Der Fall Berset als ein Beispiel von «Shock and Awe»

Der Fall Berset als ein Beispiel von «Shock and Awe»

Wenn es bei der Strafverfolgung um Prominente geht, tendieren die Behörden dazu, sich an amerikanischen Gebräuchen ein Beispiel zu nehmen. Das entspricht nicht der Kultur und dem Umgang, den wir in der Schweiz pflegen.

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von Peter Kuster am 17.9.2021, 16:00 Uhr
In den USA von grosser symbolischer Bedeutung: der öffentliche Einsatz von Handschellen bei Prominenten., wie hier bei Kenneth Lay, ehemaliger CEO des Energiekonzerns Enron und einer der Hauptverantwortlichen für den Milliardenbetrug beim Gang in den Gerichtssaal im Jahr 2004.
Bild: Keystone
In den USA von grosser symbolischer Bedeutung: der öffentliche Einsatz von Handschellen bei Prominenten., wie hier bei Kenneth Lay, ehemaliger CEO des Energiekonzerns Enron und einer der Hauptverantwortlichen für den Milliardenbetrug beim Gang in den Gerichtssaal im Jahr 2004. Bild: Keystone
Was man immer von Alain Bersets Eskapade(n) und den jüngsten Enthüllungen dazu halten mag; sie werfen ein unschönes Schlaglicht auf eine ungute Entwicklung in der Strafverfolgung. Gemäss der Darstellung der «Weltwoche» wurden zur «Anhaltung» der mutmasslichen Erpresserin Mitglieder der «Tigris», einer Spezialeinheit der Bundeskriminalpolizei, aufgeboten. Auch wenn nicht alle Umstände des Falls bekannt sind, so ist doch nur schwer vorstellbar, dass dieser Einsatz (ob in Vollmontur oder in zivil) für die erfolgreiche Dingfestmachung einer alleinerziehenden Mutter notwendig und angemessen war.

Einschüchterung und Demoralisierung des Gegners

Es ist nicht das erste Mal, dass Strafverfolgungsbehörden hierzulande einen Ansatz verfolgen, welcher der Logik von «Shock and Awe» folgt. Diese militärische Strategie zielt darauf ab, den Gegner durch massiven Beschuss so einzuschüchtern und so zu demoralisieren, dass sein Kampfwille gebrochen wird. Besonders wenn es um Prominente geht, ist die Verlockung für die Behörden gross, sich von dieser (in der Kriegshistorie übrigens selten vom Erfolg gekrönten) Strategie inspirieren zu lassen.
Beispiele, dass sie dieser Verlockung auch erlegen sind, gibt es in der jüngeren Geschichte leider einige, sei es im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen (ehemalige) Wirtschaftsgrössen oder auch mit Affären anderer hoher Amtsträger, wo (mit Vorliebe zur frühen Morgenstunde) schweres Geschütz eingesetzt wurde. Ein Beispiel, das schon länger zurückliegt, war bei der Affäre Hildebrand das bestenfalls unzimperliche Vorgehen gegen Hermann Lei. Etwas anders gelagert war die Festnahme von Fifa-Funktionären beim Baur au Lac in Zürich – hier war nicht das Vorgehen an sich stossend, sondern die Tatsache, dass es nicht gelang, die Aktion vor den Medien geheim zu halten.

Sonderkommando, Handschellen und Kamera

Früher kannte man solche Sitten und Gebräuche, den Einsatz von Sonderkommandos und Festnahmen von Prominenten vor laufender Kamera (oft in Verbindung mit dem fotogenen Anlegen von Handschellen), nur aus den USA. Die Schweiz hat aber auch diesbezüglich eine andere Kultur und pflegt einen anderen Umgang. Ermittlungen, Arretierungen und Befragungen sind nicht Teil der Strafe. Ob jemand schuldig ist und welche Strafe angemessen ist, hat das Gericht zu beantworten. Auch deshalb ist zu hoffen, dass Einsätze mit «Shock and Awe» ohne plausible Bedrohungslage oder vor laufender Kamera die Ausnahme bleiben werden – egal ob es grosse Fische wie betrügerische CEO oder kleine wie unglückliche Erpresserinnen trifft.

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