Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!

Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!

Immer häufiger sehen wir uns in der öffentlichen Diskussion mit der scheinheiligen Frage konfrontiert, «ob man denn so etwas noch sagen dürfe». Dabei wird oft mit falschen Karten gespielt. Das nervt.

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von Gottlieb F. Höpli am 30.7.2021, 10:00 Uhr
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Jüngstes Beispiel ist der Fall eines Beitrags im Onlinemedium «Die Ostschweiz», in dem die Impfkampagne des Bundes als «Genozid» und der federführende Bundesrat Alain Berset als «schwerkranker Psychopath» bezeichnet wird (der Beitrag ist in dieser Form nicht mehr zu finden). Die Redaktion verteidigte den Beitrag mit der Begründung, so etwas müsse man doch schreiben dürfen, solange es nicht gegen das Strafgesetzbuch verstosse (was womöglich der Fall war).
«Das wird man doch noch sagen dürfen» - dieser Begründung begegne ich immer häufiger, wenn es um einen Text geht. Nicht mehr: «Dieser Text ist notwendig, darum muss er publiziert werden». Oder doch wenigstens «informativ», «gut» oder – warum nicht – «ansprechend». Das hiesse immerhin, dass er andere Menschen anspricht. Das sind anscheinend nicht mehr die Kriterien, die zwingende Voraussetzung für die Veröffentlichung eines Textes sind. Er muss nicht Leser ansprechen, nein: es reicht, wenn er, tout court, eine Meinung äussert.
Das hätte in Zeiten analoger Kommunikation, in denen Menschen wie ich aufgewachsen sind, nicht gereicht. Im gedruckten Medium hatte die Redaktion zu beurteilen, ob ein Text, eine Information, und ja: auch eine Meinung genügend Relevanz besass, um ihm einen Platz auf einer Zeitungsseite zuzuteilen, auf den auch andere Beiträge aspirierten. Ob er, in Inhalt und Form, den Anforderungen genügte, die das Publikum an das Medium stellte. Für das es ja auch bezahlte.
Heute, in Zeiten digitaler Kommunikation, scheint diese Relevanz kein Kriterium mehr zu sein. Es gibt keine Auswahl, und daher auch keine Auswahlkriterien mehr, auf irgend einem der vielen digitalen Kanäle «seine Meinung zu sagen». Das kann jetzt buchstäblich jeder, sofern er überhaupt schreiben kann. Wird man doch einmal für seine Äusserungen angegriffen, kann man problemlos gleich zum Gegenangriff übergehen: Willst du mir etwa verbieten, meine Meinung zu äussern? Mich zensurieren? Mundtot machen? Wo bleibt denn die Meinungsfreiheit? Haltet den Dieb!
Das ist falsch, und wer so antwortet, weiss es: Niemand sagt oder schreibt seine Meinung nur, damit sie gesagt oder geschrieben ist. Und wendet sich dann anderen Dingen zu. Nein: Er bezweckt etwas. Er ruft in einen Echoraum hinein. Er nimmt Kontakt auf. Von dem er sich etwas erwartet. Mit einem Wort: Er kommuniziert. Weil man eben, wie der grosse Paul Watzlawick geschrieben hat, «nicht nicht kommunizieren kann.»
Das Wort steht zwar, wie schon Goethes Faust wusste, am Anfang. Ist aber eben nicht nur Wort, sondern auch Geist, Sinn, Kraft – und am Ende auch: Tat. Mit Worten, mit Pamphleten, Propaganda, Hetzreden werden Menschen zu Taten aufgestachelt. Schon seit jeher. Erst verbrennen sie unliebsame Bücher, dann Juden, oder sie marschieren zum Capitol, im festen Glauben, der Präsident marschiere mit ihnen. Worte können verletzen, Worte können töten.
Daher kann sich, wer Worte in die Welt setzt, nicht vor der Verantwortung drücken – Verant-wort-ung, jener Begriff der Ethik, in dem das «Wort» die zentrale Rolle spielt. Das musste wieder einmal gesagt sein. Das wird man doch noch sagen dürfen! Oder?

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