Corona und die Jugend: Das Utoquai wird zum Clubersatz. Alkohol, Unruhe, maskenfrei

Corona und die Jugend: Das Utoquai wird zum Clubersatz. Alkohol, Unruhe, maskenfrei

Der Zürcher Utoquai ist für viele junge Leute zum Club-Ersatz geworden. Die Gewalt hat zugenommen, die Polizeipräsenz auch. Wir haben uns vor Ort ein Bild gemacht.

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von Stefan Bill am 13.4.2021, 04:00 Uhr
Am Utoquai verbringen jedes Wochenende hunderte von jungen Menschen ihr Wochenende. (Bild: bill)
Am Utoquai verbringen jedes Wochenende hunderte von jungen Menschen ihr Wochenende. (Bild: bill)
Freitagabend, 17 Uhr. Die milden Temperaturen, die Frühlingssonne und vermutlich auch der Lockdown-Koller treiben die Menschen an die frische Luft. Am Zürcher Seebecken herrscht Grossandrang. Zwei Frauen mitte dreissig bequatschen bei einem Kaffe aus einem weissen Pappbecher, den sie sich vom Takeaway geholt haben, die Trennung einer gemeinsamen Freundin. Daneben sitzt ein Mann in einem dunkelblauen Anzug auf der Treppe, trinkt ein Bier aus der Dose, hört den beiden Strassenmusikern zu, die ihre fünf Akkorde zum Besten geben. Die Stimmung ist gelassen, das Publikum bunt durchmischt. Jugendliche, Rentner und Familien mit Kindern spazieren vom Bellevue in Richtung Chinawiese oder wahlweise in die andere Richtung, sitzen auf dem Steg, trinken oder essen auf den Holzbänken.
So vergehen zwei Stunden. Dann beginnt sich die Szenerie zu ändern. Das Publikum der beiden Strassenmusiker wird immer jünger. Die Eltern klemmen sich die Skateboards ihrer Kinder unter den Arm und gehen nach Hause, die Rentner setzen sich die Masken auf und laufen zum Bellevue, wo sie auf ihr Tram warten. Dafür strömen immer mehr Jugendliche, die alle möglichen Dialekte und Sprachen sprechen, vom Stadelhofen in Richtung Seebecken. Sie suchen sich ein Plätzchen oder ihre Freunde, die bereits hier sind, bauen ihre Wasserpfeifen auf oder drehen sich einen Joint.
Bereits um 20 Uhr hat es fast ausschliesslich junge Menschen am See. Die beiden Strassenmusiker werden bereits von Dutzenden von Musikboxen übertönt. Alle paar Meter läuft eine andere Musikrichtung.
So sieht es an den Wochenenden am Utoquai aus. (Video: bill)
Die verschiedenen Lieder, die gespielt werden, sind repräsentativ für die Leute, die sich hier versammeln. Gemeinsam haben sie alle eigentlich nur eines: Sie sind jung. Doch auch einige Mitte-Fünfzig-Jährige mischen sich unter die Jugendlichen, trinken einen über den Durst.
Die Stimmung ist aber noch immer ausgelassen, der Alkohol fliesst in rauen Mengen. Der Alkohol, beziehungsweise dessen Konsum, scheint denn auch der Hauptgrund zu sein, warum sich hunderte Jugendliche hier zusammenfinden.
Dass dadurch die Stimmung angeheizt wird, ist klar. Auch die Polizei ist vor Ort. Drei angeschriebene Polizeiautos und drei blaue Kastenwagen mit Polizisten in Vollmontur zählen wir zu Beginn. Im Laufe des Abends fahren die Streifenwagen im Zehn-Minuten-Takt an uns vorbei, vereinzelt sind die Polizisten auch zu Fuss unterwegs.
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Die Polizei ist vor Ort und hält sich bereit. (Bild: bill)
Der Anlass für ihre Anwesenheit: Bereits mehrere Male kam es in den vergangenen Monaten zu wüsten Szenen. Schlägereien und sogar Messerstechereien. Die Jungen sehen die Langeweile als Auslöser für solche Ausuferungen.
Diese Ausuferungen sind auch der Grund, weshalb die Überwachungskameras, die die Stadtpolizei eigentlich bis nach dem Osterwochenende hängen lassen wollte, nun noch mindestens zwei weitere Wochen die Seepromenade filmen. Bei den Jugendlichen stösst die Massnahme auf Akzeptanz. Auf die Frage, wie sie es fänden, dass die Promenade Videoüberwacht werden, sagen mehrere Jugendliche, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollen: “Es ist sehr gut”, “perfekt”. Unsicher hätten sie sich aber vorher schon nicht gefühlt.
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Rechts oben im Bild ist eine der Überwachungskameras zu sehen. (Bild: bill)
Allgemein wollen viele hier keine Gewalt sehen. Man habe einfach genug von Corona, wolle feiern und trinken, ist der allgemeine Tenor.
«Es kann schon sein, dass sich ein paar Idioten nicht kontrollieren können, wenn sie dumm angemacht werden oder sogar extra hier herkommen, um Stress zu suchen, die meisten wollen aber nur eine gute Zeit haben», so eine junge Frau, die ebenfalls anonym bleiben will.
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Hunderte sind heute hier, um zu feiern. (Bild: bill)
Nach einer weiteren Stunde, ist das Seebecken voll von Jugendlichen. Hunderte drängen sich mittlerweile aneinander vorbei oder stehen in grossen Gruppen zusammen. Masken trägt hier keiner. Langsam breitet sich ein leichter Duft von Ammoniak in der Luft aus, der sich mit jenem von billigem Wodka zu vermischen beginnt. Musik dröhnt nun alle zehn Meter aus anderen Boxen. Die Jungen tanzen ausgelassen auf der Strasse, urinieren ungehemmt in die Büsche oder direkt in den See.
"Trinken und tanzen" lautet das Motto des Abends. (Video: bil)
Bier und Alkoholflaschen bersten in unregelmässigen, kurzen Abständen. Der Abfall wird mittlerweile einfach auf den Boden geschmissen, sämtliche Mülleimer sind voll.
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Sämtliche Mülltonnen und Abfalleimer sind bereits um 22 Uhr übervoll. (Bild: bill)
Eine junge Frau hält ihrer Freundin die Haare zurück, während sich diese übergibt. Die Szenerie erinnert an die Langstrasse vor Corona. Das Utoquai ist für die Jugendlichen ein Clubersatz. Tanzen, trinken und flirten was das Zeug hält.
Allerdings ohne Türsteher, ohne DJ und auch ohne WCs, denn diese sind geschlossen. Alle bis auf zwei. Davor bilden sich lange Schlangen, für viele zu lang. Nur Richtung Chinawiese stehen noch zwei Toitois – vor den normalen Toiletten, die aber abgeschlossen sind. «Da würde ich nicht reingehen», sagt ein hochgewachsener junger Mann, als er gerade aus der Toilette kommt. «Es ist wirklich hässlich», schiebt er noch nach, bevor er zurück zu seinen Freunden läuft, mit denen er sich gerade ein Duell im Beerpong liefert.
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Beerpongtische werden von zu Hause mitgebracht, um hier zu spielen. (Bild: bill)
Gegen 12 Uhr löst sich die Masse langsam auf, was sicherlich damit zusammenhängt, dass keine Nachtzüge fahren. Vereinzelte Gruppen bleiben noch länger. Doch die grosse Party ist vorbei. Was zurückbleibt ist Abfall, der Gestank und die Gewissheit, dass es hier am nächsten Tag wieder so zugehen wird.

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