Der erste Anlauf für ein Europa der Nationen

Der erste Anlauf für ein Europa der Nationen

Der älteste Entwurf für eine europäische Verfassung entstand vor über 190 Jahren auf einem Schlachtfeld bei Warschau. Der Text ist überraschend modern und enthält einen Konflikt, der noch heute aktuell ist.

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von Dominik Feusi am 26.12.2021, 14:00 Uhr
Schlacht bei Olszynka Grochowska bei Warschau zwischen Polen und Russen am 25. Februar 1831 (Wojciech Kossak, 1931, CC-Lizenz, Muzeum Narodowego w Warszawie).
Schlacht bei Olszynka Grochowska bei Warschau zwischen Polen und Russen am 25. Februar 1831 (Wojciech Kossak, 1931, CC-Lizenz, Muzeum Narodowego w Warszawie).
Wojciech Bogumił Jastrzębowski (1799-1882) lag in der Schlacht bei Olszynka Grochowska, der Ort ist heute ein Stadtteil Warschaus, im Schützengraben. Die Polen hatten sich im November 1830, angestiftet durch Revolutionen in Paris und Brüssel, gegen die russische Herrschaft erhoben, um den Zaren loszuwerden – und um das 1795 endgültig zwischen Preussen, Österreich und Russland aufgeteilte Königreich Polen wieder auferstehen zu lassen.

Notizen aus dem Schützengraben

Jetzt war Februar 1831. Russland hatte ein Heer aufgestellt und war Richtung Warschau gezogen, um die Aufständischen niederzuschlagen. Es musste zur ersten grossen Entscheidungsschlacht zwischen Polen und Russen kommen. Fünf Tage lang standen sich gut 70’000 Russen und 56’000 Polen gegenüber und lieferten sich kleine Scharmützel. In dieser angespannten Langeweile notierte Jastrzębowski die Grundzüge einer Verfassung für Europa.
Am 25. Februar befahl der aus Niederschlesien stammende russische General von Diebitsch den Angriff auf die polnischen Linien. Es wurde ein furchtbares Gemetzel. Bis am Abend fielen rund 20’000 Soldaten. Die Polen hielten zwar den Russen stand, zogen sich jedoch anschliessend über die Weichsel nach Warschau zurück.

Verfassung mit 77 Artikeln

Der Artillerist Jastrzębowski überlebte die Schlacht. Und mit ihm sein Entwurf für eine europäische Verfassung. Zwei Monate später veröffentlichte er seinen Vorschlag unter dem Titel «Einige Gedanken zu einem Recht, das den ewigen Frieden in Europa festschreibt». In 77 Artikeln beschreibt Jastrzębowski ein Staatsgebilde unter einem universellen Recht. Die Monarchen wären keine absoluten Herrscher mehr, sondern als «Patriarchen» Diener des Rechts und «Väter ihrer Nationen».
Diese vor allem als Sprachgemeinschaften verstandenen Organisationen sollten die Staaten ersetzen. Europa würde zu einer einzigen Republik ohne Binnengrenzen und mit einer europäischen Gesetzgebung vereint. Die Nationen darin würden allerdings nicht aufgelöst, auch sie hätten Parlamente und eine eigene Gesetzgebung. Jeder Europäer würde seiner Nation angehören, egal, wo er sich aufhält. Man könnte auch mehreren Nationen angehören, zusätzlich zur Sprachgemeinschaft beispielsweise den «Juden» oder den «Zigeunern».
Der Verfassungsentwurf ist sowohl von der Französischen Revolution als auch von den christlichen Wurzeln Europas inspiriert. Die Gleichheit der Menschen vor dem Recht ist darin zentral. Diese leitet Jastrzębowski aus der Gleichheit vor Gott ab. Entsprechend ist die Grundlage aller Gesetze das Naturrecht. Die Todesstrafe würde abgeschafft. Meinungs- und Medienfreiheit ganz modern verankert. Schutz von «Leben, Freiheit und Eigentum» würden in den Gesetzen der Nationen geregelt.

«Europäischer Kongress»

Geleitet würde die Europäische Republik von einer Vertretung aus den Nationen, dem «Kongress» – ähnlich dem Ständerat in der Schweiz. Damit wäre sichergestellt, so schreibt es Jastrzębowski, dass jede Nation gleich viel zu bestimmen hätte. Etwas, was bis heute in Europa nicht funktioniert. Bei Streitigkeiten zwischen Nationen würde der europäische Kongress entscheiden. Interessant: Die Anzahl dieser Verfahren «wird das Mass für die Ungenauigkeit der Gesetze» sein – und würde jährlich veröffentlicht.
Besonders wichtig ist Jastrzębowski die Bildung. Ziel sei dabei die «Vervollkommnung des Menschen» – so steht es im Verfassungsentwurf. Bildung soll die Menschen «in den Stand versetzen, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu sein» und ihm eine «familiäre Liebe zwischen den Nationen beibringen».

