Den Frieden auf den Lippen, den Revolver in der Tasche

Den Frieden auf den Lippen, den Revolver in der Tasche

Wie ein Schweizer Jesuit im Wilden Westen der USA zum «Indianerapostel» wird und was davon bis heute übrig geblieben ist.

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von Dominik Feusi am 14.7.2021, 04:00 Uhr
St. Ignatius im Flathead-Tal in Montana (USA), der erste Einsatzort für P. Balthasar Feusi S.J. (Bild: Martina Nolte, CC-Lizenz)
St. Ignatius im Flathead-Tal in Montana (USA), der erste Einsatzort für P. Balthasar Feusi S.J. (Bild: Martina Nolte, CC-Lizenz)
Es geschah auf der holperigen Reise von Spokane im Bundesstaat Washington nach St. Ignatius in Montana, im Jahre des Herrn 1887. Die Postkutsche war schon ziemlich lotterig von den schlechten Strassen, als sie plötzlich in Schieflage geriet. Balthasar Feusi sprang geistesgegenwärtig vom Wagen herunter.

«Im selben Augenblick war auch der Postwagen umgestürzt. Ein Mann jammerte und schrie um Hilfe. Mit vereinten Kräften zogen wir ihn aus seiner qualvollen Lage unter dem Wagen hervor. Ich zog ihm Schuh und Strümpfe aus, wusch den wehen Fuss mit Messwein und gab dem Leidenden den Rest zu trinken.»


So erzählt es Feusi, 34 Jahre alter Jesuit, seiner Schwester Rosina in einem Brief ins heimische Hurden im Kanton Schwyz. Feusi ist kurz vorher zum Priester geweiht worden und auf dem Weg zu seiner ersten Stelle als Präfekt in einer Knabenschule in St. Ignatius im Bundesstaat Montana.

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Die alte Missionsstation in St. Ignatius (Bild: stignatiusmission.org)

In Kanada wurden bei kirchlichen Schulen Hunderte von Kinderleichen entdeckt. Darum sind die christilichen Missionare wieder in aller Munde. Wie war das damals? Missionare wie Feusi wollten Gutes tun, Menschen zur Kirche bekehren und sie ausbilden. Gleichzeitig standen sie mit ihrem Tatendrang zwischen den Fronten, zwischen Siedlern, Indigenen und der Regierung. Dies zeigen Briefe und Aufzeichnungen des Schweizer Jesuiten aus dem Nordwesten der USA.

Wie zu Hause

Die Gegend mit Seen und Bergen im Flathead-Tal gefällt ihm. Für den Schwyzer fühlt es sich wie die Heimat an. St. Ignatius ist eine Missionsstation, die gut dreissig Jahre vorher von Jesuiten gegründet worden ist – zur Missionierung und Ausbildung der indigenen Bevölkerung in der «Flathead Reservation». Aber die Gegend ist auch wild und gefährlich. Vor allem im Winter, wie er nach Hause berichtet:

«Wir haben zum Teil bis 36 Grad Reaumur Kälte (minus 40 Grad, Red.). In Dakota und Minnesota sind über 200 Menschen erfroren, nach neusten Berichten sogar in Dakota allein wenigstens tausend. An einem Ort ist ein Lehrer mit seinen sechzehn Schülern der Kälte erlegen.»


Feusi ist in diesen ersten Jahren ein durch die Weiten der Rocky Mountains streifender Missionar, zumindest stellt er das in seinen Briefen nach Hause so dar. Sie sind seine eigene Darstellung seiner Arbeit und entsprechend zu lesen. Fünf Jahre nach seinem Tod erscheint 1941 eine Biographie, die Auszüge daraus enthält. Heute sind die Briefe verschollen. Es gibt aber einige weitere Sekundärquellen zu den Einsatzorten Feusis, zum Beispiel Berichte der Regierung und einige Forschungsarbeiten aus dem 20. Jahrhundert. Gänzlich aufgearbeitet ist die Zeit allerdings nicht.
Dass an den Schulen der Jesuiten nicht alles gut war, wird vor zehn Jahren bekannt, als ehemalige Schüler wegen Missbrauchs juristisch gegen Schulen vorgehen. 2018 veröffentlichen die Jesuiten der amerikanischen Westprovinz eine Liste mit Mitgliedern, die mit «glaubwürdigen Anschuldigungen wegen sexuellem Missbrauch» bis ins Jahr 1950 zurück in Verbindnung gebracht werden und entschuldigen sich bei den Opfern und deren Familien.

