Das Risiko von Blackouts ist hausgemacht

Das Risiko von Blackouts ist hausgemacht

Es gibt kein Rahmenabkommen und darum wohl auch kein Strommarktabkommen mit der EU. Gehen in der Schweiz nun bald die Lichter aus? Die Gefahr besteht – aber nicht wegen der Union, sondern wegen der eigenen Energiepolitik. Eine Analyse.

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von Alex Reichmuth am 2.6.2021, 07:00 Uhr
Die Schweiz ist schon heute im Winterhalbjahr auf Stromimporte angewiesen. Bild: Shutterstock
Die Schweiz ist schon heute im Winterhalbjahr auf Stromimporte angewiesen. Bild: Shutterstock
«Tagesschau» am 27. Mai – am Tag nach dem Entscheid des Bundesrats, das Rahmenabkommen mit der EU nicht zu unterzeichnen: Die SRF-Journalisten machen das Strommarktabkommen zum Thema, das nun wohl auf absehbare Zeit auf Eis gelegt ist. Man sieht flackernde Lichter. «Drohen der Schweiz künftig Blackouts, Stromausfälle?», bekommt man zu hören.
Die ungewisse Zukunft des Strommarktabkommens gehört zu den am meisten vorgebrachten Sorgen nach dem Entscheid des Bundesrats. Schwarzmaler geben den Ton an. Sollte die Schweiz vom europäischen Stromhandel ausgeschlossen werden, warnen sie, könnte hierzulande der Strom knapp werden.
Richtig ist, dass die EU die Mitgliedstaaten verpflichtet, ab 2025 70 Prozent der internationalen Stromverbindungen für den Austausch untereinander zu reservieren. Ist die Schweiz nicht mit einem Abkommen an den europäischen Strommarkt angeschlossen, bleiben für den Austausch mit ihr weniger Kapazitäten. Das könnte zu Schwierigkeiten führen, wenn die Schweiz Strom importieren will, um die Versorgung sicherzustellen.

EU-Staaten sind auf Schweiz angewiesen

Das Risiko von Strommangel vergrössert sich auch, weil ohne Abkommen ungeplante Stromflüsse durch das Schweizer Netz zunehmen könnten. Um das Netz zu stabilisieren, wären vermehrt Ausgleichsmassnahmen nötig, etwa indem die Schweiz Wasser von den Stauseen turbiniert – Wasser, das dann für eine sichere Stromversorgung fehlt.
Und doch ist kaum anzunehmen, dass die Europäische Union die Schweiz in Sachen Elektrizität dauerhaft aussen vor lässt. Unser Land ist stark vernetzt und eine eigentliche Stromdrehscheibe. 30 Prozent des innereuropäischen Stroms fliessen durch die Schweiz. Die EU-Staaten sind existenziell darauf angewiesen, dass die Stromflüsse durch die Schweiz zuverlässig und stabil bleiben. Zudem hat das Land den Trumpf der Pumpspeicherkraftwerke, die unregelmässig anfallenden Strom speichern können und so viel zur Netzstabilität beitragen.

Die Schweiz ist eine eigentliche Stromdrehscheibe. 30 Prozent des innereuropäischen Stroms fliessen durch unser Land.


Natürlich würde es für die Schweiz etwas komplizierter und auch teurer, falls sie ohne Stromabkommen von bestimmten Verträgen und Gremien ausgeschlossen bleibt. Aber die EU kann nicht einfach sagen, sie arbeite mit der Schweiz im Strombereich nicht mehr zusammen. Es wäre ein Schuss ins eigene Knie - denn es würden Blackouts auf eigenem Gebiet drohen, etwa in Norditalien.

Gelassenheit trotz Donnergrollen

Man kann das mit den Strassenverbindungen durch unser Land vergleichen: Ohne den Gotthard, den San Bernadino und den Grossen St. Bernhard würde der innereuropäische Verkehr kollabieren. Die Europäische Union wird es sich schlicht nicht leisten können, einen ungeregelten Strommarkt mit der Schweiz zu haben. Von daher kann man dem Donnergrollen seitens Brüssel mit einer gesunden Portion Gelassenheit begegnen.
Und doch hat die Schweiz ein Problem. Denn ihr droht bis in einigen Jahren dennoch der Strom auszugehen – zumindest im Winter, wenn der Bedarf am höchsten ist, aber die Kraftwerke am wenigsten Energie produzieren. Bereits heute beträgt das Manko im Winterhalbjahr zwölf Prozent, das nur dank Importen ausgeglichen werden kann. Mit jedem Atomkraftwerk, das vom Netz geht, aber nicht ersetzt wird, wird die Situation kritischer. Denn gleichzeitig wächst der Strombedarf wegen der angestrebten Elektrifizierung des Verkehrs, dem vermehrten Einbau von Wärmepumpen und der immer stärkeren Digitalisierung.

Schuld an der Stromlücke, auf die die Schweiz zusteuert, ist nicht die EU, sondern die vom Volk abgesegnete Energiestrategie 2050.


Schuld an der Stromlücke, auf die die Schweiz zusteuert, ist nicht die EU, sondern die vom Volk abgesegnete Energiestrategie 2050. Das dabei vereinbarte Verbot für den Bau neuer AKW führt zu immer grösseren Versorgungsschwierigkeiten. Ein forcierter Ausbau erneuerbarer Energie kann daran nicht viel ändern, da die Sonne im Winter kaum scheint, und Windräder sowieso die meiste Zeit stillstehen.

Immer mehr Flatterstrom

Die Option Import wird dabei zunehmend fraglich, denn die umliegenden Länder steuern auf die gleichen Probleme zu: immer mehr unregelmässig anfallender Strom («Flatterstrom»), immer weniger Bandenergie. Die Schweiz kann darum nicht darauf zählen, dass das Ausland bei künftigen Strommangellagen aushilft. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob die Schweiz ein Stromabkommen mit der EU hat oder nicht. Denn die umliegenden Länder werden so oder so keine Elektrizität an die Schweiz liefern, wenn sie selber zu wenig haben.

Ohne neue AKW wird es keine Versorgungssicherheit geben. Es sei dann, die Schweiz stellt Gaskraftwerke auf.


Was von allen Journalisten und fast allen Politikern tunlichst verschwiegen wird: Die Atomkraft ist der Elefant im Raum, wenn es um die künftige Versorgungssicherheit geht. Denn ohne neue AKW wird es keinen zuverlässigen Strom geben. Es sei dann, die Schweiz stellt Gaskraftwerke auf – was aber den angestrebten CO2-Zielen, die angeblich so wichtig sind, diametral entgegensteht.
Würde die Schweiz den Ersatz der bestehenden Atomkraftwerke an die Hand nehmen, wären hingegen alle Probleme gelöst: Es gäbe keine Stromlücke im Winter. Die CO2-Ziele könnten eingehalten werden. Und das Land wäre nicht abhängig von Lieferungen aus den EU-Staaten. Die Bedeutung eines Stromabkommens würde weiter sinken.
Es ist bemerkenswert, dass die «Tagesschau» flackernde Lichter zeigt – jetzt, wo der Bundesrat mit dem Nein zum Rahmenabkommen einen Entscheid gefällt hat, der den meist europhilen SRF-Journalisten nicht gefällt. Nie wäre es ihnen in den Sinn gekommen, vor der Abstimmung über die Energiestrategie die Gefahr von Blackouts heraufzubeschwören, wo es um das Verbot neuer AKW ging.
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