Somms Memo

Departement Parmelin: Energiesparen schadet Ihrer Gesundheit

image 12. Oktober 2022, 10:00
Guy Parmelin (SVP), Wirtschafts– und Sparminister.
Guy Parmelin (SVP), Wirtschafts– und Sparminister.
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Die Fakten: Der Bund empfiehlt den Unternehmen, die Raumtemperatur auf 19 Grad zu senken. Gleichzeitig verschickt er ein Merkblatt, das vor den Gesundheitsfolgen warnt.

Warum das wichtig ist: Im Departement Parmelin weiss die rechte Hand nicht, was die linke tut. Vom Chaos in Bern.


Ich habe es mir nicht zum Ziel gesetzt, jeden Tag die SVP zu kritisieren, und verspreche Besserung. Doch was im Departement von Wirtschaftsminister Guy Parmelin (SVP) vor sich geht, kann nicht anders beschrieben werden als Variationen in
  • Arroganz
  • und Inkompetenz

Man kann auswählen, welchen Vorwurf man zu welcher Stunde erheben will. Es handelt sich um ein Kontinuum.
Zwei Beispiele:
Seit Wochen läuft in der Schweiz eine Kampagne des Bundes, um Bürger und Unternehmen dazu zu bewegen, Energie zu sparen. Mit Blick auf den kommenden Winter, wo eine Gas– und Stromkrise droht, werden wir von den Berner Beamten darüber aufgeklärt,
  • wie wir beim Kochen einen Kochdeckel verwenden
  • dass wir den Backofen nach dem Backen offenlassen sollten, um mit der Abwärme die Wohnung zu heizen
  • und Unternehmen wird nahegelegt, die Temperatur in ihren Büros und Fabriken auf 19 Grad Celsius abzusenken

Die Bilanz bisher ist nicht berauschend, wie die NZZ vor kurzem vorrechnete. Zwar fehlen konsolidierte Daten, doch allem Anschein nach haben die Schweizer im September genau so viel Strom verbraucht wie in den Jahren zuvor. Von Sparen keine Spur, von einer Wirkung der Kampagne ist nichts zu spüren. Bei Bedarf soll sie bis zu 13 Millionen Franken kosten, bis Ende Jahr sind 2,5 Millionen budgetiert Viel Lärm, viel Geld um nichts.
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Als hätte das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO von diesen Bemühungen des Bundes nie etwas gehört, stellte es in diesen Tagen den Wirtschaftsverbänden und Unternehmen ein Merkblatt zu. Unter dem Stichwort «Auswirkungen von Energiesparmassnahmen auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit» heisst es da:
  • «Jede Massnahme kann je nach Person kleinere oder grössere Auswirkungen auf das Wohlbefinden, physiologische Prozesse und somit auch auf die Arbeitsleistung haben. Deshalb ist es wichtig, dass Arbeitgebende ihre Mitarbeitenden frühzeitig informieren und alles, was möglich ist, unternehmen, um die Energiesparmassnahmen ohne unerwünschte Nebeneffekte umzusetzen»
  • «Als allgemeiner minimaler Richtwert im Winter für Arbeitsplätze an denen sitzend gearbeitet wird, gilt (…) 21°C. Diese Temperatur kann gesenkt werden (z. B. auf 19°C - 20°C), wenn im Gegenzug kompensatorische Massnahmen getroffen werden»

Die Energiepreise explodieren. Bald gibt es vielleicht gar keinen Strom mehr. Alle reden von einer Rezession. Manche Unternehmer stehen vor dem Ruin.
In einer solchen Lage haben die Beamten des SECO den Nerv, den Unternehmen auch noch «kompensatorische Massnahmen» vorzuschreiben. Woran haben sie da gedacht? Das Merkblatt empfiehlt:
  • «Anpassen der bestehenden Kleidungsnorm»
  • «kostenlose Abgabe von warmen Getränken», «wärmende Decken»
  • «Möglichkeit sich aufzuwärmen durch körperliche Aktivität und/oder Pause in warmem Pausen-, Ess- oder Aufenthaltsraum»

Man merkt, der Kreativität der Beamten waren keine Grenzen gesetzt, Silicon Valley in Bern, Wertschöpfung von Genies an der Aare:
Warum nicht verlangen, dass jede Firma auch noch ein Fitnessraum einbaut, damit die durchgefrorenen Mitarbeiter sich «durch körperliche Aktivität» warmhalten können?
Kosten? Geld? Diese Begriffe stehen in Bern nicht einmal im Fremdwörterduden.
Auch andere Sparmöglichkeiten betrachtet das SECO höchst skeptisch:
  • Das SECO rät davon ab, die Lüftung zurückzufahren, gerade «im Hinblick auf eine nächste Corona-Welle», da ansonsten «Viren, Luftverunreinigungen und Schadstoffe» für Sodom und Gomorrha sorgen
  • Auch der Gedanke, die Beleuchtung zu reduzieren, versetzt die Beamten geradezu in Panik: «eine Beeinträchtigung der Gesundheit» könne nicht ausgeschlossen werden, nämlich «Kopfschmerzen, übermässige Ermüdung, höhere Fehleranfälligkeit, verminderte Trittsicherheit»
  • Und das SECO gibt vor, wie hell man es denn gerne hätte: Lebensmittel- und Non Food Verkaufsflächen: ≥ 300 Lux Büros: ≥ 500 Lux Umschlagszentren und Lager: ≥ 100 Lux

Man beachte, wer es am hellsten haben darf. Die Menschen in den Büros. Die Richtwerte für Amtsstuben sind nicht bekannt. Wir vermuten 85 Lux, da die hellen Köpfe im SECO sich selbst beleuchten. Was ist los in Guy Parmelins Departement? Hat da jemand bürgerlich gesagt, gar super-bürgerlich wie SVP?
An einem Tag stellt sich der gutmütige Waadtländer neben die strenge Simonetta Sommaruga (SP) und ermahnt uns, dass wir alle sparen müssten, – am nächsten Tag warnen seinen Beamten vor den gesundheitlichen Folgen.
Parmelin hat sein Departement nicht im Griff. Seine Beamten machen, was sie wollen.
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Ein zweites Beispiel mag das kurz belegen:
  • Die Wirtschaft hat angeregt, dass jedem Unternehmen gestattet werden sollte, einen eigenen Sparplan mit dem Bundesamt für Landesversorgung (ebenfalls Departement Parmelin) zu vereinbaren. Denn die Unternehmen wissen besser als die Beamten, wo sie Energie sparen können. Eine typisch schweizerische Idee: eigenverantwortlich, dezentral, liberal
  • Im Gegenzug verlangte die Wirtschaft aber Anreize für die Firmen. Wer sich zu einem solchen, durchaus verbindlichen Sparplan verpflichtet, sollte von den obligatorischen Sparauflagen des Bundes ausgenommen werden. Diese treten dann in Kraft, wenn der Bund die Mangellage offiziell feststellt

Der Vorschlag verhungerte irgendwo in einem Vorzimmer eines Beamten im Bundesamt für Landesversorgung. Vielleicht war es zu dunkel, und er konnte ihn nicht lesen.
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Artur Brauner (1918-2019), Filmproduzent und Experte für das Schöne.
Oder wie es Artur Brauner, der grosse deutsche Filmproduzent, einmal gesagt hat:
«Sparsamkeit ist die Fähigkeit, Geld so auszugeben, dass es einem keine Freude bereitet.»

Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Tag Markus Somm

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