Der diskrete Charme des Sonderfalls. Wir sind Schweizer – und können nicht anders

Der diskrete Charme des Sonderfalls. Wir sind Schweizer – und können nicht anders

Es gehört zum modischen Geplapper, alle Eigenwilligkeiten und Besonderheiten dieses Landes für überholt oder lächerlich zu halten. Nichts ist überholter und lächerlicher. Die Schweiz ist ein Sonderfall – oder gar nichts. Ein Zwischenruf.

image
von Markus Somm am 6.11.2021, 04:56 Uhr
Vierwaldstättersee in der Nacht. Kraftfeld der alten und neuen Schweiz.
Vierwaldstättersee in der Nacht. Kraftfeld der alten und neuen Schweiz.
Ist der Schweizer Sonderfall am Ende? Wenn wir heute beobachten, wie wir uns fast Jahr für Jahr unserer europäischen Umgebung angleichen: wir zentralisieren, wir zerstören unsere Schulen mit unnötigen Reformen, wir begeben uns in ein angeblich zinsloses Nirwana, wir sprechen politisch korrekt und fürchten uns vor dem Mohrenkopf und denken über die Abschaffung der «Mutter» als Begriff nach, kurz: wir machen all die Fehler, die die anderen, ob in Europa oder in Amerika, schon begangen haben, und das immer schneller, – ja, dann bleiben mir gelegentlich selbst die optimistischen Worte im Halse stecken. Schon allein der Begriff «Sonderfall» gilt als verdächtig, wenn nicht reaktionär. Schon allein die Anmassung, sich etwas anzumassen, was irgendwie nach «schweizerisch» schmeckt, ist ein Sakrileg.
Und dennoch: Sollten wir weiterhin Erfolg haben wollen, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als das gut (oder besser) zu machen, wofür wir schon früher bekannt gewesen sind und was uns in den vergangenen fünfhundert Jahren zu einem der reichsten, freiesten und wohl auch glücklichsten Länder der Welt gemacht hat.
Dass dem so ist, – ich rede vom Letzteren, dem Glück – zeigen unzählige Umfragen. So neuerdings etwa der sogenannte World Happiness Report der UNO aus dem Jahr 2020, laut welchem sich die Schweizer selbst für das drittglücklichste Volk der Erde halten. Nur die Finnen und die Dänen gelten als noch zufriedener mit sich selbst und ihrem Land.

