Der Fall Hinterkaifeck: Inspirierend für Autoren, vorbei für die Behörden

Der Fall Hinterkaifeck: Inspirierend für Autoren, vorbei für die Behörden

Seit Jahren treibt ein ungelöstes Verbrechen, dem sechs Menschen zum Opfer fielen, den Rheintaler Dölf Köppel um. Er ist überzeugt, das Rätsel gelöst zu haben. Aber die Strafverfolger wollen ihm nicht zuhören. Zweiter und letzter Teil.

image
von Stefan Millius am 6.11.2021, 17:00 Uhr
Die Schraube an der Rückseite des Werkzeugs, mit dem Schweine getötet werden, war das Tatwerkzeug. (Bild: Bodo Rüedi)
Die Schraube an der Rückseite des Werkzeugs, mit dem Schweine getötet werden, war das Tatwerkzeug. (Bild: Bodo Rüedi)
Zum ersten Teil geht es hier.
Dölf Köppel wollte bei seinen Recherchen keine Frage unberührt lassen. Jede Frage zur These, die er aufstellte, sollte eine Antwort haben,
Da ist zunächst die Frage nach dem Motiv: Warum bringt ein Bauer seine Frau, seine Tochter, seine beiden Enkelkinder und die Magd, die erst am Vortag auf dem Hof eingezogen ist, brutal um? Wer kann sich das vorstellen? Zwischen Andreas Gruber und seiner Tochter Viktoria gab es ein inzestuöses Verhältnis, das 1915 gerichtlich bestätigt wurde. Viele gingen auch davon aus, dass das jüngste Enkelkind in Wahrheit Grubers Sohn war. Inzest war damals auf den entlegenen Höfen in Bayern keine Seltenheit. Und es war bekannt, dass sich Grubers Tochter aus diesem Gefängnis befreien wollte; sie wollte den Hof verlassen.

«Andreas Gruber war bösartig, tyrannisch, er war ein ‘gruusiger' und brutaler Mensch.»

Buchautor Dölf Köppel
Und dann: Die Tatwaffe. Sie tauchte erst ein Jahr später auf, als man den Hof abreissen wollte. Gut versteckt in einem sogenannten «Fehlboden» unter den Dielenbrettern auf dem Dachboden. Es war eine sogenannte Reuthaue, die man zum Auflockern des Bodens benutzt. Das Handwerkzeug war mit altem Blut und Haaren verklebt. Aber nicht auf der Klinge. Die eigens eingesetzte Schraube, die zum Töten von Schweinen angebracht wurde, brachte den Tod, wie die Spuren zeigten. Bis zu neun Mal schlug der Täter damit auf die Köpfe seiner Opfer ein. «Eine sogenannte Übertötung», sagt Köppel. Der Tod wäre schon beim ersten Schlag eingetreten, danach kam die Wut, die blinde Aggression, die er an seinen Opfern ausliess.

Nur einer kannte die Waffe wirklich

Dölf Köppel hat die Tatwaffe zuhause nachgebaut und versucht, damit genau so zuzuschlagen wie der Mörder. Es sei unmöglich, sagt der passionierte Schütze. «Wer keine Erfahrung hat, kann damit keinen Menschen erschlagen.» Das sei wie beim Golf oder Tennis: Wer den Schläger zum ersten Mal führt, wird nicht treffen. Nur Andreas Gruber kannte sich mit seiner Eigenkonstruktion aus. Die mögliche These eines Raubmörders, der danach weiterzog, war nun noch weniger haltbar: Ein zufällig vorbeiziehender Halunke tötet mit einer Waffe, für die man Übung braucht, mal schnell sechs Menschen, lässt das Geld im Haus liegen, versteckt aber die Tatwaffe, indem er den doppelten Bretterboden über der Küche aufbricht und ihn danach wieder sorgfältig verschliesst, damit man sie nicht findet?
Ein überaus unwahrscheinliches Szenario.
image
Wahre Verbrechen: Jeden Samstag im Nebelspalter. (Zeichnung; Clemens Ottawa)
Ein tyrannischer Bauer mit einer schwierigen Familiengeschichte: Heute würde sich jeder Ermittler auf Andreas Gruber als Verdächtigen stürzen. Damals nicht. Zum einen war der Mann ja unter den Opfern. Und zum anderen galt es als Sakrileg, Tote eines Verbrechens zu verdächtigen. Denn nach dem Ableben ist die höhere Instanz am Zug, nicht mehr irdische Gerichte. Fast 100 Jahre lang blieb der Bauer unangetastet.

«Täter und Opfer in einem Familiengrab»

Bis ein Mann aus dem Rheintal, der diese religiösen Skrupel nicht hatte, genau hinsah. In seinem Buch «Lerchenstimme» hat Dölf Köppel diese und weitere Hinweise akribisch aufgeführt. Sie bringen ihm zum klaren Resultat: Andreas Gruber hat seine Familie erschlagen und fand danach den Tod beim Kampf gegen Lorenz Schlittenbauer. Doch eigentlich wollte Köppel gar kein Buch schreiben, er wollte seine Erkenntnisse den Behörden mitteilen, damit die unzähligen Nachfahren der damals Verdächtigen Gewissheit haben.
Aber welcher Polizist hört einem Hobbyermittler schon zu?
Bei seinen Recherchen stiess der Rheintaler auf viele gruselige Details. So war die Magd, die auch umgebracht wurde, erst einen Tag vor der Tat angereist, um ihre neue Stelle anzutreten. Und sie wollte im letzten Moment abspringen, weil sie ein ungutes Gefühl hatte. Ihre mitgereiste Schwester erklärte ihr, dass das nicht möglich sei, es sei nun einmal abgemacht. Oder die Tatsache, dass allen Opfern der Kopf entfernt wurde, um ihn pathologisch zu untersuchen. Die Leichen wurden auf dem Bauernhof seziert, um die Kosten zu sparen. «Aber das Schlimmste», sagt Dölf Köppel, «ist die Tatsache, dass der Mörder seit fast 100 Jahren im selben Familiengrab ruht. Neben denen, die er damals eigenhändig erschlagen hatte.»