Taufe und Kommunion

Neben der Aufgabe in der Knabenschule reitet Feusi zu entlegenen Familien. Er tauft die Kinder oder feiert mit ihnen die erste Kommunion. Manchmal sind es indigene Sippen, die zum Katholizismus konvertiert sind, manchmal sind es weisse Siedler. An der Schule in St. Ignatius werden 140 «Indianerkinder» zu Handwerkern ausgebildet – und natürlich getauft und zum Katholizismus erzogen, argwöhnisch beäugt durch die protestantisch geprägte, um nicht zu sagen jesuitenfeindliche amerikanische Regierung.
Feusi, ein einfacher Bauernsohn, erfuhr in der Ausbildung zum Jesuitenpater von den Missionsschulen der Jesuiten im äussersten Nordwesten der USA und meldete sich umgehend zum Einsatz – zum Leidwesen seiner Eltern. «Im Himmel sehen wir uns wieder», schreibt er seiner Schwester in seinem letzten Brief aus Europa. Er ist zweiunddreissig Jahre alt und er wird recht behalten.
Sein nächster Einsatz führt ihn nach St. Pauls, Montana, das mitten in einem Indianerreservat liegt. Heute heisst der Ort Hays. Er übernimmt dort eine vor wenigen Jahren aufgebaute Station. Zusammen mit sieben Franziskanerschwestern betreut er auch dort eine Schule für Kinder der Stämme der Gros-Ventres und Assiniboine. Die Ureinwohner waren bei einem Goldrausch Jahre vorher aus den Bergen vertrieben worden.

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Hays, Montana und St. Pauls Mission heute (Bild: Caroll Van West)
Feusis Vorgänger erwirkt mit einer Petition an den amerikanischen Präsidenten die Erlaubnis, dass sie zurückkehren können, berichtet er. Sie treten 1888 Land an die Regierung ab, im Gegenzug erhalten sie ein Reservat mit der Missionsstation. Als Feusi in St. Pauls eintrifft, zählt die Schule nach seinen Angaben 150 Schülerinnen und Schüler. Doch die Zustände sind alles andere als gut. Feusi gerät bald wieder zwischen die Fronten:

«Wenn Du meine Position verstehen willst, musst Du Dir Deinen Bruder auf folgende Weise vorstellen: seine Lippen verkünden die Botschaft des Friedens und des Evangeliums, während er in der Tasche schussbereit einen geladenen Revolver hält, um weisse und indianische Wüstlinge niederzuschiessen, die es darauf abgesehen haben, seine Schulmädchen wegzustehlen oder zu missbrauchen.»


So schreibt Balthasar Feusi aus St. Pauls an seine Schwester. Regelmässig kommt ein Abgesandter der Regierung vorbei. Doch der ist eher hinderlich. Feusi beschwert sich bei seinen Oberen über die Regierungsvertreter, weil sie nur Kindern die Schule bezahlen, deren Eltern Nahrungsmittelkarten erhalten. Er aber möchte alle Schüler ausbilden, die ihm gebracht werden.

«Sektiererische Schulen»

1894 beschwert sich ein republikanischer Abgeordneter aus Michigan über die Missionsschulen und verlangt die Streichung der Gelder für «sektiererische Schulen». Sieben Schulleiter zählt er namentlich auf, darunter Balthasar Feusi. Der Antrag wird allerdings abgelehnt.
Offensichtlich macht er seine Arbeit nicht schlecht. Mehrfach wird Feusi lobend in Berichten des amerikanischen Innenministeriums erwähnt. Der Jesuit baut, wo er hinkommt, zuerst eine Kirche, ein Schulhaus und landwirtschaftliche Gebäude. Er züchtet Vieh wie seine Familie daheim. Auch, weil er die fehlende Unterstützung durch die Regierung mit Einnahmen aus der Landwirtschaft kompensieren muss. 1895 wird Feusi ins 600 Kilometer südlich gelegene St. Stephens in Wyoming versetzt, kehrt allerdings noch zweimal nach Montana zurück.