Eine patriotische Unterrichtsstunde

Was sind die Grundlagen unseres Erfolgs? Sie sind gleichzeitig die zentralen Elemente des Sonderfalls. Zunächst ist die Schweiz eine der ältesten, ohne Unterbruch bestehenden Republiken der Weltgeschichte. Schon im 14. Jahrhundert vertrieben die Eidgenossen den Adel, 1499 lösten sie sich faktisch von Reich und Kaiser, einen Monarchen gab es schon seit längerem nicht mehr. Die dreizehn alten Orte der Eidgenossenschaft waren Mini-Republiken, will heissen: keine Monarchien, sondern mit unterschiedlich ausgeprägten demokratischen Verhältnissen ausgestattet. Das Spektrum reichte von patrizischen Stadtstaaten wie Bern oder Luzern, wo eine Oligarchie regierte, über die Zunftstädte wie Basel oder Zürich, wo man sich die Macht etwas intensiver teilte, bis hin zu den Landsgemeindekantonen der Innerschweiz, wo jeder Mann ab 14 Jahren wahl- und stimmberechtigt war – ein überaus demokratischer Zustand, im Übrigen einzigartig im internationalen Vergleich. Er herrscht seit dem 14. Jahrhundert ebenfalls vor – ohne je länger aufgehoben worden zu sein.
Diese republikanische Verfasstheit prägte uns in einem Masse, wie wir uns das heute kaum mehr bewusst sind. Wir sind routinierte, hochtrainierte Republikaner – ohne uns besonders anzustrengen. Dass wir immer noch Dialekt sprechen, obschon wir doch fünfhundert Jahre Zeit gehabt hätten, ein ordentliches Hochdeutsch zu erlernen, hängt damit zusammen. Dass wir Titel verabscheuen und nicht wissen, wie wir den Fürsten von Liechtenstein ansprechen sollen, weil es uns fast physisch widerstrebt: auch das liegt an dieser langen anti-monarchischen – und damit auch anti-elitären, egalitären Tradition. In der Schweiz existert seit Jahrhunderten kein Adel und kein König mehr. Nur wenige Länder dieser Welt weisen diese bemerkenswerte Erfahrung auf.
Zweitens entstand das Land als Bund und blieb es bis heute, ein Bund der dezentralen Eigenwilligkeiten, des Kantönligeistes, des eingefleischten Föderalismus. Wenn die Schweiz oft liberaler wirkte – und es genauso oft auch war –, dann lag das meistens nicht daran, dass wir etwa wie die Amerikaner dem Staat grundsätzlich misstrauten, sondern eher dem Zentralstaat. Diesen zerschnetzelten wir jeweils in alle Bestandteile, diesem enthielten wir alles vor, woran wirklich etwas lag. Solange die staatliche Macht im Kanton oder in der Gemeinde blieb, erschien sie uns weniger unerträglich, da weniger gefährlich, zumal wir deren wichtigste Ämter gemäss Milizsystem gleich selbst besetzten – und nur wenigen professionellen Beamten unser Vertrauen schenkten.
Drittens ist das Land seit jeher unabhängig – nicht auf dem Papier, sondern weitgehend und real. Gewiss, ständig machte man Kompromisse, als Kleinstaat konnten wir uns nie so rücksichtslos und unverschämt aufführen wie eine Grossmacht. Aber ein Kleinstaat wie die Schweiz ging auch nie unter. Stets war den Schweizern bewusst, wieviel sie ihrer Unabhängigkeit verdankten. Wer es wissen wollte, spürte das, vor allem wenn er Ausländer war.
Im Jahr 1676 schickte Melchior de Harod de Senevas, Marquis de Saint-Romain, eine Denkschrift nach Paris; er war Botschafter in der Schweiz:
«Der Freiheitsgeist der Schweizer macht ihnen alle Verpflichtungen lästig und sie wollen nichts davon wissen. Dies geht so weit, dass, als ich in der ersten Zeit nach meiner Ankunft bisweilen äusserte, sie könnten ohne Verletzung unseres Bündnisses dieses oder jenes nicht tun, sie darüber zürnten und mir erwiderten, sie seien souverän und niemand als sie habe in ihrem Lande etwas zu befehlen.»

Zunehmende Erosion

Diese drei Elemente machten die Schweiz reich und erfolgreich. Alle drei sind heute bedroht: Das Republikanische – seit eine linke, aber auch rechte Oberschicht sich zusehends als eine Elite versteht, die besser weiss, was dem Bürger guttut. Es sind Behörden an die Macht gelangt, wo promovierte Beamten uns empfehlen, wie wir uns verhalten sollen, falls wir gesund bleiben möchten; es sind Medien entstanden, wo eine selbsternannte Elite der Kommunikatoren sich über die Vorlieben der Weisssocken tragenden Bünzli lustig macht; es sind leider auch die Manager, die vor lauter Begeisterung für eine radikale Klimapolitik den einfachen Leuten genauso gerne wie die Politiker zumuten möchten, nur noch mit einem kostspieligen Tesla herumzufahren. Und falls der Unterschicht das zu teuer kommt, wird dieser nahegelegt, besser ganz auf die individuelle Mobilität zu verzichten.
Auch das zweite Merkmal des alten Sonderfalls wird untergraben: Mit jeder Gemeindefusion, mit jedem kantonalen Konkordat, mit jedem Mal, wenn die Kantone sich nicht wehren, wenn der Bund eine neue Kompetenz an sich zieht.
Schliesslich und drittens unterschätzen wir den Wert unserer Unabhängigkeit. Lieber ergeht man sich in so banalen Feststellungen wie: Niemand ist absolut souverän! – als ob das je jemand behauptet hätte, als dafür zu kämpfen, dass wir Bürger und Bürgerinnen hier in unserem Land so viel selber und autonom entscheiden können als möglich. Jede Freude an der Differenz, jeder Mut zum Anderssein ist uns abhandengekommen – wie sich das zuletzt bei der Corona-Politik erwiesen hat, wo wir mehr darunter zu leiden scheinen, wenn wir uns auch nur ansatzweise vom Ausland unterscheiden, als dass wir uns davor fürchteten, das Falsche zu tun.
Lieber falsch liegen, aber so falsch wie alle Übrigen – als richtig handeln und damit alleine zu bleiben. Es lebe die Differenz? Nur wenige Politiker – und genausowenig Manager oder Journalisten oder Wissenschaftler – würden einen solchen Jubel noch ausstossen.

