Das Wunder der Lüfte

Das Wunder der Lüfte

Der Bundesrat beschliesst den Kauf der F-35. Das Flugzeug ist ein Meisterstück der amerikanischen Luftfahrtindustrie. Der Pioniergeist machte seine Entwicklung möglich. Ein Porträt.

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von Serkan Abrecht am 30.6.2021, 14:00 Uhr
Mit vollem Schub: Eine F-35 düst über den US-Bundesstaat Maryland. Bild: Lockheed Martin
Mit vollem Schub: Eine F-35 düst über den US-Bundesstaat Maryland. Bild: Lockheed Martin
«Es ist das beste Flugzeug, das ich je geflogen bin», sagt US-Testpilot Tony Wilson zu der «Welt». «Man hat uns an den Übungen so gut wie nie gesehen», sagt Testpilot George Watkins zu den Tarnkappeneigenschaften des Jets. Nun will auch die Schweiz mit diesem Jet fliegen. Auf ihren Stützpunkten machen Piloten und Militärs Luftsprünge. Die F-35 Lightning II erobert die Welt. Israel, Grossbritannien, Polen, Dänemark, Italien, Australien, Japan – das Flugzeug geht weg wie warme Semmel.
Was macht die F-35 so speziell, so beliebt? Kurz: Alles.
Der Jet ist ein Kampfflugzeug der sogenannten 5. Generation. Die meisten Armeen auf der Welt fliegen mit Flugzeugen aus der vorgängigen 4. Generation. Auch die Schweiz. Ob Hornets, Super Hornets, Fighting Falcon, Rafale, Eurofighter und wie sie alle heissen, sind Maschinen aus der Zeit des Kalten Krieges. Konzipiert für einen Luftkrieg mit der Sowjetunion oder China.
Lange baute man Kampfflugzeuge nach dem immergleichen Schemata: schneller, wendiger, kräftiger. Die Elektronik wurde zwar dem jeweiligen Jahrzehnt angepasst, aber niemand machte den nächsten Schritt in die digitale Welt des Krieges. In die der multiplen Kampfführung. Wo war das Flugzeug des 21. Jahrhunderts? Das Flugzeug der Generation IPhone und Bitcoin? Die F-35 ist es.
Auf in die Alpen: Der erste Flug einer F-35 in der Schweiz. Quelle: VBS

George W. Bush begründete das F-35-Projekt 2006. Es brauche einen Mehrzweckjet, den alle Truppengattungen der amerikanischen Streitkräfte einsetzen können, verlangte der ehemalige US-Präsident. Einen für die Air Force, die Marines und die Navy zugleich. Dazu sollte er Tarnkappeneigenschaften haben. Heisst: Das Flugzeug darf von keinen heutzutage gängigen Radargeräten geortet werden. Schneller als der Schall sollte er auch sein. Ein tödlicher, unsichtbarer Jäger und Bomber in der Luft. Kein Land hatte sich bis dahin an ein solches Projekt gewagt.
Die F-35 ist ein fliegender Computer. Unzählige Kameras und Sensoren analysieren die Umwelt, die Luftverhältnisse, die Verhältnisse am Boden, erspähen gegnerische Flugzeuge und Ziele. Der Flugzeug-eigene Computer kann in Millisekunden feindliche Radarsysteme am Boden und in der Luft erfassen, das Flugzeug bekämpft verschiedene Ziele gleichzeitig und der Computer warnt vor anfliegenden Raketen.
Dazu ist die F-35 fast nicht auffindbar. Die Amerikaner bei der Air Force und der Navy haben mehre Übungen mit der F-35 gegen ihre bereits bestehenden Flotten geflogen. Piloten von Maschinen wie der F-16 Fighting Falcon und der Super Hornet sagten alle, dass man die F-35 im Radar kaum hat kommen sehen – und hat man sie gesehen, war es meist zu spät.
Und US-Testpilot Watkins berichtet: «Es ist herrlich. Wir kommen ganz nahe an die gegnerischen Maschinen ran, ohne dass sie uns auf ihren Radar sehen können.»
Nachteile gibt es durch diese Tarnkantenkapazität allerdings auch. Beim Bau in der Flugzeugschmiede von Lockheed Martin im texanischen Fort Worth, wurden Vorsprünge, rechte Winkel und Kanten fast vollständig vermieden, was der Maschine ihr futuristisches Antlitz gibt. Durch ihre Form verliert die F-35 an Agilität. Was aber vernachlässigbar ist, weil der Gegner sie ja nicht orten kann, wenn sie irgendwo in der Luft herumdüst. Und düsen, das kann sie. Die F-35 ist mit dem leistungsstärksten Triebwerk ausgestattet, das je für ein Kampfflugzeug gebaut wurde. Zur Veranschaulichung: Das einzelne Triebwerk einer F-35 ist so stark wie beide Triebwerke eines Eurofighters (der ebenfalls evauliert wurde) zusammen.
Helping you safeguard the Skies: Werbevideo für die F-35. Quelle: Lockheed Martin

Noch etwas macht dieses Wunderwerk amerikanischer Ingenieurskunst so herausragend: der Pilotenhelm. In ihm fliessen alle die Daten und Informationen zusammen. 400’000 Dollar kostet das Stück. Jedes Visier ist so konzipiert, dass es als Heads-up-Display fungiert, genannt HUD. Dieses HUD ist ein Anzeigesystem, bei dem der Pilot seine Blickrichtung und damit seine Kopfhaltung beibehalten kann, weil die Informationen in sein Sichtfeld projiziert werden. Der Helm der F-35-Piloten arbeitet in Verbindung mit sechs hochauflösenden Kameras, die in die Haut der Maschine eingebettet sind. Der Pilot kann im Flug sprichwörtlich durch die Wände des Jets sehen, während die Bilder der Kameras in Echtzeit auf der Oberfläche des Visiers angezeigt werden. «Man sieht die Welt so, wie der Jet sie sehen würde», sagte Al Norman, ein weiterer Testpilot, der «Washington Post».
Dieses verbesserte Situationsbewusstsein erlaubt es den Piloten, feindliche Flugzeuge und Ziele am Boden zu sehen, die sonst von den Seiten des Cockpits verdeckt werden könnten.

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Futuristisch: Der Helm eines F-35-Piloten. Bild: Wikimedia Commons
All dies kann kein einziger nicht-amerikanischer Jet. Lockheed Martin hat – zum Ärger der Politiker – keine Kosten und Mühen gescheut, ein Flugzeug der Superklasse zu entwickeln. Amerikas Tüftler und Erfinder haben ein Flugzeug kreiert, auf das alle Supermächte neidisch sind und nachzubauen versuchen.
Indien probiert es immer noch und kommt nicht voran. Der Jet von Hindustan Aeronautics ist seit 12 Jahren in Entwicklung. Die Russen versuchten ebenfalls zu Lockheed Martin aufzuschliessen. Ohne Chance. Erst eine Maschine der fünften Jet-Generation mit Namen SU-57 konnte bislang an die russischen Streitkräfte ausgeliefert werden. Die Chinesen haben auch selbst eine produziert. 50 Stück der Chengdu J-20 gibt es mittlerweile. Ob dieses Flugzeug etwas taugt, ist unbekannt. Die Chinesen geben keine Details zur Maschine bekannt.
Lockheed Martin hat mit dem F-35 eine neue Ära der Luftfahrt und womöglich der Kriegsführung eingeläutet. Der Jet ist erprobt und fliegt in Einsätzen rund um den Globus. Und bald soll die F-35 durch den Himmel über den Schweizer Alpen rasen. Unsichtbar und gefährlich.

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