Das neue «Desertec»: Jetzt soll Nordafrika Wasserstoff liefern

Das neue «Desertec»: Jetzt soll Nordafrika Wasserstoff liefern

Vor einigen Jahren scheiterte das Wüstenstromprojekt «Desertec». Doch nun gibt es eine Neuauflage: Mit Hilfe von Sonnenstrom sollen afrikanische Länder Wasserstoff produzieren, der dann nach Europa gebracht wird. Doch es gibt Kritik an den Plänen.

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von Alex Reichmuth am 16.9.2021, 12:30 Uhr
Karikatur: Jürg Kühni
Karikatur: Jürg Kühni
Vor etwa zehn Jahren war das Projekt «Desertec» in aller Munde. Die Idee dabei war, dass in der sonnenreichen Sahara, wo kaum jemand wohnt, in riesigen Kraftwerken Solarstrom produziert und dann über mächtige Kabel nach Europa geleitet wird. Die Ankündigungen waren vollmundig, vom «Apollo-Projekt des 21. Jahrhunderts» war die Rede.
Dann war plötzlich Schluss. Die «Desertec»-Industrieinitiative zerstritt sich. Mehrere Grossunternehmen stiegen aus. Das war 2014. Seither hörte man nichts mehr von «Desertec».

Wasserstoff ist eine grosse Zukunftshoffnung

Doch nun soll die Idee auferstehen, in einer etwas abgeänderten Form. Neu soll nicht mehr Sonnenstrom von Nordafrika nach Europa fliessen. Mit dem Strom soll vielmehr vor Ort Wasserstoff herstellt und dieser transportiert werden.
Wasserstoff ist eine der grossen Zukunftshoffnungen, um von fossilen Brennstoffen wegzukommen und so die Energiewende zu schaffen. Mittels einer sogenannten Elektrolyse wird Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff aufgespaltet, unter Einsatz von Strom. Wird dafür erneuerbarer Strom verwendet, spricht man von grünem Wasserstoff. Dieser kann als Brennstoff Öl oder Gas ersetzen oder in einer Brennstoffzelle bei Bedarf wieder in Strom umgewandelt werden.

Wasserstoff soll dort zur Anwendung kommen, wo eine Elektrifizierung nicht möglich ist, etwa beim Antrieb von Flugzeugen oder Schiffen.


Die meisten Energieexperten sind sich einig, dass der Umbau der europäischen Wirtschaft zu einer klimaneutralen Produktion nur mit dem Einsatz von Wasserstoff gelingen kann. Das Gas soll dort zur Anwendung kommen, wo eine Elektrifizierung nicht möglich ist, etwa beim Antrieb von Flugzeugen oder Schiffen. Auch bei der Stahlproduktion oder in der chemischen Industrie kann fast nur Wasserstoff den Ausstoss von CO₂ verhindern.

Produktionskapazitäten in Europa reichen nicht aus

Entsprechend wird der Bedarf an Wasserstoff in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich riesig – so riesig, dass die Produktionskapazitäten in Europa nicht annähernd ausreichen dürften. Denn auch wenn der Kontinent in grossem Masse in Solar- und Windkraft investiert, wird wohl nicht genügend erneuerbarer Strom bereitstehen. Es hat zu wenig Sonne und zu wenig Wind, und es fehlt am Platz für grossflächige Kraftwerke. Entsprechend ist die Produktion von Wasserstoff in Europa viel zu teuer.
Der Kontinent wird in Zukunft also Wasserstoff importieren müssen. Von bis zu 85 Prozent Importbedarf ist die Rede. Und da kommt die alte «Desertec»-Idee ins Spiel: Was liegt näher, als in Nordafrika riesige Solar- und Windkraftwerke zu bauen, den produzierten Strom mit Elektrolyseuren in Wasserstoff zu verwandeln, und diesen nach Europa zu bringen?

Marokko ist in der Pole-Position

Bei der Wasserstoffproduktion in der Pole-Position steht Marokko. Das Land hat schon viel in erneuerbare Energie investiert. Sein Prestigeprojekt ist der Solarpark Noor auf der Hochebene von Ourazazate, wo eine halbe Million Hohlspiegel eine Flüssigkeit erhitzen, die mächtige Generatoren antreibt. Marokko will nun Weltmarktführer in Sachen Wasserstoff werden. Bereits hat das Land eine Pilotanlage zur Wasserstoffherstellung in Betrieb genommen. Geliefert wird nach Deutschland.

