Trotz Verboten: In der Schweiz raucht ein Viertel der Bevölkerung. Und wer aufhört, greift zu Alternativen.

Trotz Verboten: In der Schweiz raucht ein Viertel der Bevölkerung. Und wer aufhört, greift zu Alternativen.

Ein neues Tabakproduktegesetz, das in der Herbstsession im Parlament besprochen wird, will dem entgegenwirken. Die Einführung von Ersatzprodukten – wie Snus oder Elektronische Verdampfer – verspricht aber mehr Erfolg als Verbote.

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von Stefan Bill am 12.7.2021, 07:30 Uhr
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Die Schweiz soll ein neues Tabakproduktegesetz erhalten, das die momentan gültige Tabakverordnung ersetzen wird, in der die Herstellung, Kennzeichnung und Bewerbung von Tabakprodukten geregelt sind.
Das neue Gesetz, das momentan noch zur Schlussabstimmung im Parlament liegt, und dessen Einführung auf Mitte 2023 geplant ist, sieht vor, dass Tabak schweizweit nicht mehr an Minderjährige verkauft werden darf. Heute ist der Verkauf kantonal geregelt. Doch ausser den Kantonen Schwyz, Appenzell Innerrhoden und Obwalden haben bereits alle das Mindestalter von 18 Jahren für den Kauf von Tabakwaren eingeführt.
«Das neue Gesetz soll die Bevölkerung vor den schädlichen Auswirkungen des Konsums von Tabakprodukten und elektronischen Zigaretten schützen», steht auf der Webseite des Bundesamtes für Gesundheit. Man erhofft sich, die Anzahl Raucher um zwei Prozent zu reduzieren, was gemäss BAG eine Abnahme um 40'000 Rauchende bis im Jahr 2060 bedeuten würde. Dadurch erwartet man einen Rückgang der Gesundheitskosten um 214 Millionen Franken pro Jahr.

Verbote nützen nichts

Denn heute rauchen gemäss BAG über 27 Prozent der Schweizer Bevölkerung, die älter als 15 Jahre sind. Etwa 18 Prozent der Bevölkerung tun dies täglich. Gemäss der Eidgenössischen Zollverwaltung wurden im letzten Jahr in der Schweiz rund 9,3 Milliarden Zigaretten verkauft. Die Zahlen sind seit etwa zehn Jahren konstant, haben im letzten Jahr sogar noch leicht zugenommen – trotz der seit Jahrzehnten durchgeführten Präventionskampagnen an Schulen und der Erhöhung der Tabaksteuer. Besonders hoch ist die Zahl bei den 15- bis 24-Jährigen (31,7 Prozent) Die Schweiz liegt bei der Umsetzung wirksamer Massnahmen zur Tabakkontrolle gemäss einer Vergleichsstudie mit 36 europäischen Ländern auf dem zweitletzten Platz.
Um dem entgegenzuwirken, haben einige Kantone nebst den Verkaufsverboten an Minderjährige zudem Plakatwerbung, Kinowerbung oder Sponsoring für Tabakprodukte verboten. National ist lediglich die Werbung an Radio und Fernsehen untersagt. Zwar sieht das BAG in der «kaum eingeschränkten Tabakwerbung» unter anderem den Grund für das schlechte Ranking der Schweiz, doch diese wird im Gesetz nicht angepasst. Dafür sollen regelmässige Testkäufe das Verkaufsverbot überprüfen.
Doch eine Studie der Uni Basel, in der während fünfzehn Jahren über 80’000 Jugendliche unter 21 Jahren befragt wurden, zeigt nun, dass die eingeführten Verkaufsverbote in der Schweiz keinen signifikanten Einfluss auf das Rauch-Verhalten der Jugendlichen hatten. Es lasse sich keinen unmittelbaren oder langfristigen systematischen Rückgang der Rate von Rauchenden aufgrund von Verkaufsverboten erkennen, schreiben die Forscher. Die Jugendlichen würden sich die Zigaretten einfach in ihrem Umfeld besorgen. Zwar verliere das Rauchen durch Verbote an Coolness aber auch die Gefährlichkeit würde dadurch von den Jugendlichen nicht höher eingestuft werden.

Ersatzprodukte könnten helfen

Nebst den Verkaufsverboten sieht das neue Gesetz auch eine Einführung von Qualitätsstandards für elektronische Zigaretten vor. Zwar können diese E-Zigaretten bereits heute legal verkauft werden, aber nur wenn sie die Standards der EU einhalten. Eigentlich war auch die Legalisierung von Snus (Mundtabak) im Entwurf des Tabakproduktegesetzes vorgesehen. Allerdings wurde der Verkauf Snus aufgrund eines Bundesgerichtsentscheids im Jahr 2019 bereits früher als gedacht legalisiert. Das könnte den gewünschten Trend weg vom Rauchen bringen.
Der Verkauf Snus wurde 1995 in der Schweiz und in der EU verboten. Die Union lässt den Verkauf von Snus immer noch nicht zu – mit Ausnahme von Schweden, wo Snus ein Kulturprodukt ist, das schon seit über hundert Jahren von einem breiten Teil der Bevölkerung konsumiert wird.
Über 97 Prozent von den 27’758 Ex-Rauchern, die an der Umfrage teilnahmen, empfinden Verdampfer als effektives Mittel, um mit dem Rauchen aufzuhören.
Trotz des Verbotes in der Schweiz, konsumierten laut dem Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums im Jahr 2018 schon fast ein Prozent der Schweizer Bevölkerung Snus. Seit der Legalisierung des Verkaufs boomen die Produkte. Eine Onlineumfrage von European Tobacco Harm Reduction Advocates, an der über 37’303 Personen teilgenommen haben, lässt nun vermuten, dass dieser Boom auch weniger Raucher zur Folge haben könnte. Gemäss der Umfrage, haben 73,7 % der Snusnutzer und 83,5 % derjenigen, die auf elektronische Zigaretten konsumieren, die Tabak oder Liquids verdampfen, anstatt sie zu verbrennen, mit dem Rauchen aufgehört. Zudem empfanden über 97 Prozent von den 27’758 Ex-Rauchern, die an der Umfrage teilnahmen, Verdampfer als effektives Mittel, um mit dem Rauchen aufzuhören.
Dampfen und Snusen könnten also wirksame Alternativen zur Zigarette sein, was wiederum gut für die Gesundheitskosten der Schweiz wäre. Zwar warnen Tabak-Gegner vor einer Verharmlosung der Produkte. Denn Snus erhöht das Risiko für Mundhöhlen, Speiseröhren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs und kann Zahnfleischschwund verursachen, dennoch wird Snus für gesünder gehalten, als herkömmliche Zigaretten. Dies, obwohl ein Beutel Snus etwa so viel Nikotin enthält, wie drei Zigaretten. Doch das Krebsrisiko ist bei Snus tiefer als bei Zigaretten, weil der Tabak bei Snus pasteurisiert und getrocknet und zudem nicht verbrannt wird. Denn beim Verbrennungsprozess von Tabak setzen sich viele weitere schädliche Stoffe frei. Die Schadensminimierung war bei der Umfrage denn auch der meistgenannte Grund der Teilnehmer für die Verwendung von Snus oder E-Zigaretten.
Ob die nikotinhaltigen Ersatzprodukte, die mittlerweile in allen möglichen Aromen erhältlich sind, die Hürde für den Einstieg für Jugendliche herabsetzen, und so Jugendliche Niktotin konsumieren, die nicht angefangen hätten zu rauchen, ist allerdings nicht bekannt.
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