Uralte, moderne Rezepte

Was ist zu tun? Gewiss, die Zeit steht nicht still. Was 1676 richtig war, muss heute nicht mehr zutreffen. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass der Kern unseres Sonderfalls zukunftsfähig ist, nein, dass wir nur eine Zukunft besitzen, wenn wir den Mut aufbringen, uns auf diese Art von politischer DNA zu besinnen. Alle drei Merkmale des Sonderfalls, die ich hier referiert habe, gilt es zu stärken.
Konkret, erstens: Jede soziale Segregation, jedes abgehobene Gebaren, das unsere Eliten zunehmend wie jene des Auslands kennzeichnet, ist auszumerzen. Ein guter Weg dazu bot schon immer unsere direkte Demokratie, genauso wirksam ist der Wettbewerb. Deshalb ist es so fatal, wenn unsere Schulen das Leistungsprinzip in Frage stellen. Nur dieses garantiert den Wettbewerb, nur dieses sorgt dafür, dass immer wieder Aufsteiger die arrivierten Kräfte herausfordern. Ebenso gehört eine kluge Einwanderungspolitik dazu, die zusieht, dass ständig ehrgeizige, begabte und intelligente Immigranten aus aller Welt in unser Land strömen, damit es den einheimischen, saturierten Repräsentanten des Establishments schwer gemacht wird, sich oben zu halten, es sei denn sie verfügten über das nötige Talent und die erforderliche Ausdauer.
Zweitens: Alles, was den Föderalismus schwächt, muss vereitelt werden, alles, was das Dezentrale vertieft und vermehrt, soll unsere Aufmerksamkeit und Zuneigung erfahren. Mit anderen Worten: Statt den Steuerwettbewerb zu glätten oder internationalen Organisationen zuliebe abzuwürgen, wäre es angezeigter, ihn zu erhöhen. Statt über einen immer komplexeren Finanzausgleich nachzudenken, müssten wir den Wagemut beweisen, ihn ganz abzuschaffen, damit die Kantone von neuem sich einem echten, gewiss auch anstrengenden Wettkampf zu unterziehen hätten.
Last but not least führt nichts an dieser trivialen Erkenntnis vorbei: Solange wir unabhängig bleiben und selber bestimmen, ob wir untergehen oder weiterhin die Welt in Erstaunen versetzen, solange kann uns nicht geschehen. Sobald wir aber Dritten überlassen, über unsere Zukunft zu entscheiden, haben wir keine Zukunft mehr.

Mehr von diesem Autor

image

Somms Memo # 9 - Ignazio Cassis

Markus SommHeute, 11:14comments
image

FRIENDLY FIRE - Das war von Anfang an eine recht ausgewiefte PR-Strategie

Markus Somm8.12.2021comments
image

Somms Memo #7: Notre-Dame als Disneyland?

Markus Somm7.12.2021comments

Ähnliche Themen