De Füfer und s’Weggli - oder warum nicht alles schwarz oder weiss ist

De Füfer und s’Weggli - oder warum nicht alles schwarz oder weiss ist

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von Mathias Binswanger am 22.4.2021, 19:20 Uhr
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Von klein auf werden wir darauf trainiert, die Welt in gut oder schlecht, Himmel oder Hölle, schwarz oder weiss und richtig oder falsch zu unterteilen.

Dieser Vulgärdualismus, der uns in naiven Bibelfehlinterpretationen, Märchen, Hollywoodfilmen oder politscher Propaganda ständig begegnet, erweist sich im echten Leben als wenig hilfreich. Zustände, die wir als gut empfinden liegen immer irgendwo in der Mitte und das Schlechte im Extrem. Beispielsweise sind sowohl totale Sicherheit als auch totale Freiheit die Hölle auf Erden. Totale Sicherheit bedeutet den völligen Verzicht auf Abenteuer und Überraschungsmomente, die wesentlich zum Glück der Menschen beitragen. Und es verunmöglicht das Entdecken von neuen Chancen und Gelegenheiten, die uns im Leben voranbringen. Die Situation ist wie bei einem im Käfig eingesperrten Löwen, der keinen Naturgefahren mehr ausgesetzt ist und sein Essen regelmässig serviert bekommt. Aber das entspricht nicht seiner Natur und er würde stattdessen gerne die für ihn als Löwe durchaus erträgliche Gefahr der Wildnis wieder in Kauf nehmen.
Umgekehrt ist aber auch totale Freiheit die Hölle. In diesem Zustand gibt es weder Sicherheit noch Geborgenheit. Man weiss nie, was am folgenden Tag geschieht und lebt dauernd unter Risiko. Auch das ist kein glücklicher Zustand, denn Menschen wollen nicht zu viele Risiken in ihrem täglichen Leben und schätzen auch eine gewisse Regelmässigkeit. Eine Antilope, die täglich in der Wildnis von Löwen gejagt wird, wäre wohl gerne bereit, ihre Freiheit gegen die Sicherheit eines Geheges einzutauschen. Denn was nützt einem die Freiheit, wenn sie mit permanentem Überlebenskampf verbunden ist?
Das Unglück lauert also auf beiden Seiten: bei übermässiger Freiheit und bei übermässiger Sicherheit. Mit andern Worten: Der Himmel auf Erden ist nicht schwarz oder weiss, sondern ein Zustand in Grautönen. Für wenig risikofreudige Menschen liegt dieser Zustand mehr auf der Sicherheitsseite und für Abenteuerlustige mehr auf der Freiheitsseite. Aber hier geht es nicht um schwarz oder weiss, sondern um hellgrau oder dunkelgrau.
Genauso ist es auch bei anderen Dingen. Das Extrem der Völlerei macht die meisten Menschen ähnlich unglücklich wie dauernder Verzicht. Und für die meisten Menschen ist es die Hölle, ständig mit anderen Menschen zusammen sein zu müssen. Aber mindestens genauso schlimm ist dauernde Einsamkeit. Denn Menschen sind grundsätzlich Herdentiere, die sich aber zwischendurch immer mal gerne von der Herde entfernen. Ein glückliches Leben liegt nie im Extremen, sondern zeichnet sich dadurch aus, dass sich gegensätzliche Bedürfnisse kombinieren lassen. Die Herausforderung liegt deshalb darin, solche Arrangements zu finden. Zwar wird man es nie ganz schaffen «de Füfer und s’Weggli» zu haben. Aber ein Dreier und das halbe Weggli sind meistens besser als nur «de Füfer» oder nur «s’Weggli».
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