Das Problem ist nicht Auschwitz, sondern Muschg

Das Problem ist nicht Auschwitz, sondern Muschg

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von David Klein am 30.4.2021, 06:00 Uhr
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Nach Adolf Muschgs Auschwitz-Aufreger kämpft man sich in der hiesigen Medienlandschaft einmal mehr mit stumpfen Argumenten durch das Meinungsdickicht.

Wie immer, wenn es um Auschwitz geht, diesen unseligen Ort, der wie kein anderer den millionenfachen Judenmord durch die Nazis symbolisiert, herrscht beredte Ahnungslosigkeit.

Pharisäer

Dabei ist es doch ganz einfach: Adolf Muschg hat ein Problem mit Juden. Hatte er immer schon. Alle, die sich jetzt empören, hätten das wissen können, hätten sie ihm zugehört. Muschg eilte Martin Walser nach seinen unsäglichen antijüdischen Ausfälligkeiten zu Hilfe und stand Waffen-SS-Mitglied Günter Grass bei, als dieser mit seinem Schüttelreim «Was gesagt werden muss» seine «letzte Tinte» ausgerechnet dafür verkleckerte, Israel zu diffamieren. Auf die Frage in der Radiosendung «Echo der Zeit», ob er es Grass übel nehme, seine SS-Zugehörigkeit erst so spät gebeichtet zu haben, antwortete Muschg, man müsse «wirklich ein Pharisäer sein» - also ein Jude - um Grass diesbezüglich zu kritisieren.

Strenggläubiger Pietist

Woher stammt dieses Ressentiment? Natürlich aus der Familie, wie immer. In der NZZ schreibt Muschg 2018 in einem Gastkommentar über seinen Vater, der ein «strenggläubiger Pietist» gewesen sein soll: «Als Leser des Alten Testaments wusste er, dass Gott einen so engen Bund nur mit einem einzigen Volk geschlossen hatte, den Juden; ich fürchte, das war ihm auch nicht ganz recht, denn die hatten ja auch seinen Sohn gekreuzigt.» Da muss man nicht lange werweissen, was der kleine Adolf in der Familie Muschg über Juden zu hören bekam. Und mal ganz ehrlich: Wer tauft seinen Sohn 1934 noch auf den Namen Adolf?

Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt

Ja, aber, werden jetzt viele einwerfen: Muschg hat Auschwitz doch schon früher thematisiert und sogar die Broschüre «Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt» veröffentlicht. Nun erfordert es weder Intelligenz, noch Zivilcourage, in Auschwitz ein Verbrechen zu erkennen. Ausserdem ging es Muschg mit dieser Sammlung seiner eigenen Artikel hauptsächlich darum, die Schweiz und ihren Umgang mit der eigenen Geschichte nach dem Holocaust zu kritisieren und den damaligen Schweizer Bundespräsidenten Jean-Pascal Delamuraz in Verlegenheit zu bringen, der 1996 gegenüber Schweizkritikern spöttelte «Manchmal, wenn ich einigen zuhöre, frage ich mich, ob Auschwitz in der Schweiz liegt».

Homo Sapiens

Denn Auschwitz ist für Muschg im Grunde ein Nebenschauplatz. Im St. Galler Tagblatt beharrt er darauf, dass Auschwitz «keine Ausnahme in der Menschheitsgeschichte» sei: «Wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. Aber es ist ein Teil der Geschichte des Homo Sapiens. Es ist jederzeit wieder möglich und es war auch nicht der einzige Genozid in der Weltgeschichte. Dass man die Einmaligkeit von Auschwitz hervorhebt, enthält auch einen Selbstbetrug.» Dass es auch andere Genozide gab, bestreitet niemand und natürlich waren die 8000 gütigen Christenmenschen, die in Auschwitz Dienst taten, von der Gattung des Homo Sapiens.
Doch den sozialistischen Gulags konnte man entkommen, indem man sich zum Kommunismus bekannte, den Roten Khmer, indem man die eigenen Eltern denunzierte. Durch Hitlers Rassenwahn waren die Juden aber qua ihrer Existenz unentrinnbar der Vernichtung ausgesetzt. Ausserdem gab es zu keiner anderen Zeit der Menschheitsgeschichte Tötungsfabriken, die explizit zur aktiven industriellen Vernichtung von Menschen geplant,gebaut und betrieben wurden.

Moralischer Kompass

Muschgs moralischer Kompass versagt jedoch nicht nur bei den Juden. 2010 verteidigte er den institutionalisierten sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule, wo sich Gerold Becker als Schulleiter an seinen teils minderjährigen Schutzbefohlenen vergriffen hatte. «Nähe ist ein Lebensmittel, kein Missbrauch», argumentierte Muschg, der «Grossintellektuelle der Schweiz» damals. Jürg Jegge, ick hör’ dir trapsen.
Aber, jetzt kommt’s: Mit dem, was Muschg über die «Cancel Culture» sagte, hat er selbstverständlich mit jedem Wort recht: «Man will Leute disqualifizieren, die Schwarze disqualifizieren. Das ist sehr ehrenwert. Aber diese Disqualifikation gerät ins genau gleiche faschistoide Fahrwasser des Ausschliessens der Anderen. Nur sind es jetzt andere Andere». Nicht, dass Muschg der Erste wäre, der die grassierende Cancel Culture zurecht kritisiert, aber diese Aussage leuchtet ein, der Auschwitz-Vergleich wäre gar nicht nötig gewesen.

Kakophonie der Empörung

In einer Kakophonie der Empörung übertreffen sich nun die üblichen Moraltrompeter bis zur Lächerlichkeit. Vor allem die mutlosen Funktionäre des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), dem selbsternannten Verwaltungsorgan der Meinungen der Schweizer Juden, kommen mit ihrer weinerlichen Entschuldigungsforderung als Ritter der besonders traurigen Gestalt daher: «Mit einem kleinen korrektiven Statement seitens Herr Muschgs wäre die Geschichte erledigt gewesen», lässt Jonathan Kreutner, Generalsekretär des SIG, verlauten, «eine Entschuldigung ohne weitere Relativierung ist nun angebracht.» Wie bitte? Kraft welcher Qualifikation und Kompetenz «erledigt» Kreutner im Namen der Schweizer Juden irgendwelche «Geschichten» und fordert Entschuldigungen?
Man sei enttäuscht, «dass Herr Muschg in dieser Hinsicht seiner Rolle als intellektuelle Stimme in keinster Weise nachkommt», so der SIG weiter. Aha. Wie wenn es keine Intellektuellen mit Ressentiments gegen Juden gäbe. Schon mal von Voltaire, Diderot, Schiller, Goethe, Richard Wagner, Pestalozzi, Schopenhauer, Heidegger, Hegel, Kant oder Erasmus von Rotterdam gehört? Sie waren alles bekennende Antisemiten.

Nationaldenkmal Muschg

Der Basler Schriftsteller Jürg Lederach bemerkte wohl schon 1997 Risse im Nationaldenkmal Muschg und frotzelte über ihn als den «unermüdlichsten, korrektesten, richtigsten, erfahrensten und, es auszusprechen gehört sich nicht, manchmal repetitiven Essayisten und Mahner der Schweiz».
Gesellschaften, die leichtfertig Protagonisten zu moralischen Instanzen erheben, bekommen üblicherweise was sie verdienen.
Im Fall der Schweiz ist das Adolf Muschg.
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