Im Juni 2020 hat Deutschland ein Abkommen mit Marokko zur Lieferung von Wasserstoff abgeschlossen.


Deutschland ist denn auch Vorreiter, was den Import von Wasserstoff angeht. Im Juni 2020 hat das Land ein entsprechendes Abkommen mit Marokko abgeschlossen. Vorgesehen ist, dass Marokko beim Aufbau einer Produktionsinfrastruktur geholfen wird. Eine Investitionssumme von 300 Millionen Euro ist zugesichert. «Damit schaffen wir in Marokko Arbeitsplätze für die vielen jungen Menschen, stärken die Technologieführerschaft in Deutschland und helfen, die internationalen Klimaziele zu erreichen», betonte Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, beim Abschluss des Abkommens.

Ohne Steuergeld geht es nicht

Auch aus anderen Ländern will Deutschland Wasserstoff importieren. Zu diesem Zweck haben 16 Unternehmen, unterstützt vom Bundeswirtschaftsministerium, die Stiftung «H2Global» gegründet. Diese soll weltweit grünen Wasserstoff einkaufen und ihn in Deutschland vertreiben.
Ohne Steuergeld geht es allerdings nicht. Grüner Wasserstoff ist selbst unter günstigen Produktionsbedingungen wie in Nordafrika oder Nahost deutlich teurer als solcher, der mit Hilfe von fossilen Brennstoffen erzeugt wird. Der deutsche Staat hat deswegen für den Aufbau von Energiepartnerschaften 2 Milliarden Euro reserviert, im Rahmen der nationalen Wasserstoffstrategie.
Weitere europäische Staaten fassen Wasserstoffimporte ins Auge. Nun soll sich auch die EU dafür engagieren. Dafür setzen sich europäische Parlamentarier ein. «In absehbarer Zeit wird es nicht möglich sein, den wachsenden Bedarf für klimafreundlichen Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen allein aus europäischen Quellen zu decken», schrieben Markus Pieper und Hildegard Bentele in einem Brief an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, wie die «Welt« berichtete.

Die EU soll die wirtschaftlichen Risiken übernehmen

In einem Papier skizzierten die beiden Abgeordneten ein Stiftungsmodell für europäische Wasserstoffimporte, das sich an der deutschen Initiative «H2Global» orientiert. Europäische Banken und andere Unternehmen sollen die Stiftung gründen. Die EU müsste die wirtschaftlichen Risiken übernehmen und Zuschüsse leisten. In der Schweiz gibt es bisher keine Bemühungen, Wasserstoff im grossen Stil in aussereuropischen Ländern zu produzieren und von dort zu importieren.

In Marokko ist das Wasser für die Elektrolyse knapp. Viele Regionen kämpfen heute schon mit Wasserknappheit.


An den geplanten Wassserstoffimporten nach Deutschland und anderen EU-Staaten gibt es Kritik. In Marokko ist das Wasser für die Elektrolyse knapp. Viele Regionen kämpfen heute schon mit Wasserknappheit. Zwar plant das Land, Wasserentsalzungsanlagen zu bauen. Aber auch diese müssten mit Grünstrom betrieben werden, wodurch der Bedarf danach weiter stiege.
Unklar ist weiter, wie der Wasserstoff nach Europa kommt. Naheliegend ist der Transport in Schiffen. Aber das wäre kostspielig und würde den Preisvorteil durch eine Produktion in der Sahara möglicherweise wieder zunichte machen.

Warnung vor neuen Abhängigkeiten

Kritiken warnen zudem davor, neue Abhängigkeiten zu schaffen. «Die Europäische Kommission vorzuschicken, damit Europa sich von der fossilen Energie-Abhängigkeit in die nächste stürzt, ist eine Dummheit», sagte Michael Bloss, Umweltpolitiker der Grünen im Europäischen Parlament, gegenüber der «Welt».
Wie real die Sorgen um neue Abhängigkeiten von fremden Staaten sind, zeigte sich im Frühling. Im Mai schlitterten Deutschland und Marokko in eine diplomatische Krise. Deutschland hatte die Entscheidung der USA kritisiert, Marokkos Souveränität über das Gebiet Westsahara anzuerkennen. Daraufhin zog Marokko seine Botschafterin aus Berlin ab. Die deutsch-marokkanische Entwicklungszusammenarbeit wurde ausgesetzt.
Wie die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schrieb, drohte auch die Wasserstoff-Partnerschaft zu platzen. Zumindest wurden Projektaktivitäten auf die lange Bank geschoben. Auch das neue «Desertec» hat seine Tücken.

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