Zürichsee in Wyoming

Auch dort baut er zuerst die Landwirtschaft auf. Dabei erstellt er einen grossen Teich für die Fischzucht, den er «Zürichsee» nennt. Der zuständige Vertreter der Regierung schreibt in einem Bericht für das Innenministerium, Feusis Schule sei «sehr effizient und bringe beste Resultate».
Feusi beschwert sich hingegen, dass die Regierung nur für 52 Kinder bezahle, er aber 87 habe. Die Indianer brächten immer mehr Kinder. Sie sähen eben, dass seine Schule besser sei als jene der Regierung. Das geht gemäss Feusi so weit, dass Vertreter der staatlichen Schulen bei Feusi vorbeigebracht werden, um ihre Zustände zu verbessern. Das Ziel der Schulen ist, die Indianer zu zivilisieren, wie er in seinen Briefen durchblicken lässt. Darunter versteht er eine sesshafte und katholische Lebensweise.

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Gebäude der St. Stephens Indian Mission in Wyoming (Bild: saintstephensmission.com
Die Kinder lernen an der Missionsschule jedoch auch Sprachen, üben das Zeichnen und machen Gedächtnisübungen, wie Balthasar Feusi nach Hause berichtet. Eine Musikkapelle gibt es ebenfalls. Bei einem Preisausschreiben zum Thema «Hausbau» gewinnt die Missionsschule elf Preise, die drei anderen, staatlichen Schulen der Gegend nur deren sechs. Feusi schreibt stolz, dass man deshalb die Schulhefte nach Washington habe schicken müssen.

Besuch des «protestantischen Beamten»

Wenn Feusi Besuch eines Agenten erhält, achtet er darauf, die Schule als patriotische Einrichtung zu präsentieren. Ein «protestantischer Beamter» berichtet 1895 nach Washington, wie er mit einem patriotischen Programm empfangen worden sei, bei dem nur kleine religiöse Dialoge eingestreut gewesen seien. An der Wand habe ein grosses Gemälde von George Washington zu Pferde gehangen.
«Aber darüber hinaus wurden auch unsere Vorurteile von der geistigen Fähigkeit der Indianer stark korrigiert, wenn nicht ganz genommen, als die Klasse im Rechnen auftrat. Alle aus dem praktischen Leben genommenen Aufgaben lösten sie im Kopfe.»
Der Missionar steht auch hier zwischen einer dem Katholizismus feindlichen Regierung, der Urbevölkerung, weissen Siedlern und seinem missionarischen Auftrag. Doch er gewinnt das Vertrauen der ansässigen Stämme. Als die Regierung Vermessungsarbeiten im Reservat durchführen will, ziehen die Indigenen Feusi als Vertrauten bei, wie dieser nicht ohne Stolz nach Hause berichtet.

Kulturkampf auf amerikanisch

Doch es bleibt die Politik der Regierung, die Gelder für die Missionsschulen «abzudrosseln». Der Jesuit spürt, dass ein«Kulturkampf» gegen die katholischen Schulen bevorstehe «Wir leben unter der Tyrannei der Majorität», schreibt Feusi in Anlehnung an Alexis de Tocqueville. Viele in den USA seien geleitet von Fanatismus, Vorurteilen und Abneigung gegen die katholische Kirche. Das Ziel sei, die «katholischen Schulen zu unterdrücken und unmöglich zu machen. Und dies im Lande der Freiheit, wie es vom Amerikaner so gerne genannt wird.»
Feusi kritisiert auch das 1920 erlassene Prohibitionsgesetz, mit dem Alkohol in den USA verboten wurde. Damit wolle man wiedergutmachen, was man einst bei den Indianern angerichtet habe, schreibt er. Doch die Indianer würden einfach selber Schnaps brennen und so werde unter Polizeiaufsicht doch getrunken.

