Der 100-Millionen-Franken-Poker für eine Impfwoche: «Die Schweiz braucht einen Impf-Ruck!»

Der 100-Millionen-Franken-Poker für eine Impfwoche: «Die Schweiz braucht einen Impf-Ruck!»

Der oberste Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger über die Impfwoche, den letzten Aufruf an die Bevölkerung und was der Basler Mathematiker Daniel Bernoulli mit Herdenimmunität zu tun hat.

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von Serkan Abrecht am 3.11.2021, 16:30 Uhr
«Wir brauchen keine Herdenimmunität»: Der oberste Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger (Mitte, BS). Bild: Keystone-SDA
«Wir brauchen keine Herdenimmunität»: Der oberste Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger (Mitte, BS). Bild: Keystone-SDA
Mitarbeit: Maria-Rahel Cano
Lukas Engelberger (Mitte, BS) ist Präsident der kantonalen Konferenz der Gesundheitsdirektoren. Diese starten zusammen mit dem Bund nächste Woche die bislang grösste und teuerste Impfkampagne (siehe Box am Ende des Artikels). Im Büro der Nebelspalter-Bundeshausredaktion nimmt er dazu Stellung.
Herr Engelberger, Sie sagten, dass die Schweiz bislang eine beispiellose Impfkampagne geführt habe. Brauchen wir mit der «Impfwoche» eine noch beispiellosere Kampagne?
Lukas Engelberger: Wir machen keine neue Kampagne. Wir führen weiter, was bisher schon stattfand. Ich habe von einer «beispiellosen Impfkampagne» gesprochen, weil mit den ständigen Vergleichen mit dem Ausland ein wenig vergessen ging, was wir selber bislang geleistet haben. Drei Viertel der Schweizer über 12 Jahren haben sich bislang für die Impfung entschieden. Dieses Resultat zeigt, dass eine Impfkampagne nützt und wir gut daran tun, unseren Aufwand zu intensivieren.


Sind Sie mit Bundesrat Alain Berset einig, der die «Impfwoche» den «Last Call» an die Bevölkerung genannt hat – und danach «de Pfuus dusse isch»?
Wir werden weiterhin ein Impfangebot zur Verfügung stellen. Ich denke, es muss ein Ruck durch die Schweiz gehen. Ein Impf-Ruck! Wenn wir jetzt sehen, dass die Infektions- und Hospitalisations-Zahlen steigen, dann hat das schon etwas von einem Zeitfenster, das nicht ewig offen sein wird. Wenn wir nächste Woche nicht erfolgreich sein werden, haben wir das Risiko, dass der Impf-Puffer zu niedrig ist. Aber man soll nicht die Botschaft senden, dass man nach der «Impfwoche» nichts mehr tun kann.
Also war «Last Call» der falsche Begriff von Herrn Berset?
Am Flughafen hört man diesen ja meistens auch nicht nur einmal (lacht). Es war ein Aufruf von Herrn Berset und als solcher ist er gut.

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Alain Berset (links) spricht von einem «letzten Aufruf». Lukas Engelberger relativiert – ein bisschen. Bild: Keytsone-SDA

Sie sagten in der Vergangenheit: «Bei Impf-Anreizen soll man nicht sparen.» Aber wenn kein ersichtlicher Nutzen vorhanden ist, sind solche Kampagnen doch pure Geldverschwendung? Schliesslich reden wir hier von fast 100 Millionen Franken, die der Bund in diese «Impfwoche» steckt.
Es sind ja Ausgaben, die unmittelbar in den nächsten Wochen anfallen. Eine solche Konzertreihe beispielsweise findet ja nur einmal statt. Somit sind diese Ausgaben etwas Einmaliges. Die 96 Millionen Franken sind ein Kostendach, die effektiven Kosten liegen allenfalls tiefer. Im schlimmsten Fall war es umsonst, das ist das höchste Risiko dabei. Wenn wir aber nichts tun, haben wir zu wenige Impfungen – das ist ein viel grösseres Risiko und wäre am Ende um ein Vielfaches teurer.

Haben Sie wirklich das Gefühl, dass eine «Impfwoche» oder eine Konzertreihe die Menschen davon überzeugt, sich impfen zu lassen? Die Meinungen bei den Ungeimpften sind ja mittlerweile gemacht.
Es gibt ganz unterschiedliche Konstellationen und Hintergründe bei den Ungeimpften in der Schweiz. Es gibt diejenigen, die für sich entschlossen haben – weshalb auch immer – sich nicht impfen lassen zu wollen. Dann gibt es aber noch die Unentschlossenen. Diejenigen, die noch Fragen zur Impfung haben und mehr Informationen wollen. Diese Leute wollen wir erreichen.
Die Behörden haben in der Vergangenheit von einer 80-prozentigen Impfquote als Richtwert für die Rückkehr zur Normalität gesprochen. Was ist mit dieser Zahl passiert?
Ich weiss keine Zahl und würde auch nie eine nennen. Ich habe einmal eine Kolumne über den Basler Mathematiker Daniel Bernoulli geschrieben. Er hat damals für den französischen König eine absolute Zahl ausgerechnet. Er hat ein mathematisches Modell erstellt, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Das konnte Bernoulli damals tun. Er musste Annahmen zur Ansteckungsgeschwindigkeit und Reproduktionsrate erstellen. Aber seine Hauptannahme war, dass es einen Zaun um diese Herde gab. Aber wir sind heutzutage keine Herde mit Zaun.


Wir haben keine Siedlungskontinuität und haben eine globale Mobilität. Wir müssen eine andere Zahl erreichen – keine Herdenimmunität –, sondern eine Zahl, ab deren Erreichen man sicher ist, dass die Situation für die Spitäler nicht mehr gefährlich ist. Und diese Zahl ist die 1000-Franken-Frage. Wir kennen sie einfach nicht.
Seit 19 Monaten sind wir in dieser Pandemie. Was meint der oberste Gesundheitsdirektor der Schweiz: Sind wir endlich am Ende angelangt? Wie lange müssen wir noch warten?
Ich habe die wissenschaftlichen Zahlen und Expertisen nicht zur Hand, um eine genaue Prognose zu machen. Aber ich habe ein Bauchgefühl. Und das sagt mir, dass wir, wenn wir Fortschritte machen bei der Impfkampagne und keine weitere Mutation mehr haben, die den Immunitätsschutz aushebelt, im Frühling aus dieser Krise gehen können.

Mit Hip-Hop und Pop-Musik für eine Impfung
Für knapp 100 Millionen Franken startet am Montag in allen Kantonen die sogenannte Impfwoche – unter dem Motto «Gemeinsam aus der Pandemie». Rund 80 prominente Sportler, Musiker und Politiker werden auf Inseraten und Plakaten für die Impfung werben. Zudem findet eine Informations- und Konzerttour unter dem Namen «Back on Tour» statt. Mit dabei sind unter anderem die Schweizer Künstler Stefanie Heinzmann, Stress, Baschi und Sophie Hunger. An den Gratis-Konzerten kann man sich beraten und impfen lassen. Mehr Informationen finden Sie hier.

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