Das wundersame Verschwinden von Spitalbetten

Das wundersame Verschwinden von Spitalbetten

Durch volle Intensivstationen lassen sich einschneidende Massnahmen, wie ein landesweiter Shutdown rechtfertigen. Doch wie begründet man ihn, wenn die Intensivstationen unterdurchschnittlich belegt sind oder gar Betten abgebaut werden?

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von Stefan Bill am 20.3.2021, 11:58 Uhr
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Der Bundesrat hat an seiner letzten Medienkonferenz bereits von einer dritten Welle gesprochen. Dies, weil die Zahl der laborbestätigten Fälle seit Mitte Februar wieder leicht ansteigt. Dass auch die Anzahl Tests seit Mitte Februar steigt, wurde nicht erwähnt.
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Zeitliche Entwicklung der Tests (oben) und der laborbestätigten Fälle (unten) pro 100'000 Einwohner.(Quelle: BAG – Stand 16.03.21)
Doch wie relevant sind diese Zahlen überhaupt noch, wenn man bedenkt, dass die Risikopatienten ja eigentlich bereits geimpft sein sollten? Die Begründung für den Shutdown vor einem Jahr war, dass man das Gesundheitssystem nicht überlasten wollte. Man hatte Angst vor einem Kollaps. Doch über den Zustand des Gesundheitssystems sagen Hospitalisationszahlen und die Anzahl Pflegebetten mehr aus, als die bestätigten Fälle. Zu Beginn des ersten Lockdowns hatten wir rund 1'200 Intensivpflegebetten zur Verfügung und innerhalb von zwei Wochen kamen nochmals 300 hinzu. Die Hospitalisationszahlen lagen im 7-Tagesschnitt vor genau einem Jahr bei 1,25 pro 100’000 Einwohner. Momentan haben wir noch 918 Intensivpflege-Betten, bereits seit November sind die Zahlen rückläufig. Rund 17% von den heute verfügbaren Intensivpflege-Betten sind mit Covid-Fällen belegt, über ein Drittel steht leer. Die Hospitalisationsrate liegt bei 0,39 Fällen pro 100’000 Einwohner. Ein drohender Kollaps scheint in Anbetracht dieser Zahlen eher unwahrscheinlich.

Am Anfang war die Hysterie

Aber noch einmal von vorne. Lassen Sie uns zurückgehen zum 2. November des letzten Jahres. An diesem Tag erreichten wir mit 10’559 positiv Getesteten einen schweizer Corona-Rekord. Dann, rund zwei Wochen später, am 17. November 2020 schrieb die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) in einer Stellungnahme, dass «die 876 von der SGI zertifizierten und anerkannten Intensivbetten praktisch vollständig belegt» seien. Die Medien haben das aufgegriffen und das Gefühl verbreitet, die Schweiz hätte auf den Intensivstationen keine Ressourcen mehr zur Verfügung. Das sorgte für einen Aufschrei in der Bevölkerung, der bis ins Ausland gehört wurde. Die New York Times titelte an diesem Tag «All of Switzerland’s intensive care beds are now full». Das Absurde daran: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) waren an diesem Tag noch 24,6 % der mehr als 1100 Betten frei. Dies, weil die SGI die von den Spitälern zusätzlich bereitgestellten Intensivpflege-Betten nicht einrechnet.
Doch warum wurden nur die zertifizierten Betten beachtet? Antje Heise, Präsidentin der Ärzteschaft der SGI und ärztliche Leiterin der interdisziplinären Intensivstation am Spital Thun, sagte gegenüber dem SRF, man müsse bei den zusätzlich geschaffenen Betten mit gewissen Einbussen bei der Behandlungsqualität rechnen, wenn auf zu viel fachfremdes Personal zurückgegriffen werden muss. Auf die Frage, wieviel schlechter die ad hoc geschaffenen Intensivstationen, gegenüber den von der SGI zertifizierten sind, sagte sie: «Das Ziel ist es, dass sie eben nicht schlechter sind.»

Alle Betten unter professioneller Aufsicht

Dass die zusätzlichen Betten nicht schlechter betreut werden, bestätigt Heise einen Tag später mit der Aussage, dass auch die zusätzlich geschaffenen Betten in ihrer Intensivstation im Spital Thun noch immer von ausgebildeten Intensivmedizinern betreut würden. An diesem Tag standen schweizweit 1127 Intensivpflege-Betten zur Verfügung.
Genau ein Monat später beschloss der Bundesrat die Sport-, Freizeit- und Gastronomiebetriebe zu schliessen und die Schweiz de facto in einen zweiten Shutdown zu schicken. Ziel dieser Massnahmen war es, die Gesundheitsversorgung sicherzustellen. Am Tag der Schliessung gab es in den über 150 Spitäler und Kliniken in der Schweiz noch 1018 Intensivbetten. Also bereits über hundert Betten weniger als noch einen Monat zuvor. Die Auslastung durch Covid Patienten betrug 42,5 % und die Auslastung durch Nicht-Covid-Fälle 30,3 %. Demnach waren 72,8 % der Betten belegt und 27,2 % der Betten waren immer noch frei.


