Der Aufstand der Empörten

Der Aufstand der Empörten

Ein guter Mensch zu sein: Das ist heutzutage eine sehr billige Währung. Es reicht, zu sagen, dass man für das Gute einsteht, und was das sein soll, entscheiden sowieso die sozialen Medien oder eine unsichtbare Moraljury. Ein aktuelles Beispiel.

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von Stefan Millius am 25.3.2021, 17:35 Uhr
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Waren Sie an der Kundgebung der Corona-Massnahmenkritiker in Liestal am Samstag? Dann sind Sie ein schlechter Mensch. Posieren Sie heute auf Twitter mit dem Hashtag #NoLiestal? Gratulation, Sie sind einer von den Guten. Denn Sie sind solidarisch mit den Millionen Menschen, die allein bei uns in der kleinen Schweiz von der Seuche schon dahingerafft wurden. Rein rechnerisch kann das natürlich nicht stimmen, sonst wären die Züge nicht immer noch so voll. Aber gefühlt durchaus angesichts der Panikmache in den meisten Medien.
Der Einsatz für Gastronomen, deren Existenz ohne echten Anlass und frei von jeder Evidenz abgewürgt wird: Das ist böse. Man kann ja schliesslich auch selbst kochen, wo ist das Problem? Der Einsatz fürs Pflegepersonal, das längst vor weitgehend freigeräumten Intensivbetten steht, fern jeder Überlastung: Das ist gut. Das ist die neue Wirklichkeit, und sie hat nichts mit Fakten oder dem Verstand zu tun, sie existiert nur auf der «Gschpüürsch mi»-Ebene. Gut und böse ist derzeit wieder im biblischen Sinn definiert. Es muss nicht sachlich Sinn machen, wie in der Bibel können selbst Schlangen sprechen, wenn sie das Richtige sagen. Eine unsichtbare Jury legt die Einteilung fest, wer wo steht.
Tausende von Menschen demonstrierten in Liestal für ein Ende der Massnahmen, weil sie diese falsch oder unverhältnismässig oder beides finden. Heute skandieren rund 15'000 Menschen ihre Empörung über diese Wahrnehmung der Bürgerrechte, indem sie platt sagen: No Liestal! Nicht, indem sie sagen, was an den dort präsentierten Schlussfolgerungen falsch war, sondern einfach, indem sie festhalten: Wer nicht für den Staat und seine Coronapolitik ist, der ist unvernünftig, unsolidarisch, kurz und gut schlecht. Darunter sind auffällig viele Medienschaffende, die sich offiziell der Objektivität verschrieben haben, aber privat gern Richter über richtig oder falsch spielen.
Die Motive der Menschen, die an der Kundgebung waren, spielen keine Rolle. Ohne Maske auf einem Platz zu stehen ist irgendetwas zwischen fahrlässiger Tötung und Mord, keine Frage. Es gibt zwar keine gesicherten Erkenntnisse über Ansteckungswellen nach Kundgebungen ohne Maske, mehr noch, es ist rein gar nichts in diese Richtung überliefert, aber weil es doch einfach so sein muss, ist es sicher auch so.
Promis wie Victor Giacobbo reihten sich mit dem erwähnten Hashtag umgehend ein bei den Guten, weil sie damit nichts zu verlieren haben. Wer sie vorher liebte, liebt sie nun noch mehr, wer vorher nichts mit ihnen anfangen konnte, bei dem gibt es sowieso nichts zu holen. Das ist nichts mehr als die Bewirtschaftung der Heimbasis auf billigste Weise: Haltung zeigen dort, wo die Haltung nichts zerstören kann.
Sagen, dass man eine andere Meinung nicht teilt, muss in der Schweiz immer erlaubt sein. Sagen, dass eine andere Meinung schlicht und einfach gar nicht geht, nicht erlaubt sein sollte, das ist eine andere Kategorie. Aber das ist das, was derzeit passiert. Liestal ist nicht eine andere Meinung für die 15'000 Hashtagbenutzer. Liestal ist für sie etwas, das es gar nie hätte geben dürfen. Sich gegen den Staat zu stellen: Das geht nicht. Ironischerweise finden das vor allem Leute, die man früher als staatskritisch eingeordnet hätte.
Das ist eine neue Qualität in einem Land, das früher vom Kampf des besten Argumentes gelebt hat. Dieses spielt heute keine Rolle mehr. Man muss nur noch laut sein. Und abseits von wissenschaftlichen Beweisen einfach sagen, dass man doch Menschenleben schützen will. Das kann ja gar nicht falsch sein.
Deshalb: Böses, böses Liestal. Wie konntest du nur!

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