Das Land steckt in der Krise – aber die Anpassung der Tastatur hat Priorität

Das Land steckt in der Krise – aber die Anpassung der Tastatur hat Priorität

Kennen Sie «ISO 8859-1»? Oder «Latin Extended-A»? Das sind Standards, die bald in den Verwaltungsstuben der Schweiz Einzug halten. Dank ihnen werden die Personenregister der Schweiz revolutioniert. Oder rèvōlûtíøníęrt.

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von Stefan Millius am 14.5.2021, 09:00 Uhr
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Es gibt Probleme, die drängen wirklich, und dennoch nimmt sich lange niemand ihrer an. Bis endlich eine «Arbeitsgruppe mit Vertretern von Gemeinden, Kantonen und Bundesämtern» die Ärmel hochkrempelt und die Aufgabe an die Hand nimmt. Wobei die eigentliche Arbeit damit erst losgeht. Denn die besagte Arbeitsgruppe hat eine Empfehlung für einen «Übergang zu einem einheitlichen Standard für alle Personenregister der Schweiz» herausgegeben.

Herr Palević atmet auf

Welches Problem damit gelöst wird? Dass Menschen in der Schweiz beziehungsweise ihre Namen nicht richtig erfasst werden. Zum Beispiel das sogenannte Akut auf dem Buchstaben «C», was dann so aussieht: Ć. Das findet man bei uns nicht, in der kroatischen Sprache aber sehr wohl.
Ein Herr, der – sagen wir mal – Palević heisst, taucht im Personenregister banal als Palevic auf. Was, wie uns das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement wissen lässt, «bei betroffenen Personen oft für Unmut sorgt.»
Das ist durchaus nachvollziehbar. Der Name ist etwas sehr Persönliches, und wenn jemand bei seiner Einbürgerung nicht korrekt im Personenregister erfasst ist, trägt er danach einen Pass mit sich herum, in dem dieser Name für seine Wahrnehmung falsch geschrieben ist. Ganz einfach, weil die Tastatur des Verwaltungsangestellten etwas limitiert war. Die Forderung, da Abhilfe zu schaffen: Sie ist nicht ganz abwegig.

Anpassung quer durchs Land

Doch diese Forderung löst einen wahren Rattenschwanz aus. Denn es bringt nichts, wenn sich nur der Bund in seinem Zivilstandregister auf den Zeichensatzstandard «ISO 88591-1 + Latin Extended-A» einlässt, der die Sonderzeichen fast aller europäischer Staaten umfasst. Im gleichen Atemzug müssen das auch die anderen Register im Land tun. Die kantonalen und kommunalen Ämter, die AHV und so weiter. Denn Personendaten werden munter ausgetauscht. Und vielleicht würde der PC des Zivilstandsamts im Dorf Hintermupsigen streiken, wenn die Daten von Herrn Palević eintrudeln, weil das Gerät nichts mit dem Sonderzeichen auf dem «C» anzufangen weiss.
Dann führt man eben den neuen Standard überall ein. Ob wir nun ISO X der ISO Y anwenden – wen kümmerts? Wobei: So über Nacht geht das nicht. Auch wenn offenbar der Unmut vieler Menschen erregt wird: Gut Ding will Weile haben. Vor allem beim Staat. Die Aktualisierung soll «bis Anfang 2024 vorgenommen werden», schreibt das EJPD in seiner Mitteilung. Denn man kann natürlich nicht einfach die Systeme auf einen neuen Zeichensatz modifizieren. Dafür braucht es zunächst die «entsprechenden Verordnungen». Und, noch viel wichtiger, man muss die allfälligen Gebühren berechnen und beschliessen, die auf Herrn Palević warten, falls er seine Dokumente nachträglich anpassen will.
Vermutlich müsste man sehr viele Gebühren eintreiben, um die Kosten, die auf allen Ebenen des Staates entstehen, auch nur ansatzweise zu decken.

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