Das verbürokratisierte Schaf

Das verbürokratisierte Schaf

Jeder Wolfsriss ist bedauerlich. Doch der Schafbestand in der Schweiz ist stabil. Das hat viel mit Subventionen zu tun. Rund 24 Millionen Franken investiert der Steuerzahler jährlich in die Schafhaltung.

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von Claudia Wirz am 27.7.2021, 04:00 Uhr
Schafe am Nufenenpass.
Schafe am Nufenenpass.
Das Dickicht landwirtschaftlicher Vorschriften und Subventionen ist legendär. Selbst für Fachleute, die sich tagtäglich damit befassen, ist es schier undurchschaubar. Allein auf dem kleinen Feld der Schafhaltung gibt es eine Vielzahl von Beihilfen und Zulagen, die bis ins kleinste Detail und mit aller denkbaren Akribie reglementiert, administriert und statistisch erfasst werden.

Beiträge für fast alles

Da gibt es Zuchtbeiträge, Sömmerungsbeiträge und Alpungsbeiträge. Für ständig behirtete Schafe oder für Schafe auf einer «Umtriebsweide» (eingezäunte Fläche) werden höhere Sömmerungsbeiträge ausgerichtet. Dazu kommen Verkäsungszulagen. Fördergelder gibt es auch für die graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion und für den Herdenschutz.
Zudem gibt es Offenhaltungs-, Hang- und Steillagenbeiträge, je nach Neigungswinkel der Weide. Und schliesslich spendiert der Staat auch Beiträge für die Verwertung der Schafwolle, die ohne diese Subvention vermutlich niemand kaufen würde. Im Jahr 2019 gab es allein dafür gemäss Agrarbericht 2020 fast eine Million Franken. Trotz dieser Gelder wird aber immer noch ein Teil der Schweizer Schafwolle entsorgt. 2015 waren es rund 20 Prozent der Gesamtmenge. Aktuellere Zahlen sind (noch) nicht verfügbar.
Garniert wird dieser Strauss von Subventionen mit Grenzschutzmassnahmen, um die Schweizer Produktion vor ausländischer Konkurrenz abzuschotten. Das wiederum führt – wie bei allen anderen so geschützten landwirtschaftlichen Produkten – nicht nur zu einem verzerrten Wettbewerb, sondern auch zu künstlich überhöhten Preisen zugunsten der Produzenten und zulasten der Konsumenten.
Kommt nun ein interessierter Stimmbürger etwa im Zuge der Diskussion um den Wolf auf die kühne Idee, sich einen Überblick über die Situation der Schweizer Schafhalter und ihre staatliche Unterstützung zu verschaffen – er dürfte bald die Waffen strecken. Denn das Durcharbeiten der ungezählten Tabellen, Statistiken und Berichte ist für einen Laien nicht nur fast abschreckend kompliziert, sondern auch fehleranfällig. Ein Schelm, der denkt, da stecke eine List dahinter.

Viel mehr Abstürze als Risse

Wer sichergehen möchte, holt sich deshalb lieber Rat beim Experten, etwa bei Simon Hasler, Leiter Fachbereich Direktzahlungsgrundlagen beim Bundesamt für Landwirtschaft. Laut Hasler wird die Schafhaltung in der Schweiz mit insgesamt rund 24 Millionen Franken pro Jahr unterstützt (davon 21 Millionen Franken als Direktzahlungen). Dabei gilt es anzumerken, dass die meisten Empfänger dieser Gelder die Schafhaltung im Nebenerwerb oder als einen von mehreren Betriebszweigen betreiben. Für die wenigsten von ihnen sei die Schafhaltung allein existentiell, sagt Hasler.
Es ist eine Binsenwahrheit, dass Menschen auf ökonomische Anreize reagieren. Wenn nun also in der Schweiz die Anzahl Schafe seit Jahren mehr oder weniger stabil ist – Wolf hin oder her – , deutet das darauf hin, dass die Bedingungen für die Schafhaltung gut sind, sich zumindest nicht verschlechtert haben. Das sei, sagt Hasler, mit dem Zusammenspiel von Subventionen und Grenzschutzmassnahmen zu erklären.
So schmerzhaft Wolfsrisse auch sein mögen – die Existenz von Schafhaltern bedrohen sie nicht, auch wenn die emotional geführte Diskussion um gerissene Schafe oft anderes vermuten liesse. Gerade während der Sömmerungszeit werden deutlich mehr Tiere Opfer von Unfällen, Krankheiten und Abstürzen als von Wolfsrissen. Im Jahr 2018 etwa wurden im Kanton Bern 29 Schafe durch den Wolf gerissen; rund 400 gingen laut den Zahlen des Veterinäramtes hingegen durch Krankheiten und Abstürze verloren.

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