De Hans im Schnäggeloch oder: Die Sache mit der Normalität

De Hans im Schnäggeloch oder: Die Sache mit der Normalität

Was ist denn eigentlich Normalität?

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von Gottlieb F. Höpli am 6.8.2021, 10:00 Uhr
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Immer wieder, öffentlich und privat, wird das Schicksal der jungen Generation in Zeiten von Covid-19 beklagt. Sie gehe an ihrer «Sehnsucht nach Normalität» fast zugrunde. Es gibt eine andere Generation, die ebensoviel Empathie verdiente: die in Heimen und Residenzen kasernierten Alten. Aber: Was ist denn eigentlich Normalität?
«Am meisten», so schreibt uns eine Bekannte, «tun mir die Kinder und Jugendlichen leid, die nun schon seit fast 18 Monaten unter ihrer unerfüllten Sehnsucht nach Normalität leiden.» Mir nicht. Mir tun, wenn schon, am meisten die Alten leid, die seit 18 Monaten nicht mehr aus ihren Institutionen herauskommen, in denen sie von einer wohlmeinenden Gesellschaft eingesperrt wurden. Die nicht nur an den anderthalb Jahren leiden, die ihnen von ihrer Restlebenszeit gestohlen wurden. Gestohlen wurde vielen von ihnen nämlich auch gleich die ganze restliche Lebenszeit, weil sie den Weg zurück in ihre frühere Normalität nicht mehr finden. Weil sie aus der erzwungenen sozialen und geistigen Isolation nicht mehr herauskommen. Weil sie die Orientierung verloren haben.
Das hat Folgen: Die Zwangskasernierung – von einem Teil der Kasernierten gewiss auch mehr oder weniger einsichtsvoll gebilligt – hält heute viele ältere Menschen davon ab, ihren geplanten Umzug ins Altersheim, pardon: in die Seniorenresidenz zu vollziehen. Lieber verbleiben sie in einer Umgebung, deren Anforderungen sie zwar nicht mehr wie früher gerecht werden. In der sie aber noch eine gewisse Freiheit geniessen. Weil sie Bekannte und Freunde haben, die diese Freiheit verloren haben. Die hinter den Mauern einer Institution verschwunden sind, in denen das Leben angeblich viel bequemer und angemessener gelebt werden kann. Das Resultat: Die Anmeldungen und Eintritte ins Heim sind zurückgegangen, zum Teil dramatisch, und der Betrieb – oft von der öffentlichen Hand unterstützt – wird immer (noch) teurer.
Nein, ich will die Jungen nicht gegen die Alten ausspielen. Die Jungen haben zum Teil beträchtliche Einschränkungen auf sich nehmen müssen. Für die Alten, für die ganze Gesellschaft, also auch für sich selbst. Diesen Einschränkungen können sie sich entledigen, indem sie sich impfen lassen – die Begeisterung dafür scheint sich in Grenzen zu halten. Vor allem aber: Diese Jungen haben eine ganze Zukunft vor sich, fünf, sechs, sieben Dezennien, in der sie ihr eigenes Leben in die Hand nehmen können. Für diesen Weg sind sie in aller Regel nicht weniger gut gerüstet als vor dem Ausbruch der Pandemie. Vielleicht haben sie in dieser Zeit sogar wertvolle Erfahrungen sammeln können. Hätten es sogar tun müssen! So wie frühere Generationen die Erfahrungen von Weltkriegen, Entbehrungen, Hunger und medizinischer Ohnmacht gegenüber vielen Krankheiten gemacht haben. Und daran gewachsen sind.
Bleibt die Frage: Was ist eigentlich diese Normalität, nach der sich angeblich so viele zurücksehnen? Könnte es nicht sein, dass viele diese Normalität, so sie denn demnächst eintritt, viel weniger attraktiv und lebenswert finden werden, als sie es sich – und andere ihnen – ausmalen? Wollten nicht viele, gerade unter den Jungen, diese Normalität verbessern, verändern oder gar total umkrempeln? Herrschte denn nicht in dieser Normalität vor Covid-19 die Sehnsucht nach einer anderen, einer neuen Realität? Nach einer besseren Welt?
Nein, es reicht nicht, wenn die Empathie der Älteren der Sehnsucht der Jungen nach Normalität gilt. Dann blieben diese im – auch Älteren wohlbekannten – Verhaltensmuster vom «Hans im Schnäggeloch» stecken. Der hat bekanntlich alles was er will, aber: «Doch was er will das hät er nöd und was er hät das will er nöd.» Darum: Nein, es ist den Jungen nicht verboten, schon jetzt darüber nachzudenken, wie denn eine neue Normalität für die Welt aussehen könnte, in der sie leben wollen.

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