Das pure Leiden mit den Schneuwlys

Das pure Leiden mit den Schneuwlys

Was tun, wenn man sich durch das gesamte Angebot von Netflix, Sky, Amazon Prime, Disney, Hulu und Co. durchgesehen hat, also nach schätzungsweise 200 Jahren Lebenszeit? Dann gibt es ja immer noch Play Suisse von der SRG. Aber Vorsicht: Die nächsten 200 Jahre werden anstrengend.

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von Stefan Millius am 3.5.2021, 13:00 Uhr
Screenshot: SRF
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Es waren die längsten 15 Minuten meines Lebens. Als gegen Minute 12 das Telefon klingelte, war das schon fast eine Befreiung. Jemand holte mich aus dem Universum des Ehepaars Schneuwly heraus. Dank an den Anrufer, auch wenn es ein Callcenter war.
Denn die SRF-Webserie «Experiment Schneuwly» ist wirklich ein Experiment. Man geht damit seiner eigenen Leidensfähigkeit auf den Grund. Der Inhalt (es ist ein etwas grosses Wort) der Serie: Ein mittelalterliches Pärchen wird durch den Alltag begleitet in einer Art Mockumentary-Stil. Offiziell läuft das unter Comedy. Man fände es vermutlich lustig, wenn man gerade aus fünf Jahren Geiselhaft in den Philippinen befreit worden wäre und erstmals wieder vor einem Bildschirm sitzt. Wenn man Alternativen hat, tut man sich das nicht länger als unbedingt nötig an.

Hirsche, Maigret oder doch Diät?

Wie bin ich an die Schneuwlys geraten? Ganz einfach: Sie werden im SRG-Streamingdienst «Play Suisse» prominent präsentiert. Das relativ neue Angebot, das ich mir in einer Kombination aus Neugier, Wagemut und blindem Leichtsinn endlich einmal näher anschauen wollte. Da ich gerade nicht in der Stimmung war für die Doku «Die Wege der Hirsche», eine 26 Jahre alte Folge von «Maigret» oder die Wissenssendung «Gewicht verlieren, ohne wieder zuzunehmen?», entschied ich mich eben für das Ehepaar, das vermutlich eine Art Karikatur auf die gutschweizerische Lebensart darstellen soll. Irgendwie klang es noch potenziell lustig.
Was es dann leider nicht war. Aber immerhin ist man nach einer Folge wieder zufriedener mit der eigenen Existenz. Mit den Schneuwlys will keiner tauschen. Und eben, es waren nur 15 Minuten, auch wenn sie sich nach 15 Stunden anfühlten. Wobei: Einmal habe ich gelacht. Und zwar, als ich den Callcenter-Verkäufer am Telefon, der mich unterbrochen hatte und der mir Kopierpapier verkaufen wollte, mit dem Argument «Wir sind ein papierloses Büro» abwimmeln wollte und er erwiderte: «Okay, aber wir haben auch Klopapier im Angebot, sind Sie da auch papierlos unterwegs?»
Damit hatte er mich, ich liebe Schlagfertigkeit. Ich habe bestellt (fünflagig), aufgehängt und mich dann doch noch durch die letzten drei Minuten mit den Schneuwlys gequält.

«Neue Art» des Fernsehens?

Aber selbst schuld, wenn man beschliesst, herauszufinden, was hinter Play Suisse steckt, das uns die SRG vor der Lancierung als eine Art «Schweizer Netflix» verkaufen wollte. Dabei wird man schon auf der Startseite vor der Anmeldung brandschwarz angelogen.«Entdecken Sie eine neue Art des Fernsehens», heisst es dort. Für jemanden, der gerade aus einem Wochenende mit 14 Stunden Binge-Watching auf amerikanischen Streamingangeboten zurückgekehrt ist, ist das eine ziemlich gewagte Behauptung. Denn Play Suisse ist nichts anderes als das, was für die meisten von uns schon lange Alltag ist, einfach mit einem viel kleineren Angebot und technisch weniger raffiniert umgesetzt. So gesehen also wirklich richtig schweizerisch.
Zugegeben: Neben den Schneuwlys gibt es bei SRF auch internationale Perlen des Filmschaffens wie den Oscar-gekrönten «No Man’s Land». Den habe ich aber bereits auf einem anderen Streamingdienst gesehen. Klar, die Schweizer Version ist kostenlos, aber angesichts der Fernseh- und Radiogebühren ist das ein sehr relativer Begriff. Wenn ich mein Geld Netflix in den Rachen werfe, weiss ich wenigstens, dass die Amerikaner es anlegen in eigene, hochstehende Produktionen, damit ich glücklich und damit Kunde bleibe. Die SRG hingegen betreibt mit Play Suisse eher eine Restentonne nach dem System: Was wir eh schon haben, können wir dort auch noch reinwerfen. Und das Publikum soll bitte klatschen.

Deutsch geht, aber dann bitte gut

Bleiben wir fair: Es gibt auf Play Suisse auch durchaus exklusive Angebote. Sollte man in der Tat das Bedürfnis haben, einen alten «Tatort» mit Stefan Gubser zu schauen, dem Schauspieler, bei dem man sich immer fragt, was der eigentlich beruflich so macht, dann braucht man diesen Dienst, man findet das weder auf Sky noch auf Amazon Prime. Aber das hat ja vielleicht seinen guten Grund.
Internationale Streamingdienste kaufen sehr wohl auch deutschsprachige Produktionen ein, aber offenbar haben sie dabei so etwas wie einen Qualitätsanspruch. Während bei Play Suisse ein Schweizer Bezug bereits reicht. Apropos Gubser: Die Frage, was er beruflich macht, stellt sich auch beim Drehbuchautor von «Experiment Schneuwly».
Surfen wir weiter auf «Play Suisse», mit dem die SRG offenbar das TV-Verhalten völlig neu erfunden hat. Was ist so richtig beliebt auf dem «Schweizer Netflix»? Ganz einfach: Das, was schon im Kino funktioniert hat. Die «Meistgesehen»-Liste umfasst Filme wie «Die göttliche Ordnung», den «Schellenursli», das «Fräuleinwunder» oder auch Marco Rimas «Handyman», der langsam auch schon unter «Oldie but Goldie» läuft.
Da zeigt sich, was die Nutzer auf dem SRG-Streamingdienst suchen: Das, was sie schon kennen. Wenn das der Sinn des neuen Angebots war: Ziel erreicht. Falls man die Lust auf etwas Neues wecken wollte: Das will keiner.

Dann doch lieber das Kaminfeuer

Aber siehe da: Als ich das Experiment bereits abbrechen will – das «Experiment Schneuwly» sowieso, aber auch das «Experiment Play Suisse», – werde ich doch noch fündig. Und zwar in der Rubrik «Slow TV – Entspannung pur». Da kann man die Schweiz von oben betrachten, mit dem Bernina Express durch die Landschaft fahren oder auch ganz banal einem Kaminfeuer zuschauen. Letzteres bietet zwar fast jeder Streamingdienst, aber hier habe ich immerhin das Gefühl, dass ich mir damit ein paar Franken meiner Serafe-Gebühren zurückhole. Was vermutlich sowieso das einzige Ziel der Übung war: Den grummelnden unfreiwilligen Kunden das Gefühl zu geben, sie bekämen nun mehr für ihr Geld.
Aber seit ich weiss, dass ich mit meinen Gebührengeldern die Kreation des Ehepaars Schneuwly mitfinanziere, geht es mir nicht wirklich besser.
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