Drei Tipps: So überzeugen Sie Menschen für ein Milizamt

Drei Tipps: So überzeugen Sie Menschen für ein Milizamt

Bürgerinnen und Bürger für Milizämter in den Gemeinden zu motivieren ist ein zähes Geschäft. Höhere Entschädigungen würden bloss zu Teilzeit-Verwaltungsangestellten führen. Wichtiger ist die Eindämmung der Bürokratie mit präzisen Anträgen und kurzen Sitzungen – und dann ab zum Bier.

image
von Martin Breitenstein am 17.11.2021, 11:00 Uhr
image
Bei den Zürcher Gemeinden herrscht anscheinend Personalknappheit allenthalben. Für die Rekrutierung von Verwaltungspersonal wirbt aktuell der Verein Zürcher Gemeindeschreiber und Verwaltungsfachleute (VZGV). Gemäss Selbstdeklaration des Vereins präsentiert sich die Kampagne «keck, farbenfroh und mit prägnanten Botschaften». Die Kampagne ist so keck, dass sie in Testimonials einen Sozialberater, einen Landschaftsgärtner, eine Gemeindeschreiberin und eine Bausekretärin auftreten lässt, die im echten Leben keineswegs kommunale Funktionäre sondern Schauspieler sind. Entsprechend gewinnend und professionell wirkt ihr Auftritt.

Plötzlich sind alle sehr beschäftigt

Für die Rekrutierung von Behördenmitgliedern wirbt aktuell der Verband der Gemeindepräsidien des Kantons Zürich (GPVZH) mit dem Slogan «Deine Gemeinde braucht dich». Die Kampagne kommt vielleicht etwas hölzerner daher, aber immerhin stammen hier die Testimonials von echten Gemeindepolitikern. Die Kampagne soll die Leute zur Kandidatur für die Behördenämter in ihrer Gemeinde ermuntern. Gerade in kleineren Gemeinden ist die Motivation von Bürgerinnen und Bürgern für eine Milizbehörde mitunter eine schwierige Aufgabe.
Es ist in der Regel nicht so, dass ein Wahlkampf um freie Sitze entbrennen würde. Oft ist schon alles erreicht, wenn man gerade so viele Kandidaten zusammenbringt, wie freie Sitze zu besetzen sind. Wer als Amtsträger für seine Behörde Vakanzen füllen musste, kann ein Lied davon singen, wie es plötzlich alle besonders streng haben in ihrem Beruf, eine aufwendige Weiterbildung absolvieren und dazu noch ihre Schwiegermutter pflegen müssen.
Wenn man dann in ein Amt gewählt worden ist, stellt man bald einmal fest, dass die Zahl der Sitzungen und der Zeitaufwand etwa doppelt so hoch sind wie angenommen, der Amtsvorgänger also darüber doch etwas geflunkert hat. Und wenn die Sitzung nicht enden will, braucht es besonders Geduld. Die Vereinbarkeit von Milizamt und Berufsausübung in Vollzeit kann in der Tat schwierig werden. Wie eine Befragung der Fachhochschule Graubünden von 500 Unternehmen und 1900 Milizamtsträgern zeigt, kann vor allem der Zeitaufwand für das Milizamt zu Schwierigkeiten führen.
Die amtlichen Verpflichtungen finden demnach immer öfter tagsüber statt und erfordern daher «eine gewisse Arbeitszeitflexibilität». Die Studie stellt etwa Vorschläge wie die Entschädigung des Arbeitgebers durch die staatliche Erwerbsersatzordnung für die Einräumung von Behördenzeit für den Amtsträger zur Debatte oder eine höhere Vergütung durch das Gemeinwesen für das Milizamt.

Primat der Politik statt Semi-Professionalisierung

Mit einer solchen Semi-Professionalisierung würde jedoch der Milizgedanke der möglichst schlanken Selbstverwaltung durch die Bürger schleichend untergraben. Die Milizämter würden nach und nach zu Verwaltungs-Teilzeitjobs mutieren. Es sollte nicht das vorrangige Ziel sein, Milizämter möglichst gut zu entschädigen. Wichtiger wäre, Milizämter wieder zu entbürokratisieren und sie zu zügig entscheidenden Führungsorganen zu ermächtigen. Auf der Ebene der Gemeinden bedeutet Primat der Politik, dass Milizorgane nicht zu Verwaltungsorganen degenerieren, sondern diese führen.
Die eisernen Regeln für jeden Präsidenten
In einer mentalen Geschäftsordnung eines jeden Präsidenten eines Milizgremiums sollten deshalb folgende Regeln stehen:
§ 1 Wir führen die Verwaltung, nicht sie führt uns. Sind Anträge unvollständig dokumentiert oder nicht nachvollziehbar begründet, weisen wir sie zur Nachbesserung zurück.
§ 2 Keine Sitzung dauert länger als eine Stunde.
§ 3 Nach der Sitzung gehen wir zum Bier.

Mehr von diesem Autor

image

Sieben Bundesräte sind auch heute noch genug

Martin BreitensteinHeute, 10:00comments

Ähnliche Themen

image

Interne Dokumente zeigen: Alain Berset forciert Armeeeinsatz

Serkan AbrechtHeute, 19:00comments