Marko Kovic: Ein dünnhäutiger Kritiker?

Der Kommunikationswissenschaftler Marko Kovic ist in den Medien omnipräsent. Früher glaubte er selbst an Verschwörungstheorien - heute sind sie ihm ein Graus. Wie kritisch darf man den scharfen Kritiker unter die Lupe nehmen?

image 24. Februar 2022, 05:00
Kommunikationswissenschaftler Kovic kritisiert am liebsten andere. (Bild: zvg)
Kommunikationswissenschaftler Kovic kritisiert am liebsten andere. (Bild: zvg)
Schwurbler, Verschwörungstheoretiker, Impfgegner: Marko Kovic wischt sie alle vom Tisch. Auf Twitter schiesst der Kommunikationswissenschaftler scharf, kritisiert, teilt aus. Aber darf man den von den Medien gefeierten Experten auch an seinen eigenen kritischen Massstäben messen?
Man darf. Er finde es «sehr gut», dass man ihm kritische Fragen stelle, erklärt Kovic freudig. Am Telefon gibt er sich nahbar, bietet einem gleich das Du an. Zum vereinbarten Termin in einem Zürcher Bahnhofscafé erscheint er dann in einem tadellos sitzenden Anzug. Er wirkt souverän und freundlich, kultiviert gar etwas Small Talk. Im Laufe des Gesprächs zeigt sich: Kovic verliert selten die Fassung. Aber nicht nie.

«Ich bin ein Konvertit»

Kovics Eltern wanderten aus dem ehemaligen realsozialistischen Kroatien als Arbeitsmigranten in die Schweiz ein. Heute bezeichnet er sich selbst Sozialist, stellt aber klar: «Realsozialistische Diktaturen wie das damalige Jugoslawien, China oder Vietnam lehne ich genauso kategorisch ab wie den Marxismus-Leninismus in der Sowjetunion».
Es gehe ihm um Demokratie: Arbeiter und Arbeiterinnen sollten mehr vom ökonomischen Mehrwert, den sie erarbeiten, erhalten: «Idealerweise würden ihnen die Produktionsmittel gehören», führt er aus. Alle Mitglieder einer Gesellschaft – unabhängig von Geburt und sonstigen Zufällen – sollen ein lebenswertes Leben verdienen.

«Alle Mitglieder einer Gesellschaft - unabhängig von Geburt und sonstigen Zufällen - sollen ein lebenswertes Leben verdienen.»

Gegenwärtig ist Kovic in linken Medien ein gerne gelesener Gastautor. Verschwörungstheorien sind sein Metier. «Ich bin ein Konvertit», witzelt er. Früher sei er selbst im Kaninchenloch der Verschwörungstheorien gesessen. «Damals, also vor circa 15 Jahren, war man noch nicht so in seiner eigenen Bubble gefangen. Man wurde auch mit anderen Sichtweisen konfrontiert – das hat mir geholfen, wieder aus dieser Sache herauszufinden», erklärt sich der Ex-Verschwörungstheoretiker.
Unter Kovics 48 «Google Scholar»-Publikationen (Literaturverzeichnis wissenschaftlicher Dokumente) findet sich allerdings nur ein einziger Artikel zum Thema Verschwörungstheorien. Als «selbständigen Forscher» listet ihn «Google Scholar» auf. Einen wissenschaftlichen Forschungsauftrag einer Uni habe er nicht. «Die klassische akademische Karriere hat mich nicht interessiert»; Kovic verzichtete nach eigener Aussage freiwillig darauf.

«Ich hätte besser recherchieren sollen»

Einen seiner Artikel hat Kovic 2019 beim umstrittenen Verleger «Multidisciplinary Digital Publishing Institute» veröffentlicht. Das «MDPI» geriet wiederholt in die Kritik; die darin publizierten Artikel seien nicht selten von zweifelhafter Qualität.
Warum publiziert jemand wie Kovic unter einem solch in Verruf geratenen Verleger? Mit diesem Umstand konfrontiert, verliert Kovic seine angebliche Gelassenheit, wird aufbrausend. Die Stimmung schlägt um. Kovic baut sich auf, wirkt bedrohlich. Es braucht viel Geduld, die Wogen wieder zu glätten.
Später entschuldigt sich Kovic mehrmals für sein Verhalten: «Ich hätte besser recherchieren sollen», schreibt er. «Ich wollte aus Idealismus Open Access (freier Zugang zu wissenschaftlicher Literatur, Red.), hätte mir aber die bei Open-Access-Journals üblichen Gebühren für eine Artikelpublikation nicht leisten können. Deswegen habe ich damals diesen Verlag gewählt.»
Sein Artikel sei peer-reviewed und wissenschaftlich wasserdicht, betont Kovic. Der Verlag bestätigt dies auf mehrfache schriftliche Nachfrage nicht.