Wehrhafte Friedensallianz

Die Europäische Republik wäre eine Friedensallianz, die Sicherung des Friedens ihr wichtigstes Ziel, damit «Blutvergiessen» und «Barbarei» ein Ende hätten. Jastrzębowski war aber kein naiver Pazifist. Gerade als Pole wusste er, dass der Frieden verteidigt werden musste. Allerdings schlägt er die Aufhebung der stehenden Heere und die Bildung einer europäischen Milizarmee aus «Bürger-Soldaten» vor. Die Nationen stehen einander bei Bedrohungen bei, so wie heute die NATO-Staaten, zu denen auch Polen gehört. Jede Nation der Erde (!) könnte dieser Allianz beitreten und sich so dem «ewigen Frieden» anschliessen. Die Nationen selber verfügten nur über eine Art Polizei, eine «Garde des Gesetzes».
Jastrzębowski geht es mit seiner Verfassung um nichts weniger als die endgültige Überwindung der «Barbarei» des Krieges. An seiner Stelle sollte der Wettbewerb um Wissenschaft und Innovation treten: «Da bisher die bedeutendste Quelle des Ruhmes der Nationen der Krieg war, so werden mit dem Schluss der Ewigen Allianz in Europa allein die Wissenschaften, gutes Regieren und Erfindungsgabe im weitesten Sinne Gegenstand und Quelle des Ruhmes für die europäischen Nationen sein.»

Keine Gleichmacherei

Jastrzębowski will einen vielfältigen Wettbewerb der Nationen und die Entfaltungsmöglichkeit ihrer Mitglieder. Was dem Entwurf völlig fehlt, ist ein bürokratischer Zentralismus und die Gleichmacherei der Unterschiede in Europa. Im Gegenteil: Dessen Rechtsideal ist geradezu revolutionär und seine Forderung nach «ewigem Frieden» hundert Jahre vor den bestialischen Entgleisungen von nationalem und internationalistischem Sozialismus fast schon prophetisch.
Kann die EU für sich in Anspruch nehmen, mindestens die Ideen dieser Verfassung umgesetzt zu haben? Sie soll immerhin – so ein Narrativ der EU – nach dem Zweiten Weltkrieg den Frieden gebracht haben. Dass es vor allem der Kalte Krieg und die deshalb nötige Westintegration war, die den Frieden herstellte, wird dabei ausgeblendet. Und eine glaubhafte Verteidigungsallianz, wie sie Jastrzębowski fordert, ist die EU bis heute nicht.

Keine Überwindung der Nationen

Hinzu kommt: Die EU basiert – und das ist ein anderes, verbreitetes Narrativ – auf der Auflösung des Nationalstaates in einem europäischen Bundesstaat auf dem Umweg einer Wirtschaftsunion, ein Fehler, der Jastrzębowski bei seinen Überlegungen nicht beging. Die EU baut auf Vereinheitlichung von Recht bis in kleinste Details, statt auf die gegenseitige Anerkennung von Unterschieden in Europa. Vielleicht macht die Lektüre des Verfassungsentwurfes von Jastrzębowski gerade deshalb auch nach 190 Jahren Sinn, sie respektiert Unterschiede in den «Nationen».
Die Russen konfiszierten den am 3. Mai 1831, exakt vierzig Jahre nach der letzten Verfassung des damals unabhängigen Polen, gedruckten Verfassungstext umgehend. Die Schrift kursierte nur im Untergrund (Link zu einem Original).

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Wojciech Jastrzębowski (1799-1882) (Bild: CC-Lizenz, Maksymilian Fajans)
Und was geschah mit Wojciech Jastrzębowski? Wegen seines Entwurfes erhielt er fünf Jahre lang keine Stelle als Lehrer. 1836 wurde er Professor für Agronomie. Er entwickelte einen Kompass zur Ausrichtung von Sonnenuhren und gilt als einer der wichtigsten Begründer der Ergonomie. Selbst der Begriff «Ergonomie» stammt von ihm.
Das Schicksal Polens liess ihm jedoch keine Ruhe. Auch die nächste polnische Erhebung, den Januaraufstand von 1863, unterstützte Jastrzębowski, allerdings nicht mehr an vorderster Front. Polen sollte erst nach dem Ersten Weltkrieg wieder souverän werden. Und die «Barbarei» konnte das Land sogar erst 1989 abschütteln.
  • Hintergrund und englische Übersetzung (Herausgeber: Stadt Warschau)

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