Kurzes Interesse der Polizei

Als er aus seiner Sicht Gewissheit hatte, meldete sich Köppel beim heutigen Bürgermeister des Orts, an dem das Verbrechen geschah. Er wollte seine Ergebnisse den Behörden übergeben. Ein Termin wurde angesetzt, wenige Tage vor diesem kam die Absage. Köppel war enttäuscht und beschloss, seine Recherchen in Buchform zusammenzufassen. «Ich hatte ja alles zusammen, ich musste es nur noch niederschreiben.»
Dann kam wie aus dem Nichts ein Anruf der Kantonspolizei in Widnau. Man habe von Interpol erfahren, dass er Kenntnisse in diesem Mordfall habe, er müsse alles zu Protokoll geben. Das tat Köppel, und während er auf eine Antwort wartete, pausierte er mit seinem Buchprojekt. Aber er hörte nichts mehr. Also schrieb er weiter, und es wurde ihm immer klarer, dass er mit seiner Vermutung richtig lag. Diesmal ging er freiwillig zur Polizei, um dieser die gesamten sachdienlichen Hinweise, die zur Überführung des Täters führen sollten, zu übergeben. «Ich habe sogar meine nachgebaute Tatwaffe mitgebracht, aber die wollte man dort nicht sehen. Ich fühlte mich wie im falschen Film.»
Die Polizei meldete sich danach nie wieder bei ihm. Er nahm selbst einige Anläufe, rief bei der zuständigen Sonderkommission für alte Verbrechen an, wurde aber abgeblockt. Im Nachhinein ahnt er, weshalb. «Das Ganze ist für die Justiz in Bayern blamabel, der echte Mörder liegt seit beinahe 100 Jahren direkt vor ihren Füssen, und sie merken es nicht einmal.» Und würde der Fall offiziell aufgeklärt dank seiner Arbeit, würden sich die Behörden damit auch kein Lob holen.

«Da kommt so ein komischer Schweizer und findet die Wahrheit: Das würde die Polizei in ihrem Stolz verletzen.»

Dölf Köppel
Hat ein privater Hobbyermittler die Wahrheit in einem Jahrhundertverbrechen enthüllt? Oder sind das alles nur wilde Thesen? Sicher ist: Die 107 Personen, welche die bayrische Polizei in den Jahren nach dem Verbrechen überprüft hat, wurden allesamt ausgesondert. Immer sprach etwas gegen ihre Täterschaft – oder zu wenig für diese. Der Bauer Andreas Gruber hingegen hatte ein Motiv und Zugang zur und Kenntnis von der Tatwaffe. Wann immer etwas gegen ihn als Täter spricht, hat Dölf Köppel eine Antwort. Zum Beispiel auf diese Frage: Wer ermordet seine Familie und bleibt dann seelenruhig mit den Leichen auf dem Hof? «Wo hätte er denn hingehen sollen?», erwidert Köppel darauf. «Gruber war ein Eigenbrötler, der zeitlebens seinen Hof und sein Dorf nie verlassen hatte.»
Manchmal sind es kleine Dinge, welche die letzte Gewissheit geben. Der Abreisskalender im Bauernhof in Hinterkaifeck zeigte zum Zeitpunkt des Leichenfunds den 1. April. Jemand hatte sich noch die Mühe gemacht, ein Kalenderblatt abzureissen. Denn die Tat geschah erwiesenermassen am 31.März, also einen Tag zuvor. Tut das ein Raubmörder? Oder sonst jemand, der nicht dort wohnt? Oder doch eher einer, der aus Gewohnheit jeden Morgen im Vorbeigehen das Kalenderblatt des letzten Tages entfernt? Wie es beispielsweise der Herr des Hauses macht?

Die Akten sind geschlossen

Was tut ein Mann jetzt, der die letzten acht Jahre seines Lebens einem 100 Jahre alten Mordfall gewidmet hat? Dölf Köppel hofft, dass seine Erkenntnisse bald von offiziellen Stellen übernommen werden. Dann kann er abschliessen und sich neuen Aufgaben widmen. Das Recherchieren und Schreiben hat es ihm angetan. Noch fehlt ihm die Zeit für ein neues Werk. Begonnen hat er aber bereits damit: «Ich will einem noch älteren Fall auf den Grund gehen und ihn wieder über ein Buch aufklären.» Ausserdem arbeite er an einem Theaterstück über den Fall, das am 31. März 2022, also genau 100 Jahre nach dem Verbrechen, in der Region des Geschehens uraufgeführt werden soll.
Der Fall Hinterkaifeck hat nicht nur den Rheintaler inspiriert. 2009 wurde ein Roman darüber unter dem Titel «Tannöd» verfilmt (siehe Trailer unten). Doch die Behörden möchten es wohl lieber gut sein lassen. Die Akten sind seit 1955 geschlossen. In Quellen wie Wikipedia wird eine Reihe von möglichen Tätern genannt. Der Bauer des Hofs ist nicht darunter.


Mehr von diesem Autor

image

Die Medien als Freund und Helfer: Eine Reise in Zitaten

Stefan MilliusHeute, 17:00comments

Ähnliche Themen