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Das ehemalige ZIPAR wurde von Kovic präsidiert. (Bildquelle: Paper auf Google Scholar)
Kovic publizierte nicht nur gerne Open Access, sondern auch oft unter den Labels «ZIPAR» (Zurich Institute of Public Affairs Research), «Ars Cognitionis GmbH» oder «Swiss Skeptics: Discussion Paper Series». Dabei handelt es sich nicht um staatliche oder universitäre Institutionen, sondern um von Kovic mitgegründete und präsidierte Einrichtungen. Zwei Drittel davon existieren nicht mehr.

Tatsächlich kritikfähig?

Kovic betonte am Anfang des Gesprächs, dass er kritikfähig sei. Ob das bei allen Absendern so ist, ist nicht sicher. Denn offenbar sind ihm die kritischen Fragen dermassen unangenehm, dass er in einem Mail an den «Nebelspalter» überraschend ausfällig wird.
Man brauche nicht so zu tun, als ob man über ihn als Person schreiben wolle. Es ginge nur darum, ihn in einem möglichst schlechten Licht darzustellen, wirft er dem «Nebelspalter» vor. Man wolle suggerieren, dass er «unseriös und heuchlerisch» sei. Kovic schickt weitere Vorwürfe hinterher: Es störe ihn an uns «neuen Rechtslibertären» allgemein, dass wir bewusst und offensichtlich in «bad faith» (Täuschung/in böser Absicht) operieren, aber nicht dazu stünden.

Kovic spart nicht an wilden Vorwürfen. Dabei kennt er zu diesem Zeitpunkt noch kein einziges Wort des Porträts, das über ihn geschrieben wird.

Der grobe Ton scheint gewollt. Allgemein ginge es dem «Nebelspalter» bei Kovics Porträt «nicht um Journalismus», und man «solle doch einfach dazu stehen», verlangt er schnoddrig.
Kovic spart also nicht an wilden Vorwürfen. Dabei kennt er zu diesem Zeitpunkt noch kein einziges Wort des Porträts, das über ihn geschrieben wird. Der aggressive Ton lässt die ganze Redaktion konsterniert zurück. Wenig später gibt er sich wieder betont freundlich und kollegial, segnet alle seine Zitate kritiklos ab.
Und: Der Fakt, dass Kovic kurz vor Erscheinen dieses Porträts auf mehr als 2000 Wörtern eine Replik auf einen «Nebelspalter»-Kommentar schreiben und publizieren durfte, führt seine Vorwürfe weiter ad absurdum.

«Daniel Koch ist kein wissenschaftlicher Experte»

Auch auf den sozialen Medien kommentiert Kovic eifrig die politische Debatte. Ein prominentes Beispiel ist Mr. Corona (Daniel Koch), der bei ihm in Ungnade gefallen ist. Dieser sei «kein wissenschaftlicher Experte», der «die epidemiologische Lage richtig einschätzen könne», belehrt Kovic die Medien auf Twitter.
Illustrierend dazu postet er Bilder von Zeitungsartikeln: Koch schätzt in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» die Corona-Variante Omikron als weniger dramatisch ein als gemeinhin angenommen. Extremismus-Experte und Journalist Fabian Eberhard zeigt sich derweil ob Kovics Aussagen irritiert, attestiert ihm ein «komisches Journalismusverständnis».
Kovic rechtfertigt sich: Koch habe einen «erwiesenermassen schlechten Track-Record beim Pandemiemanagement». Zudem habe Koch, als er diese Aussagen tätigte, nicht in der Rolle als Arzt oder Mediziner gehandelt, sondern als Lobbyist und Vertreter einer kommerziellen Beratungsfirma. Wie Recherchen des «Tages-Anzeiger» und der «Sonntagszeitung» zeigen, hat sich Koch letztes Jahr tatsächlich mit einer Beratungsfirma selbständig gemacht.
Tamedia weist auf Nachfrage den Vorwurf deutlich zurück, Koch habe bei besagtem Artikel aus kommerziellem Interesse gehandelt: Man bezahle bekanntlich nicht für Interviews.
Am 16. Februar verkündete der Bundesrat die Aufhebung fast aller Corona-Massnahmen. Koch lag mit seiner Prognose goldrichtig, Kovic mit seiner Kritik völlig daneben. Das hält Kovic nicht davon ab, online weiterhin scharf gegen allerlei Medien zu schiessen. Der «Blick», «20 Minuten», der «Tages-Anzeiger», die «Weltwoche», «Inside Paradeplatz», der «Nebelspalter», «Watson» – (fast) niemand ist vor Kovic und seinen Belehrungen sicher.
Auch der «NZZ» unterstellte er mehrmals Verschwörungsnarrative, nachdem und bevor diese ein kritisches Porträt über ihn publizierte. Misst man den scharfen Kritiker an seinen eigenen Masstäben, wirkt er auffällig dünnhäutig.

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