef» sagt und befiehlt, sei zu befolgen, steht im «Gartenfreund» - «Und zwar ohne Bedrohungen und schlimme Schimpfwörter wie etwa Sauhund, Saumoore, Idioten etc.»
Im Familiengartenverein Studio Basel versucht man es pädagogisch und vergibt bei der allgemein gefürchteten Gartenkontrolle «rote Smileys» an die Sünder. Dieses Jahr musste der Co-Präsident leider zwei mehr als im Vorjahr verteilen. Er schreibt im «Gartenfreund»: «Mitglied in einem Verein zu sein, bringt nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten, an die man sich halten muss.»
Und dann gibt es in der Schweiz tatsächlich Individuen, die gar nichts im Garten tun! Die nur grillieren und kühles Bier saufen. Aus Belp zischen die Verantwortlichen: «Wer glaubt, er könne seinem Garten nur nebenbei etwas Aufmerksamkeit schenken, irrt sich gewaltig!» und der Zentralvorstand Region Biel zeigt sich entsetzt über das «negative Verhalten vieler Pächter».
Nach dem Fehlbestand von Hygienemasken im letzten Jahr, stellt sich nun die nächste Versorgungsfrage: Verfügt die Schweiz über genügend rote Smileys? Liest man die Sektionsnachrichten durch, beschleichen einem Zweifel.
Im Zürcher Juchhof wurden an einer «Gartenbegehung» nämlich gleich 20 Beanstandungen aufgenommen. An einer späteren Begehung kamen dann drei Parzellen auf die Kündigungsliste des Vorstandes. Roter Smileys-Alarm!
Wie gesagt, der Schweizer ist eigentlich ein friedfertiges Lebewesen. Der «Gartenfreund» lehrt uns, dass er auch anders kann, er muss nur ein bisschen Macht bekommen, zum Beispiel zum Sektorchef ernannt werden. In vielen Gartenvereinen proben die Püntener allerdings Widerstand und decken die Chefs mit allerlei Schlötterlis zu. Nicht nur in Pieterlen sondern auch in Brüggmoos. Hier wehren sich aber die Oberen: «Auch wir sind nicht fehlerlos.» Und suchen im gleichen Atemzug belastbaren Nachwuchs: «Es muss etwas geschehen, also meldet Euch, aber ehrlich und zuverlässig.»
Herrliche Lektüre! Vielleicht aber sollte die Vereinspublikation (Auflage: 23'000) ihren euphemistischen Titel «Gartenfreund» ändern. Zum Beispiel in «Schöner zanken» oder «Sauhund, Saumoore, Idioten».

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«SRF investigativ» - eher fakultativ

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