Gewissen vor Umsatz? Der «Blick» und sein Sex-Problem

Gewissen vor Umsatz? Der «Blick» und sein Sex-Problem

In der «stärksten Zeitung der Schweiz» gibt es keine Sexkolumnen, keine erotischen Fotos und jetzt auch keine Werbung für Sexanrufe mehr. Hat die Zeitung ein Problem mit der schönsten Hauptsache der Welt?

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von Beni Frenkel am 12.7.2021, 12:00 Uhr
Kein Sex, kein Geld: Mit dem Verzicht auf Sex verzichtet der «Blick» auch auf eine schöne Einnahmequelle. Foto: Shutterstock
Kein Sex, kein Geld: Mit dem Verzicht auf Sex verzichtet der «Blick» auch auf eine schöne Einnahmequelle. Foto: Shutterstock
Im «Literarischen Quartett» kam es vor 21 Jahren zu einem heftigen Streit zwischen Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler. Besprochen wurde Haruki Murakamis’ «Gefährliche Geliebte». Wie der Titel vermuten lässt, geht es im Buch manchmal auch um Sex. Löffler echauffierte sich und sprach sich für ein Platzverbot solcher «Fast-Food-Literatur» aus. Die österreichische Kritikerin schimpfte über die «Männerphantasie», Ranicki konterte: «Ja, ist denn Männerphantasie schlecht?»
Letzte Woche überraschte Ringier mit der Mitteilung, dass sie die Erotik-Werbung im «Blick» streichen wollen. Die Seite mit den Anrufen («Jenny, alleine und einsam») sei nicht mehr zeitgemäss. Deswegen sei man auch gewillt, auf einen jährlichen Werbeumsatz von einer Million Franken zu verzichten.
Ganz oben auf der Prioritätenliste steht bei Ringier also nicht mehr der Umsatz, sondern das gute Gewissen. Dazu passt auch das «EqualVoice»-Vorhaben: Frauen sollen in den Ringier-Zeitschriften gleich häufig wie Männer zitiert, gedruckt und interviewt werden. (Lesen Sie hier: No Woman, No Auflage)
EqualVoice heisst auf Deutsch «gleiche Stimme». Mit der Streichung der Sextelefon-Werbung verlieren die Frauen so gesehen eine wichtige Stimme. Angelika, Nicole, Lisa und Ramona – es sind vor allem Frauenstimmen, die die Männerphantasien beflügeln.
Telefonsex ist etwas Schönes. Niemand wird verletzt. Die Angelikas und Nicoles plaudern mit den Anrufern und spielen etwas vor. Für viele Männer sind die 0906-Nummern ein Ersatz für die Dargebotene Hand.
Wer entscheidet darüber, ob diese Angebote nicht mehr zeitgemäss sind? Gerade in unserer anonymen Welt zählen solche Livemomente für Männer ab einem gewissen Alter zu den Höhepunkten. In Altersheimen werden zum Beispiel Sexualbegleiter aufgeboten, die die Bewohner in ihren Zimmern besuchen und zärtlich berühren. Ist das für Ringier auch nicht zeitgemäss?
Vor allem ein Satz führte im «Literarischen Quartett» zum Bruch zwischen Ranicki und Löffler. Der Satz richtet sich im Prinzip auch an die Führungsetage von Ringier: «Sie halten die Liebe für etwas Anstössiges, Unanständiges. Aber die Literatur befasst sich nun mal mit diesem Thema.»

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