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Zeitliche Entwicklung der Auslastung der Intensivstationen (Quelle: KSD – Stand: 16.3.21)

Ein berechtigter Grund für die Schliessungen?

War die Angst vor einer Überlastung der Spitäler also gerechtfertigt und ein Shutdown die einzig vernünftige Massnahme? Die SGI schrieb in einer Stellungnahme, dass die Bettenbelegung einer Intensivstation im Jahresdurchschnitt vor der Pandemie bei 75 Prozent lag. Also höher als die Auslastung am Tag des Schliessungsentscheides. Gemäss Maria Rodriguez, der Mediensprecherin des Triemli, lag die durchschnittliche Auslastung der Intensivbetten beim Zürcher Stadtspital vor Corona sogar täglich zwischen 90 und 100 Prozent.
Das BAG argumentierte bei der Verlängerung des Lockdowns am 6. Januar damit, dass die Covid-Fälle und die damit verbundenen Hospitalisierungen, besonders unter der Berücksichtigung der neuen Virus-Mutationen, nach den Feiertagen wieder ansteigen könnten. Verständlich also, will man keine 90-prozentige Auslastung der Intensivstationen, um genügend Platz für Patienten mit den neuen Virusmutationen zu haben, die im Triemli heute bereits die Hälfte der Fälle ausmachen.

Weniger Betten als im Sommer

Brisant: Die Anzahl von Intensivbetten sinkt im schweizweiten 15-Tagesdurchschnitt seit November kontinuierlich. Denn die zusätzlich geschaffenen Betten werden wieder an anderen Orten eingesetzt, wenn sie auf den Intensivstationen nicht benötigt werden. Am 23. Dezember, ein Tag nach der Schliessung, vermeldete das BAG noch 963 Betten. Anfangs März betrug die Anzahl der Betten auf den Intensivstationen dann noch 803, so tief wie seit dem Sommer nicht mehr. Gemäss BAG waren von diesen Betten noch 69,1 Prozent belegt. Allerdings lediglich 17,8 Prozent durch Covid-Fälle. Die Belegung von 51,3 Prozent durch Nicht-Covid-Fälle lässt sich wohl auf die nicht dringlichen Operationen zurückführen, die nachgeholt wurden, weil man sie im Dezember nicht durchgeführt hat. Denn Daniel Dauwalder, Mediensprecher des BAG schreibt auf Anfrage: «Die Belastung der Intensivstationen wird immer relativ hoch sein, da die Anzahl der elektiven Operationen erhöht wird, sobald die Covid-19-Patienten die Intensivstationen verlassen.» Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich schreibt dazu: «Im Kanton Zürich wurden rund 2'500 Behandlungen verschoben, welche nun nachgeholt werden müssen.» Bedenkt man allerdings, dass die Schweiz in der ersten Welle in der Lage war, über 1’500 Intensivbetten bereitzustellen, was rund 700 mehr sind als anfangs März, drängt sich die Frage auf, ob man diese Operationen überhaupt hätte verschieben müssen.
Zwar sind die Hospitalisationen seit dem 5. Januar kontinuierlich gesunken und mittlerweile so tief, wie seit Beginn der ersten Welle nicht mehr. Dies würde auch die Reduktion der Betten begründen, die man in der ersten Welle aufgebaut hat. Allerdings kommunizierte das BAG am 17. Februar, dass eines der Kriterien für einen zweiten Öffnungsschritt vor Ostern eine geringere Auslastung der Intensivplätze mit Covid-19-Patienten als 25 Prozent sei. Dass die Auslastung der Intensivplätze durch Covid-19-Patienten in Prozent als Richtwert für weitere Öffnungsschritte jedoch wenig Sinn ergibt, wenn die Plätze per se kontinuierlich weniger werden, bemerkte man wohl auch beim Bund. Denn eine Woche später schrieb das BAG in einer Medienmitteilung: «Für die Beurteilung des nächsten Öffnungsschrittes hat der Bundesrat Richtwerte festgelegt: Die Auslastung der Intensivplätze mit Covid-19-Patienten soll unter 250 belegten Betten liegen.» Dieses Ziel wäre momentan mit 165 Patienten erreicht. Wenn also die Angst vor einem Kollaps des Gesundheitssystems nicht der Grund ist für den Lockdown, was ist es dann?
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