Dating im Internet: Vier Frauen schildern, wie sie daran immer mehr verzweifeln

Dating im Internet: Vier Frauen schildern, wie sie daran immer mehr verzweifeln

Dass Online-Dating nur für schnellen Sex gut ist und man sich für sein Profil schämen muss, ist längst veraltet. Doch wie lohnenswert ist das Kennenlernen übers Internet wirklich? Wir haben mit vier jungen Frauen gesprochen, die sich in der Online-Dating-Szene bewegen – und oft enttäuscht werden.

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von Fabienne Niederer am 12.8.2021, 13:00 Uhr
Oberflächlichkeit unvermeidbar: Trotz der Nützlichkeit von Tinder macht es vielen Leuten zu schaffen, den potenziellen Partner 
nur aufgrund von Profilbildern beurteilen zu müssen. BILD: Shutterstock
Oberflächlichkeit unvermeidbar: Trotz der Nützlichkeit von Tinder macht es vielen Leuten zu schaffen, den potenziellen Partner nur aufgrund von Profilbildern beurteilen zu müssen. BILD: Shutterstock
Vor allem die jüngeren Generationen kennen es sehr gut: Es kommt ein Moment Langeweile auf, vielleicht auch ein Anflug von Einsamkeit, und bevor man sichs versieht, landet der Finger nicht etwa auf den anderen Social-Media-Apps wie Instagram, Snapchat oder TikTok, sondern eben auch auf Tinder, Bumble oder Lovoo. Nach ein paar Minuten des Nach-Rechts-Wischens erscheint schliesslich die freudige Nachricht: «It’s a match!»
Die Vorurteile, dass man auf Dating-Apps wie Tinder nur notgeile Menschen findet, die lediglich nach einer kurzen Affäre suchen, gelten eigentlich als überholt. Gerade in Corona-Zeiten ist es für viele junge Menschen der leichteste Weg, jemand Neues zu treffen. «Als man im letzten Frühling ohnehin niemanden live kennenlernen konnte, war es für mich sozusagen der letzte Ausweg, um mein Dating-Leben nicht ganz aufgeben zu müssen», erzählt etwa die 21-jährige Lisa*.
Wie ihr ging es in den letzten Monaten vielen Menschen. Wenn man sich nun unter den Bekannten im Alter von 20 bis 30 Jahren umsieht, scheint es, als habe sich beinahe jeder und jede die berühmte App mit dem pinken Flämmchen aufs Smartphone geladen. Das bestätigt auch eine Studie des deutschen Online-Portals «Statista». Laut ihr sind rund 400’000 Schweizerinnen und Schweizer auf Tinder unterwegs, und je nach Altersgruppe variiert es sogar noch mehr: Über ein Drittel der Männer zwischen 25 und 34 hat sich demnach die App heruntergeladen, während der Wert bei den Frauen bei knapp dreizehn Prozent deutlich tiefer liegt. Normalisiert ist Online-Dating also zumindest unter den Jüngeren allemal – aber wann wird aus einer gelegentlichen Ablenkung eine Garantie, verletzt zu werden?

Das Problem mit der «Offenheit»

Sieht man sich die Entwicklung von modernen Technologien an, so scheint es nur logisch, dass auch das Dating ins Internet verlegt wird. Warum auch nicht? Dienste wie Essenslieferung oder Shopping hat man schliesslich genauso revolutioniert. Nun kann das Handy auch das Kennenlernen deutlich bequemer machen. Einen der Nachteile, die Online-Dating mit sich bringt, bekommen aber vor allem junge Frauen immer häufiger zu spüren. Das Stichwort hier: «Hookup Culture».
Der englische Begriff beschreibt ein Phänomen, nach dem immer mehr Menschen feste Beziehungen gegen kurze Sexbeziehungen ohne emotionale Bindung tauschen. Und oft machen sie das auch mehr als deutlich: «In den meisten Fällen kann ich sagen, dass die Männer gute ‹Manieren› gezeigt und sich respektvoll verhalten haben», sagt Lisa. «Viele meiner Matches sind aber extrem schnell auf den Punkt gekommen – und haben, bevor wir uns überhaupt unterhalten konnten, sofort eine Freundschaft Plus, also eine Sexbeziehung, oder einen One-Night-Stand, vorgeschlagen.» Dabei sei es eigentlich nicht schlecht, die Erwartungen beider Seiten kurz abzusprechen. «Wenn es nicht aufkommt, erwähne ich auch selbst bald einmal, dass ich etwas Festes suche», sagt sie. «Das ist für mich dann auch eine Art Selbstschutz.»
Auf einen Satz reagieren die Frauen allerdings oft allergisch: «Ich bin offen für alles.» Zum Beispiel die 21-jährige Tamara. «Genau diese Einstellung hatte ich zuerst auch», gibt sie zu, «aber ich merke immer mehr: Wenn man mit dieser Mentalität etwas anfängt, wird in den allermeisten Fällen am Ende doch nichts Schlaues herauskommen.» Es scheitere daran, dass man nicht gleich von Beginn an geklärt habe, was man eigentlich möchte – und dass man sich selbst belügt. «Mittlerweile sagen Männer das auch oft, um eine Frau nicht zu verschrecken und sie ins Bett zu locken, während sie innerlich schon längst entschieden haben, dass sie keine Beziehung wollen.» Als Frau laufe man da zwangsläufig in eine Enttäuschung hinein. Das Szenario funktioniere aber auch umgekehrt: «Gerade wir Frauen sind uns, denke ich, oft auch gar nicht bewusst, dass wir nicht wissen, was wir wirklich wollen.» Erst wenn es schon längst zu spät sei merke man: So offen war die Einstellung dann doch nicht.
Auch die 28-jährige Gina ist Männern mit der «just for fun»-Mentalität schon oft begegnet «Ich habe das Gefühl, dass sich die meisten dieser Männer vor allem am Label ‹Beziehung› an sich stören, auch wenn sie vielleicht ohnehin längst alles tun, was zu einer Beziehung gehört.» Man wolle sich nicht einschränken lassen, seine Freiheit aufopfern – dabei bedeute eine gesunde Beziehung bestimmt nicht, dass man kein Privatleben mehr habe. Und ausserdem: «Wenn man sich wirklich gern hat, dann will man auch Zeit miteinander verbringen und gelegentlich Kompromisse eingehen. Das gehört nunmal dazu.»
Kommunikation ist also – Überraschung, Überraschung – durchaus wichtig. Nur wie? Die 23-jährige Thea erzählt davon, dass bei Männern von einem charmanten Chat-Einstieg oft nicht die Rede sein kann. Nicht selten werde es sogar in der ersten Nachricht nicht mehr jugendfrei: «Ich denke, das Problem ist, dass man oft einfach vergisst, dass sich da ein realer Mensch hinter dem Profil verbirgt.» Das stumpfe ab, senke die Hemmschwelle. Und wenn es erneut nicht klappt, die Nachrichten ignoriert werden oder es wieder nur bei einem One-Night-Stand geblieben ist, dann beginnen die Selbstzweifel. «Ich habe mich dann schon gefragt: Liegt es an meiner Ausstrahlung? Ziehe ich versehentlich immer nur die Art Männer an, die keine Beziehungen wollen?» Gedanken, die die Studentin bereits mehr als einmal dazu bewegt hätten, die App wieder zu löschen.