«Für unsere Leute hier hat das Prohibitionsgesetz nichts Gutes gebracht und kann nichts Gutes bringen, weil es einfach unvernünftig ist. Ich hoffe, dass die gesunde Schweizervernunft die Einführung dieses amerikanischen Unsinns in die schöne Schweiz niemals dulden wird.»


1930, Feusi ist bereits 77 Jahre alt, wird er ein drittes Mal nach St. Pauls in die Berge Montanas geschickt. Dort baut er 1931 eine kleine Kapelle für eine lang ersehnte Kopie der Schwarzen Madonna aus dem Kloster Einsiedeln, wo er einst das Gymnasium absolviert hatte.
Bei der Einweihung der Kapelle wird Feusi als Ehrenmitglied in den Stamm aufgenommen. Für die Weihe organisiert er eine Prozession, voran zwei Indianer hoch zu Ross. Die Kopie der Schwarzen Madonna wird von sechs Indianerinnen getragen. Dahinter schreitet der ganze Stamm. Für das Mittagessen hätten die Ureinwohner einen Stier gespendet, schreibt er nach Hause. Die Kapelle ist das einzige Bauwerk, das noch heute steht.

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Die von Feusi 1931-33 für eine Kopie der Schwarzen Madonna von Einsiedeln erbaute Kappelle (Bild: montanahistoriclandscape.com)

Trotz diesen Erfolgen sieht Feusi die Zukunft der Indianer nicht gut. Die «Indianerrasse» so schreibt er nach Hause, «wird meiner Meinung nach überhaupt aussterben». Vollblutindianer gebe es immer weniger. Inzucht werde den Zersetzungsprozess beschleunigen. «Die Halb- und Viertelblutindianer scheinen nur zu häufig ein Gemisch von schlechtem Indianer und schlechtem weissen Blut zu sein.» Hier helfe nichts, keine Diktatur, kein Gesundheitsamt, sondern nur die «Heiligkeit der Ehe, wie sie unser Heiland gelehrt hat».

«Spiritueller Riese»

Anfang 1936 hat er in St. Pauls eine Herzattacke, an der er knapp drei Wochen später in Havre, Montana stirbt. Begraben wird er in Spokane, Washington, auf dem Friedhof der Jesuiten. Ein «spiritueller Riese» sei er gewesen, schreibt das von den Jesuiten herausgegebene Wochenblatt «America».

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P. Balthasar Feusi S.J. 1854-1936
Die Missionsstation in St. Pauls gibt es bis heute. Die Schule auch. Aber wegen Corona fehlen ihr die Lehrer. Ende Jahr könnte sie zugehen, wie eine Lokalzeitung berichtet. Die Kirchgemeinde besteht weiterhin, seit 2015 allerdings ohne Jesuitenpater.
(Hinweis: P. Balthasar Feusi S.J. ist der Sohn des Ur-Ur-Ur-Grossonkels des Autors.)

Quellen und Buchtipps:

Carl August Hegner: Ein schwyzerischer Indianerapostel, P. Balthasar Feusi S.J., Luzern 1941
Time To Call A Halt, Speech of Hon. William S. Linton, of Michigan, in the House of Representatives, Thursday June 7th, 1894, in: The American Tyler-keystone: Devoted To Freemasonry And Its Concerdant Others, Band 8, S. 540-544
Report auf the Secretary of the Interior, Volume II, Washington 1896
Report auf the Secretary of the Interior, Volume II, Washington 1897
America, Catholic Review of the Week, Band 54, 1936
Flannery, Regina: The Gros Ventre of Montana: Part I, Social Life. Washington DC: Catholic University of America Press, 1953.
William S. Stone: The Cross in the Middle of Nowhere: A History of the Catholic Church in Eastern Oregon, 1993
Wilfred P. Schoenberg: Jesuits in Montana: 1840-1960, 1960
Cornelius Michael Buckley S.J.: When Jesuits are Giants, 1999
Mindy J. Morgan: The Bearer of this Letter, Languages Ideologies, Literacy Practices and the Fort Belknap Indian Community, 2009
Gerald McKevitt: Brokers of Culture: Italian Jesuits in the American West, 1848-1919, 2006

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