Dich mag ich, dich mag ich nicht

Wenn es eines gibt, in dem sich alle befragten Frauen einig sind, dann ist es: Die Oberflächlichkeit auf Tinder und Co. ist es, was sie an den Dating-Apps am meisten stört. «Das ist aber keinesfalls nur die Schuld der Männer», so Thea. «Ich merke es auch bei mir selbst: Vielen Leuten gibt man gar keine Chance, auch wenn sie eigentlich viel mehr Potenzial hätten.» Dabei habe man auf Apps wie Tinder natürlich gar keine andere Wahl, als oberflächlich zu sein. «Ich kann die Person ja nur aufgrund ihrer Bilder und gelegentlich der Beschreibung beurteilen», meint auch Lisa. Schwierig finde sie ausserdem, Vertrauen zum Dating-Partner aufzubauen. «Wenn ich den Anderen wirklich noch gar nicht kenne, hänge ich gewissermassen in der Schwebe. Es gibt niemanden, der mir versichern kann, dass er es ernst meint.» Gerade, wenn man aus einer Kleinstadt stamme, sei das ungewohnt – und je nachdem könne es sogar gefährlich werden. «Wenn ich mich zu einem ersten Date treffe, sende ich eigentlich immer mindestens zwei Freundinnen meinen Live-Standort – für den Fall, dass etwas schiefgeht», so Thea.
Ironischerweise mache die angebliche «Offenheit» des Gegenübers zudem eine richtige Verbindung oft kaum möglich. Es fehle der Wille, sich richtig kennenzulernen. «Auch wenn ich einmal selbst nur mit jemanden schlafen möchte, fände ich es doch schön, mein Gegenüber vorher noch etwas besser kennenzulernen. Manchmal bekomme ich aber nicht mal dazu die Chance.» Thea sei es wichtig, herauszuspüren, ob man auf der gleichen Wellenlänge sei. «Und ich will auch einfach sicher sein, dass ich als Mensch geschätzt werde. Für mich, nicht nur für das, was ich zu bieten habe.»
Gerade dieses Herausspüren werde im Netz zur Herausforderung. «Es ist sehr schwierig, einzuschätzen, wie das Gegenüber drauf ist, wenn man nur per Chat miteinander redet», sagt Tamara.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Verteufeln wollen die Frauen die Dating-Apps auf keinen Fall – schliesslich gibt es einen Grund, weshalb man am Ende doch immer wieder auf die App klickt. «Die Anonymität kann nerven, hat aber auch seinen Reiz», erklärt Gina. «Es ist unverbindlicher, man kann also jederzeit einen Rückzieher machen, wenn man beim Schreiben merkt, dass es doch nicht passt.» Und gerade als Frau sei man natürlich besser geschützt, wenn man zuerst über das Smartphone aufeinander trifft. «In einem Club beispielsweise muss man dagegen mit ganz anderen Reaktionen rechnen, wenn man jemandem ins Gesicht sagt, dass man kein Interesse hat.»
Das typische Match auf den jeweiligen Plattformen biete ausserdem Sicherheit. «Man bekommt damit gleich von Beginn an bestätigt, dass man dem anderen gefällt», so Thea. «Das ermutigt einen, auch selbst mal den ersten Schritt zu tun und jemanden anzuschreiben oder auf ein Date einzuladen. Im echten Leben würde ich mich das sonst viel weniger trauen.»
Schliesslich können Online-Dates auch genauso erfolgreich sein wie im realen Leben vereinbarte Treffen. «Auch wenn nicht immer etwas daraus wurde, waren diese Apps auf jeden Fall eine Chance, neue und interessante Menschen kennenzulernen» , sagt Gina. Und auch Lisa findet: «Es ist eine tolle Gelegenheit, mal ein wenig aus seiner Box herauszukommen und Leute kennenzulernen, die vielleicht sogar aus dem eigenen Umfeld stammen, aber die man bisher übersehen hat.» Das ermögliche viele interessante Dates – und nicht selten auch einmal eine unerwartete neue Freundschaft.
*Alle Namen sind der Redaktion bekannt und wurden auf Wunsch der Interviewten geändert.

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